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Des Teufels Steg: Seite 233
»Göttingen«, gab der Märchenautor mit müder Stimme von sich. »Zum Hauptbahnhof.« Der Fahrer sah sich den Fahrgast im Rückspiegel an, ob der Mann es mit dem Fahrziel ernst meinte. »Ähm … Aber es ist nicht gerade …« »Ja, ich weiß«, schnitt ihm Knöpfle das Wort ab. »Es ist nicht gerade billig. Aber bei mir ist soeben ein bisschen Geld frei geworden. So wie es aussieht, muss ich das Hotel nicht mehr bezahlen, gell? Dann fahren Sie schon mal los, mein Teuerster.« In seine Erinnerungen vertieft merkte Richard nicht, wie er in Thale ankam. Erst als ihm die ausgestorbenen Straßenzüge bekannt vorkamen, hielt er mitten auf der Fahrbahn an und sah sich um. Ja, konstatierte er die vollendete Tatsache, er war angekommen. Der Wunsch, gleich aufs Gas zu treten und durch die menschenleeren Straßen zur Seilbahn zu rasen, um mit einer Rose in der Hand Elke Käßler zu besuchen, war unermesslich groß. Aber Knöpfle widerstand der Versuchung. »Erst kommende Woche, erst kommende Woche«, flüsterte er sich beruhigend zu. Der Schriftsteller drehte noch ein paar Runden durch die Stadt, ehe er die Straße nach Treseburg nahm, aber diesmal suchte er nicht nach einem Hotel. Der Name und der Standort seiner Unterkunft war ihm bereits bekannt, dennoch musste seiner Meinung nach auch jetzt noch alles penibel genau und detailgetreu wiederholt werden, um das Glück, das er aktuell bitter nötig hatte, nicht zu vergraulen. Gespannt erwartete Knöpfle den Augenblick, wenn er endlich den Abhang ins Tal, zum Dorfplatz in Treseburg hinunterfahren würde, denn von dort bekam man zum ersten Mal sein Hotel zu Gesicht. Die Geschichte mit dem Namen des Hotels gab ihm keine Ruhe, bis heute. Er hatte nämlich in der Zwischenzeit nachgeforscht und herausgefunden, dass das Gasthaus schon immer den Namen »Forelle« trug, seit mehr als hundert Jahren. Aber der Märchenautor wusste auch, was er vor drei Jahren gesehen und in welcher Unterkunft er Quartier bezogen hatte. Nämlich in einer mit dem Namen »Zum blauen Karpfen«. Knöpfle fragte sich, ob die Namensänderung auch etwas mit den raumzeitlichen Sprüngen zu tun hatte oder es eine ganz andere geheimnisvolle Geschichte war, die er noch recherchieren musste. Der gelbe sportliche Mercedes bretterte mit Vollgas an dem Abzweig zur Roßtrappe vorbei und entfernte sich mit heulendem Motor in mörderischem Tempo auf der Landstraße nach Treseburg, als eine zottige Gestalt sich aus dem Straßengraben erhob, dem Wagen eine kurze Weile nachsah und geräuschlos wie ein Schatten auf die andere Straßenseite über die Fahrbahn huschte und alsdann im Gebüsch verschwand. Der »verrückte Schriftsteller« sah nicht in den Rückspiegel und hatte keine Kenntnis von der seltsamen Erscheinung, vielmehr blickte er konzentriert nach vorn, den neuen Entwicklungen entgegen. Zur selben Zeit, und der Tag neigte sich schon langsam seinem Ende zu, jedenfalls stand die Sonne verhältnismäßig tief über dem Horizont, beschäftigten sich die übrigen Figuren der dramatischen Ereignisse, die sich in nächster Zukunft im Bodetal abspielen würden, mit ihren eigenen Sachen. Jeder in seiner Welt.
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Katja, als hätte die Kellnerin eine Vorahnung über Richards baldiges Erscheinen gehabt, hatte schon vor fünf Minuten mehrere Flaschen Weißwein kühlgestellt und saß leicht zurückgelehnt in einem Stuhl auf der Terrasse vor dem Restaurant und wartete auf … Sie wusste selbst nicht, auf was oder wen sie wartete. Die junge Frau hatte einfach so ein Gefühl, dass sie heute noch mehr als genug zu tun bekam, und wollte die ruhige Minute für ein Päuschen nutzen. Mangels anderer Gäste beobachtete das Fräulein gelangweilt ein Pärchen namens Zimmermann, das zwei Tische von ihr entfernt in den letzten Sonnenstrahlen des Tages entspannt ein Hasseröder und eine große Portion Eis genoss. Am Küchentisch in ihrer Wohnung in Hannover schmiedeten gerade Wolfgang und Martha ihre Pläne für den kommenden gemeinsamen Urlaub, der schon übermorgen begann. Und nichts in der Welt, wie es schien, konnte die beiden mehr von ihrem Vorhaben abbringen. Mit nachdenklichem Gesichtsausdruck las Tischlergeselle Hannes im »Hexenhammer« und bereitete sich geistig auf eine ehrenhafte Mission vor, die Hexenjagd am Sonntag. Er hatte schon zeitig seine Jugendfreunde Jobst und Ruprecht über den bevorstehenden Feldzug der heiligen katholischen Kirche gegen den Aberglauben in Kenntnis gesetzt und sich ihre tatkräftige Unterstützung in der Sache gesichert. Nun erwartete der junge Adept jeden Augenblick das Eintreffen seines geistlichen Mentors, Vater Nicklas, der zur Stunde in Quedlinburg seine letzten Vorbereitungen vor der Abreise nach Wendhusen traf und den Herrn um gutes Gelingen ersuchte. Unterdessen sprach auch Irmel ihre leidenschaftlichen Gebete zu Jesus, der ihr eine Art Sündenablass gewähren sollte, noch bevor sie am kommenden Sonntag ihre sündigen Gedanken in Taten umzusetzen beabsichtigte. Über der Feuerstelle bereitete Cecilia derzeit in einem mit siedend heißem Wasser gefüllten Kessel eine heilende Mixtur zu und fragte Ursel dann und wann, wie sie dabei am besten vorgehen sollte, während Gerlinde ihren Tag im alten Stollen fristete und sich auf die Zeit des vollen Mondes freute, in der sie wieder Besuch aus dem Dorf zum Tale bekam. Für die »Nationalpatrioten« ging es morgen Früh endlich los zum Hexenfeuerfest und sie packten ihre Campingsachen und Alkoholvorräte in das Auto, derweil Elke Käßler ihren planmäßigen Dienst bei der Sesselliftbahn der Stadt Thale, dem morgigen Reiseziel der Jenaer Sektion, verrichtete und sich nichts sehnlicher herbeiwünschte als den baldigen Feierabend. Und keiner von ihnen ahnte, wie turbulent und schicksalhaft für sie die kommenden Tage werden sollten. Wirklich keiner.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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