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Des Teufels Steg: Seite 232

»Ey«, meinte zu Knöpfle nur irgendein »Rotzbengel« hinter dem Tresen spöttisch, »was haben Sie denn gestern genommen? Das hätte ich auch gerne!«

»Aber, hören Sie«, geriet der Legendensammler in Eifer, »vorgestern war doch jemand von Ihnen auf der Waldlichtung! Ein Hauptmann und sein Kollege … Er hieß Steffan. Wo ist er?«

Die Polizisten zuckten mit den Schultern. »Sie sollten jetzt lieber ganz ruhig nach Hause gehen, Herr Knöpfle, und ihr Schicksal nicht herausfordern«, sagte einer von ihnen und Richard begriff, dass es keinen Zweck hatte, sich weiter mit diesen sturen »Dummköpfen« zu unterhalten.

Wie viel Mal der Märchenautor den Trampelpfad zwischen der Bergstation der Kabinenseilbahn und der Waldlichtung hin- und hergelaufen war, um wenigstens eine, auch sei es eine mikroskopisch kleine, Spur von Elke zu finden, wusste er nicht mehr, irgendwann hatte er aufgehört zu zählen. Es gab nichts! Keinen einzigen Anhaltspunkt, der Aufschluss über den aktuellen Aufenthaltsort von Elke hätte geben können. Nichts, was auf die stürmischen Ereignisse der vergangenen Nacht auch nur entfernt hinwies. Nur eins ist ihm aufgefallen: An der Stelle, an der sich die Scheiterhaufen mit den Kreuzen in der Mitte der Lichtung gestern Nacht aufgeschichtet gewesen waren, entdeckte Richard drei Löcher im felsigen Boden. Aber er war sich nicht sicher, dass sie etwas mit der Sache zu tun hatten.

Einen kleinen Vorteil bei der ganzen Hoffnungslosigkeit hatte Richard durch seinen aktuellen Standort auf dem gestrigen Schlachtfeld und dem ehemaligen Zeltplatz der Nationalpatrioten aber nichtdestotrotz. Er konnte hier bei der Gelegenheit in sein Auto einsteigen und zur Roßtrappe fahren, um nunmehr nach Wolfgang Breitscheid zu suchen, statt seine vom endlosen Laufen wunden, wahrscheinlich mit unzähligen Blasen übersäten Füße zu strapazieren. Denn eigentlich, so nahm der erschöpfte Schriftsteller an, hätte sein Wagen nach wie vor am Waldrand neben dem Feld stehen müssen, wo er ihn geparkt hatte, als sie mit Elke hierhergekommen waren. Aber der gelbe Mercedes war nicht da, musste Knöpfle zu seinem größten Bedauern feststellen, als er schon erfüllt von vorfreudiger Erwartung aus dem Wald hinausgekommen war. Nun musste er doch noch den Roßtrappenberg aus eigener Kraft erklimmen. Es war ärgerlich, aber was konnte man noch erwarten, dachte er, wenn man ein schönes Auto unbeaufsichtigt im Wald für mehrere Tage stehenließ, außer dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit gestohlen werden würde.

Erwartungsgemäß fand Richard auch auf der Roßtrappe nicht den kleinsten Hinweis auf Wolfgang Breitscheid. Und Wilde Männer hatte er auch noch keine getroffen, als er plötzlich einen akuten Schwächeanfall erlitt. Dem Schriftsteller wurde es mit einem Mal schwarz vor Augen. Die schlaflose Nacht und der nervenaufreibende Tag unter höchstem körperlichen Einsatz machten sich bemerkbar. Er war erschöpft und brauchte Ruhe und Schlaf, und er hatte Hunger. Für heute war Schluss, entschied Richard. Bei der ganzen Aufregung hatte er gar nicht gemerkt, dass langsam der Abend anbrach und die Sonne bereits im Begriff war, sich hinter den Horizont zu verabschieden.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Der Märchenautor schleppte sich mühsam und schwerfällig die Landstraße nach Treseburg entlang und freute sich schon auf sein Doppelbett im »Blauen Karpfen«, während auf ihn im Ort die nächste Überraschung wartete, die letzte für heute. Das Tagesgestirn war schon untergegangen, als der gebeutelte Geschichtenschreiber den Abhang zum Ort hinunterwanderte und endlich auf dem Dorfplatz stehen blieb. Richard hob seine Augen, in der Hoffnung, auf der Terrasse vor dem Restaurant Katja zu sehen, die ihm gleich eine Flasche Weißwein bringen würde, und erstarrte in der Bewegung. Wo war er hier, fragte er sich entsetzt. Hieß der Ort überhaupt Treseburg? Auf das Ortsschild hatte er leider nicht geachtet.

Die Umgebung kam ihm vertraut vor, aber es konnte mitnichten dasselbe Hotel sein, das er vor ein paar Tagen verlassen hatte! Das Gebäude stand auf derselben Stelle, an der Brücke über die Bode, aber es sah völlig anders aus. Und das Merkwürdigste: Auf der Fassade stand der Schriftzug »Forelle«. Es schien nicht bewohnt zu sein, zumindest gab es keine Anzeichen dafür, dass man in dem Restaurant noch etwas Essbares zu Abend bekam, und die Fensterscheiben bedeckte eine dünne Staubschicht wie in Räumen, in denen Bauarbeiten durchgeführt wurden. Was in aller Welt ging hier vor? Und warum hieß das Hotel plötzlich »Forelle«?

Richard näherte sich dem Eingang und ihm stockte der Atem! Etwas abseits der Tür, standen seine gepackten Reisekoffer, als wäre er gerade erst angekommen und hätte sie hier abgestellt, um an der Rezeption einzuchecken. Sein Aktenkoffer mit Schreibutensilien lag obenauf. Er rüttelte an der Tür, sie war verschlossen und es gab keine Lebenszeichen dahinter.

Knöpfle ließ sich einfach vor der Tür auf den Boden nieder und machte sich eine Pfeife. »So, jetzt bin ich reif für die geschlossene Psychiatrie«, sprach er zu sich selbst gedanklich, während er vor dem Eingang saß und hin und wieder an der Pfeife zog. Das Beste war jetzt wohl, wie es ihm aktuell schien, alles zum Teufel sausen zu lassen und Richtung Heimat aufzubrechen. Aber ohne Auto? Zu dieser fortgeschrittenen Stunde? Doch andererseits: Wo sollte er denn heute übernachten? Es arbeitete in seinem Kopf: Wo konnte er jetzt in dieser gottverlassenen Gegend noch eine Zugverbindung nach Stuttgart auftreiben? Göttingen, kam er plötzlich auf eine verrückte Idee! Richard stand auf und ging zur Telefonzelle.

Es dauerte lange bis das bestellte Taxi kam. Erst nach etwa einer Stunde hörte der Schriftsteller das Brummen eines Motors und ein Wagen hielt auf dem Dorfplatz.

»Haben Sie ein Taxi bestellt?«, fragte der Fahrer mit strahlend fröhlichem Gesicht aus dem offenen Fenster.

»Ja«, antwortete Richard. »Bitte helfen Sie mir mit den Koffern.«

»Das machen wir doch immer gerne!«, sagte der gesprächige Taxifahrer, stieg aus und verlud das Gepäck in den Kofferraum.

»Das bitte nicht!«, bat ihn Knöpfle, als der Mann auch die Aktentasche zu den Reisekoffern legen wollte. »Das nehme ich mit mir.« Knöpfle nahm den Aktenkoffer und stieg hinten ein.

»Und wo soll es den hingehen, der Herr?«, wollte der Taxifahrer wissen.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 8.048
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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