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Des Teufels Steg: Seite 229

Doch ein richtiges zweites Mal war es nicht wirklich. Und streng genommen gab es auch kein »Damals«. Alles passierte hier und jetzt, nur dass Knöpfle schon im Vorfeld genau wusste, was ihn erwartete, so wie er es auch während der drei letzten langen Jahre gewusst hatte, welche Erlebnisse der nächste Tag mit sich brachte, in welchem Monat sein Buch erschien und auch sonst eine Menge Kleinigkeiten, die im Alltag einfach untergingen und die sich niemand richtig merkte. Aber der Märchenautor hatte Kenntnis davon, er war im Bilde über bevorstehende Ereignisse, wenigstens über die meisten.

Heute in der Früh, als Richard den Datumsschieber auf seinem Dreimonatskalender mit dem Zeigefinger nach rechts vom Mittwoch zum Donnerstag bewegt hatte und in dem Fensterchen die Elf erschienen war, wusste der »verrückte Schriftsteller« Bescheid: Es ging los! Denn der Kalender zeigte den elften August an. Neunzehnhundertvierundneunzig, wohlgemerkt. Es war der Tag, an dem für ihn vor drei Jahren alles angefangen hatte, und es war der Tag, an dem er nun seine zweite Reise in den Harz antrat, um die Zeitschleife zu unterbrechen, in die er allem Anschein nach unverschuldet hineingeraten war. Derselbe Tag, mit demselben Datum.

Etwas war schiefgegangen, damals auf der Teufelsbrücke, als sich die Zeitpforte geschlossen hatte. Der unsichtbare Pförtner, der im Verborgenen an den Fäden der Zeit zog, hatte sich wohl verrechnet, nahm Knöpfle an, und zwar genau um drei Jahre, denn als der »verrückte Schriftsteller« von seiner Kreativreise nach einer schlauchenden Fahrt mit der Bahn – seinen Wagen im Wald hatte Richard nicht mehr gefunden und war davon ausgegangen, dass er ihm gestohlen worden war – zurück nach Hause kam, entdeckte er in seiner Küche einen Kalender, der den zweiundzwanzigsten August anzeigte. Im Kopfbereich oberhalb der Monatsübersicht stand in Fettschrift die Jahreszahl 1991. In jenem Augenblick wollte es der ganz verwirrte Märchenautor noch nicht glauben, wenngleich sich dadurch auch die seltsamen Dinge hätten erklären lassen, die mit Knöpfle am Tag danach, als er nach der schicksalhaften Nacht noch nach Breitscheids und Elkes Spuren im Bodetal gesucht hatte, geschehen waren: Die merkwürdigen Blicke, mit denen ihn die Leute bedachten, wenn er sie nach etwas fragte, was sie noch nicht wissen konnten, und einfach schweigsam weitergingen, die schreienden Überschriften in den Tagesblättern am Kiosk, die er seiner Meinung nach schon alle irgendwo gesehen und gelesen hatte, zu Themen, mit denen er sich schon mal auseinandergesetzt hatte.

Erst am nächsten Tag, als er den Verlag anrief und für die kommenden Tage die Zusendung seines Manuskripts ankündigen wollte, musste er die traurige Gewissheit akzeptieren, dass alles, was er in den letzten paar Wochen erlebt hatte, anscheinend noch gar nicht passiert war.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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»Herr Schmitten«, sagte der Legendensammler zum Verleger, der sich am anderen Ende der Leitung meldete, »Sie werden es nicht glauben, was ich für eine Geschichte aus dem Harz mitgebracht habe. Dort finden Sie alles: Mystery, Romantik, Liebe und Leidenschaft, lebensbedrohliche Situationen und Selbstaufopferung, geheimnisvolle Metamorphosen … und so weiter. Es ist eine absolut authentische Harzgeschichte, ein ganz und gar wahrheitsgetreuer Text, denn an den Ereignissen habe ich persönlich teilgenommen. Und es ist so viel, dass es für einen mittelgroßen Roman reicht, Herr Schmitten. Ich befürchte, wir müssen dann über das Honorar neu verhandeln. Jedenfalls kann ich Ihnen versichern, dass der Vorschuss, den Sie mir für die Harzreise gegeben haben, außerordentlich gut investiert wurde.«

»Wovon reden Sie gerade, Herr Knöpfle?«, fragte der Verlagsleiter kurz angebunden. »Was für ein welcher Harz? Wollten Sie nicht bis September ihre Schwarzwaldsagen komplett zugesandt gehabt haben? September fängt in einer Woche an. Da mache ich mir Sorgen um den Vorschuss, den ich bezahlt habe. Senden Sie das Manuskript doch bitte schleunigst an das Lektorat. Bis es gelesen, korrigiert und endlich druckfertig ist, haben wir schon Ende des Jahres. Ich bin jetzt mitten in einer Besprechung, Herr Knöpfle. Wir müssen ein andermal reden.«

Knöpfle legte enttäuscht den Hörer auf, nachdem er plötzlich Besetztzeichen aus der Muschel gehört hatte. Er wollte nämlich noch die Sache mit den Sammelband seiner Märchen aus dem Schwarzwald klären, denn seiner Meinung nach verwechselte dieser Schmitten irgendetwas. Das Buch stand bei ihm im Regal und schmückte sich mit dem Schriftzug »Schwarzwaldsagen« auf dem Rücken. Knöpfle zog es vorsichtshalber noch einmal heraus und blätterte darin. Kein Zweifel. Er sah ins Impressum – erschienen im Januar neunzehnhundertzweiundneunzig. Und nun ging ihm ein Licht auf. Möglicherweise, sagte er sich, stimmte vielleicht etwas mit ihm selbst nicht, und keineswegs mit dem Verleger.

Eilig griff Richard nach seinem Aktenkoffer, in dem sich immer noch die beschriebenen Seiten befinden mussten, falls das, an was er sich von der Harzreise erinnern konnte, der Wahrheit entsprach und nicht eine Schimäre, ein Produkt seiner kranken Fantasie war. Dort musste alles schwarz auf weiß bis ins Detail ausgemalt drinstehen.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 8.048
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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