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Des Teufels Steg: Seite 230

Die bekritzelten A4-Papierblätter, mindestens zweihundert Stück, schätzte der Schriftsteller, lagen nach wie vor in dem Fach für fertige Sachen so, wie er sie bei seiner letzten Schreibstunde dort hineingelegt hatte. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Richard holte den Stoß aus dem Aktenkoffer und überflog kurz die obere Seite, um sich zu vergewissern, dass es auch die richtigen Notizen waren, die er gefunden hatte. Ein seltsames Gefühl wandelte ihn dabei an. Nämlich, dass er kein einziges Wort von dem verstand, was er hier niedergeschrieben hatte. Er sah noch einmal konzentriert auf den Text. Richard war zu hundert Prozent davon überzeugt, dass sein einleitender Satz mit Es war einmal begann. Nun sah er aber sonderbare Schriftzeichen am Anfang der Geschichte auf dem Papier:

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Darauf konnte sich der Schriftsteller, der langsam ernsthaft daran zu glauben begann, dass er im Ort nicht grundlos als »verrückt« galt, keinen Vers machen. Was bedeutete es? Und wann war es passiert? Soweit er sich noch entsinnen konnte, hatte er in Treseburg jede Seite mehrmals gelesen und nichts dergleichen gesehen. So ein Manuskript konnte Knöpfle eher nicht abschicken, abgesehen davon, dass Schmitten es gar nicht haben wollte, da er offenbar rein gar nichts von Richards Harzreise wusste. Und logischerweise auch nicht die leiseste Ahnung davon haben konnte, wenn man nicht die Tatsache ignorierte, dass er, Richard Knöpfle, ohne jeden Zweifel im Jahre neunzehnhunderteinundneunzig weilte.

Dann fiel dem Legendensammler auf, dass die Sätze auf dem Papier sehr wohl einen Sinn ergaben, wenn man sie nicht auf dem herkömmlichen Wege las, sondern jedem Buchstaben sozusagen wieder auf die Beine half, sie gedanklich mit dem Kopf nach oben drehte! Er lief ins Bad, um sich den Rasierspiegel zu holen, stellte ihn hochkant auf das Stück Papier und … Voilà! Es war seine Handschrift und es waren seine Gedanken, die er im Spiegel sah, Zeile für Zeile säuberlich und verständlich geschrieben.

Das nächste Rätsel, das Knöpfle beschäftigte, war die Frage, aus welchem Grund eine derartige Verwandlung überhaupt stattgefunden hatte. Er fand keine bessere Antwort als die, dass das Werk unter keinen Umständen veröffentlicht werden durfte, solange die Voraussetzungen nicht erfüllt waren. Und die wichtigste davon war: Die Ereignisse mussten sich zuerst abgespielt haben! Die Verschlüsselung seiner Schrift durch eine unbekannte Kraft war nach seinem Empfinden ein deutlicher Hinweis darauf. Aberglaube? Es war die anschließende Frage, die sich der Märchenautor stellte. Vielleicht. Dennoch, versuchte er logisch zu bleiben, was würde passieren, wenn bei Eintreten gewisser Umstände er, Richard Knöpfle, anders handelte, als es in den vergangenen drei Jahren der Fall gewesen war, und damit die Vergangenheit veränderte? Würde dann seine Harzreise im August neunzehnhundertvierundneunzig immer noch stattfinden?

Es in Erfahrung zu bringen, verspürte der »verrückte Schriftsteller« nicht den geringsten Wunsch. Er wollte diese Reise machen. Es verlangte ihn nach diesem Ort. Wegen Wolfgang Breitscheid, wegen Elke Käßler, um deren Schicksale er in großer Sorge war. Letztendlich einfach um der Gerechtigkeit halber! Nun wusste er, was am fraglichen Tage auf der Waldlichtung passieren würde, jetzt hätte er rechtzeitig intervenieren können, um die Reihenfolge der Geschehnisse verändern zu können, Menschenleben zu retten und, nicht zuletzt, die Zeitschleife zu beenden. Aber dafür musste er sich erst einmal drei Jahre lang ganz ruhig und unauffällig verhalten.

Die erforderliche Zeit, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, denn er zählte jeden Tag, lebte Richard ziemlich zurückgezogen und versuchte alles genau so zu machen, wie er es schon einmal gemacht hatte. Er schickte, ohne viel zu diskutieren, sein altes Manuskript von den Schwarzwaldsagen, das er noch im Schreibtisch hatte, an den Verlag, damit bloß das Buch pünktlich erschien, er kaufte sich wieder zum richtigen Zeitpunkt den gelben Mercedes, obwohl er zugegebenermaßen auch mit anderen Modellen geliebäugelt hatte, und tat alles, um den festgelegten Lauf der Dinge nicht zu stören. Und offensichtlich hatte er damit Erfolg gehabt, denn heute war endlich wieder der Tag und er war abermals unterwegs nach Treseburg.

Richard Knöpfle lag gut im Zeitplan. Unterdessen hatte er die Anschlussstelle Kassel-Nord passiert und nährte sich nun langsam seiner Zielausfahrt in Göttingen. Von dort ging es in östlicher Richtung zum Rand des Gebirgsmassivs, um es letztendlich zu durchqueren und auf der anderen Seite in Blankenburg wieder in das leicht hügelige Harzvorland hinunterzufahren, über das eine Landstraße nach Thale führte. Vielleicht gab es auch günstigere Anfahrtsmöglichkeiten, die den Legendenautor schneller zum Zielort seiner Reise gebracht hätten, aber Richard hütete sich vor jeder, auch nur der kleinsten, Veränderung der Route. Alles musste so ablaufen wie damals. Viel zu lange hatte er auf diesen Tag gewartet, um noch jetzt so kurz vor dem Ziel leichtsinnigerweise einen verhängnisvollen Fehler zu begehen, der seinen schlüssigen Plan zunichtemachte.

Ja, erinnerte sich der »verrückte Schriftsteller«, Göttingen! Es war die Stadt, in der sich der Bahnhof befand, von dem er damals mit dem Zug trübselig und niedergeschlagen in die Heimat abgefahren war, als er die Sinnlosigkeit seiner Suche nach Wolfgang und Elke im Bodetal eingesehen hatte. Dies war auch noch ein Teil seiner Abenteuer, der es verdiente, auf die Seiten seines zukünftigen Romans zu kommen, wenn es denn so weit gewesen wäre, dass Richard ihn endlich schreiben durfte.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 8.048
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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