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OPEN DIGITAL LITERATURE PROJECT
Des Teufels Steg: Seite 228

Kannst du vielleicht die Brücke sehen?«, wollte Richard wissen.

»Nein.«

»Mmh. Das habe ich mir gedacht, gell? Was machen wir denn nun? Ich habe mir schon überlegt, den Tag irgendwo unter einem Baum durchzuschlafen, bis vielleicht abends jemand kommt und uns mitnimmt.«

»Nein.«

»Was, nein?«

»Auch wenn jemand kommt, hilft es nichts.« Hannes blickte auf den Mond, der schon zu einem Drittel untergegangen war. »Heute ist Vollmond. Die letzte Nacht, in der sich die Brücke zeigt. Ich wollte es ja auch nicht glauben, aber man hat mich des Besseren belehrt, indem man mich über ein nicht vorhandene Brücke geführt hat.«

»Ja, das hat mir Breitscheid auch gesagt. Also was machen wir dann? Ich muss den Kerl irgendwie zurückholen.«

»Nichts. Wir gehen ins Dorf und warten dort. Bis zum nächsten Vollmond.«

»Bist du überhaupt sicher, dass dein Dorf noch steht?«

»Ich glaube, ja. Gott war uns gnädig. Er kam persönlich vom Himmel herunter und hat mit Feuer und Lärm das Böse in die Flucht geschlagen. Und den Handlanger des Teufels, den Inquisitor, der das ganze Dorf in seiner Gewalt hatte, einfach vernichtet.«

»Hm …«, gab Knöpfle tiefsinnig von sich. Er wollte mit dem angehenden Theologen jetzt nicht in einen Disput geraten, über den Sinn und Zweck der religiösen Lehren und die Rolle der katholischen Kirche. Der Märchenautor beschränkte sich lediglich auf die Bemerkung: »Es war gar kein Gott. Es war nur ein Polizeihubschrauber.«

Beide saßen eine Weile schweigsam nebeneinander. Es war schon fast hell, nur noch das oberste Stückchen vom Mond ragte über den Wald hinaus. Jeder dachte seine eigenen Gedanken. Hannes überlegte krampfhaft, ob er schon mal in den lateinischen Schriften etwas von einem »Polizeihubschrauber« gelesen hatte, denn das Wort sagte ihm nichts, und der Schriftsteller dachte nach, ob man denselben Helikopter nicht irgendwie in seine Geschichte mit einbeziehen konnte, in »göttlicher Funktion« verstand sich, statt dem Sprung auf einem Ross über die Schlucht.

»Ihr seid ein kluger Mann, Richard«, sagte schließlich Hannes. »Wie schreibt man ein Buch?«

»Na ja …«, meinte Knöpfle etwas irritiert. »Man nimmt eine Geschichte … wie wir sie zum Beispiel vor ein paar Stunden erlebt haben, und schreibt sie nieder.«

Wenn man also annimmt«, gab Hannes keine Ruhe, »dass ich ein Buch über die Wilden Männer schreiben möchte, so müsste ich …«

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Der Tischlergeselle sprach viel und leidenschaftlich weiter, aber Knöpfle hörte ihm nicht mehr zu. Etwas anderes nahm seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Nämlich die Tatsache, dass der Bursche, der ihm gerade sein neues literarisches Projekt vorstellte, immer durchsichtiger wurde! Und seine Stimme wurde immer leiser, als ob er sich von Richard allmählich entfernte. Andererseits, als Ausgleich für den verblassenden Tischler, bekam eine Konstruktion über der Schlucht immer mehr Substanz – die Teufelsbrücke! So wie er sie kannte. Und je deutlicher die Geländer und der Bogen in der Mitte zum Vorschein kamen, desto transparenter schien sein Gesprächspartner zu werden.

»Hannes!«, brüllte Knöpfle. »Kannst du mich hören?«

Der verschwommene Schatten, alles, was von Hannes noch zu sehen war, reagierte nicht. Seine Stimme war nicht mehr zu hören. Der Schriftsteller warf noch einmal den Blick zur Brücke, sie sah mittlerweile absolut stabil aus, und drehte sich dann wieder um. Der Platz auf dem Stein neben ihm war leer.

Wie vom Wahnsinn getrieben sprang er auf und sah sich verwirrt um. Die Brücke überspannte die Schlucht, als wäre sie noch nie weg gewesen. Knöpfle fasste das Geländer an und spürte hartes, kaltes Eisen bedeckt von Tau. Er trat auf die Brücke und sie hielt sein Gewicht! Der Schriftsteller lief wie von Sinnen zum anderen Ufer, aber dort wartete niemand auf ihn. Schließlich ging er niedergeschlagen zum Torbogen in der Mitte und verweilte eine Zeit lang ratlos am Geländer. Sein Blick wanderte nach Osten, zur Roßtrappe.

Hinter dem Berg, der vor ihm lag, war der Himmel hell erleuchtet, die Sonne ging auf und ein neuer Tag brach an. Im Westen, hinter seinem Rücken, verschwand gerade das letzte winzige Mondscheibenfragment, das noch über den Bäumen zu sehen gewesen war, hinter dem Horizont. Die Pforte hatte sich geschlossen.

16. Kapitel: WAS NACHHER GESCHAH

Drei lange Jahre waren seit dem schicksalhaften Tag vergangen, als Richard Knöpfle sich mit seinem knallgelben Auto abermals dem mysteriösen Gebirge aus südlicher Richtung näherte. Das Hattenbacher Autobahndreieck, die Stelle, an der die A5 allmählig in die A7 überging, hatte er gerade hinter sich gelassen und gab nunmehr richtig Gas auf dem dreispurigen Abschnitt. Die Zeit drängte, alles musste minutengenau mit seinem letzten Besuch übereinstimmen, und vor ihm lag eine der nie enden wollenden Baustellen, die er seiner Erinnerung nach schon bald erreichen musste. Die Warnschilder, die zum Reduzieren der Fahrgeschwindigkeit mahnten, sah er tatsächlich schon nach wenigen Kilometern. Der Schriftsteller wunderte sich, dass er sich damals so viele Details gemerkt hatte, die ihm gar nicht so bewusst gewesen waren und erst jetzt wieder aus den Tiefen seines Gedächtnisses an die Oberfläche kamen, während er dieselbe Situation zum zweiten Mal durchlebte.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 8.048
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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