|
Des Teufels Steg: Seite 223
»Mein Herr Jesus, stehe mir bei!«, stieß sie plötzlich einen Schrei aus, der wortwörtlich dem von vor vielen, vielen Jahren entsprach, stürmte vom Scheiterhaufen hinunter und rannte, was eher nur als jämmerliches Humpeln bezeichnet werden konnte, los in die düstere Nacht hinein. »Bleib stehen!«, kreischte Gerlinde ihr hinterher. »Du wirst die heutige Nacht eh nicht überleben!« Sie kletterte vom Holzhaufen hinunter und hinkte so schnell sie konnte der flüchtigen Widersacherin nach. Es gab keinen in der Nähe, der die alten Frauen aufhalten konnte, denn die Schutzgarde startete gerade einen neuen Angriff. »Breitscheid«, sagte Richard schwer atmend, als die Attacke einigermaßen abgewehrt worden war und die gepanzerten Männer sich zurückgezogen hatten, um eine neue Angriffsformation zu bilden. »Die Frau vom dritten Kreuz ist schon auf dem Rücken eines Ihrer Recken. Sie werden gleich durchzubrechen versuchen. Sehen Sie?« Wolfgang nickte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Kommen Sie schnell mit! Ich glaube, ich weiß, wo Ihr blondes Hexchen ist. Aber ich brauche Hilfe.« Im Schutze der Dunkelheit – die Strohpuppen der Nazis waren mittlerweile abgebrannt und der Scheiterhaufen von Gretlin wollte nicht so richtig in die Gänge kommen – schlichen sich die beiden hinter die Zelte, vor denen sich die Nationalpatrioten mit der Schutzgarde prügelten. »Jungs!«, brüllte Johannes im Eifer des Gefechts. »Ich habe keinen einzigen Schuss mehr im Magazin. Versucht näher an sie heranzukommen und sie umzustoßen!« Die Methode versprach Erfolg. Wenn die Schutzgardisten ihre Reihe schlossen und die langen Speere gleichzeitig nach vorn richteten, war ein Frontalangriff sinnlos wie schädlich. Durchaus mehr Sinn machte es, war der Sektionsanführer zum Schluss gekommen, wenn man, wie Dieter es schon ein paarmal vorgeführt hatte, die »Typen« im richtigen Moment blitzschnell von der Seite attackierte und die gefährliche Waffe in der Mitte zu packen bekam. Es bot zwei Vorteile auf einmal: Man konnte nicht mehr durch die Speerspitze verletzt werden und man konnte den feindlichen Kämpfer zu Fall bringen, indem man auf ihn mit seiner eigenen Waffe kräftigen Gegendruck ausübte. So schnell kamen die »Burschen« in ihren schweren Rüstungen nicht mehr auf die Beine. Man riss ihnen den Speer aus der Hand und stach zu! Währenddessen blieben auch Wolfgang mit Richard nicht untätig. Wie schon mit den orientalischen Frauen erfolgreich ausprobiert, schlitzte der Legendensammler mit seinem Messer ein Zelt nach dem anderen von hinten auf, um Cecilia zu finden. »Hier ist jemand, Breitscheid!«, teilte der Schriftsteller mit, als er seinen Kopf in eines der Zelte durchgesteckt hatte. Er machte das Loch größer und schlüpfte ganz durch, während Breitscheid angespannt draußen auf eine Bestätigung von innen wartete.
(?)
»Falscher Alarm!«, erklang Knöpfles Stimme aus dem Zelt. »Es ist nur die Nazibraut.« Dann wandte er sich an Sonja, die ängstlich in der Ecke saß: »Wo ist das Mädchen?« Eine vernehmbare Antwort erhielt er nicht, aber das Fräulein zeigte schnell mit ihrem Finger in die Richtung, wo man suchen musste. »Im Zelt nebenan, Breitscheid!«, mutmaßte der Märchenautor laut. »Im Zelt nebenan!« Der Weinvertreter hechtete zum angegebenen Ziel. Das Loch in der Rückwand gähnte ihm bereits entgegen, es war dasselbe Zelt, in dem schon zuvor die türkischen Frauen untergebracht gewesen waren, und Wolfgang kroch auf allen vieren ins Innere. Auf dem Boden erkannte er im schwachen Schein des Feuers, das die Vorderseite des Unterschlupfs erleuchtete, die Umrisse eines weiblichen Körpers. Es war Cecilia. »Kommen Sie, Breitscheid«, sagte Knöpfle von hinten, der vor dem Zelt kniete und von draußen in die Öffnung hineinsah, »ziehen wir sie heraus. Hier ist es heller, gell?« Die beiden zogen das Mädchen ins Freie hinaus und Knöpfle durchschnitt die Fesseln an ihren Gliedmaßen, während Breitscheid sie von dem Stück Klebeband auf ihrem Mund befreite. »Geht es dir gut, Cecilia?«, fragte der Handelsreisende mit sanfter Stimme, wie er sie von sich lange nicht mehr gehört und schon fast vergessen hatte. »Ja, Wilder Wolfgang, ich bin wohlauf«, antwortete die junge Frau und rieb sich die Hand- und Fußgelenke, die von den Fesseln leicht aufgescheuert waren. »Es tut noch ein bisschen weh, aber ich kann laufen! Wahrlich, Wilder …« »Dann solltest du diesen Vorteil unverzüglich nutzen!«, schnitt ihr Knöpfle das Wort ab. Breitscheid sah ihn verdutzt an. »Und Sie?« »Ich habe hier noch eine Rechnung offen, gell?«, erwiderte der Schriftsteller geheimnisvoll. »Ich muss dem Rüpel, der geschossen hat, noch eine Lektion erteilen, wie man Leute auf der Straße anspricht.« Knöpfle stand auf und sah über das Zelt, zum Schlachtfeld hinüber, wo die Nationalpatrioten die Schutzgarde etwas zurückgedrängt hatten. Johannes sprach gerade zu seinen Leuten und beriet mit ihnen möglicherweise die weitere Vorgehensweise.
|
Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden
KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
Zahlen & Daten zum Werk
![]() Ihre Spende ist willkommen!Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank! Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||



