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Des Teufels Steg: Seite 222

Alles drängte auf einmal zum Trampelpfad, der durch den Wald zum Hexenstieg führte, um den unheilvollen Platz schleunigst zu verlassen, solange es noch ging. Man schubste, man drängelte, man wollte als Erster den rettenden Waldrand erreichen. Doch der Pfad war eng, zwei Personen hätten darauf nicht nebeneinanderstehen können, und der Andrang viel zu groß. Bald nahm keiner mehr Rücksicht auf den anderen. Weiber kreischten, Kinder weinten, Männer schrien einander an und manche prügelten sich bereits um eine bessere Ausgangsposition. Die Schutzgarde unternahm nichts, um die Ordnung wiederherzustellen. Die Geharnischten hatten ohnehin schon alle Hände voll zu tun.

Die Männer der wilden Sippe hatten inzwischen Gretlins Fesseln so weit gelockert, dass einer die Frau halten musste, damit sie nicht umfiel – die Arme wirkte nach wie vor ziemlich benommen. Ruprechts Gattin öffnete mit Mühe ihre getrübten Augen und sah sich um, ohne richtig zu begreifen, was um sie herum geschah.

»Ruprecht«, flüsterte sie, als ihr Blick plötzlich an ihrem Ehemann haftenblieb, der mit einer Axt in der Hand vor ihr stand.

»Ja, Gretlin, gleich bist du frei!«, tröstete dieser seine Ehefrau.

Ruprecht holte mit der Axt aus und hieb gegen den Kreuzpfosten – auf das Seil, das darum gewickelt war und seine Geliebte noch der Bewegungsfreiheit beraubte. Der Mann hockte sich geschickt nieder, sodass seine geschwächte Frau ihm direkt über die Schulter fiel, nachdem die letzte Fessel durchtrennt worden war, und kletterte vorsichtig über die Scheite vom Haufen hinunter, der nach und nach immer mehr Feuer fing. Ein Wilder Mann gab ihm Deckung, indem er sich einem Schutzgardisten in den Weg stellte, und Ruprecht rannte wie von allen guten Geistern verlassen in Richtung Wald mit seiner Frau auf dem Rücken. Wo er die dafür erforderliche Kraft auf einmal herhatte, blieb ein Geheimnis. Und im Übrigen fragte sich der Mann auch gar nicht danach, als er den Waldsaum erreichte und mit seiner schweren Last im Dickicht verschwand.

Unverhofft für die Befreiungskämpfer erwies sich ihre äußerliche Unterlegenheit gegenüber der geharnischten Schutzgarde und den mit Feuerwaffen ausgestatteten Patrioten sogar als Vorteil. Die feindlichen Parteien bekämpften sich hauptsächlich gegenseitig. Man hätte keineswegs behaupten können, dass die Männer, die unterstützt von der wilden Sippe für die Gerechtigkeit eintraten, deswegen das Schlachtfeld beherrschten, aber es war schon ziemlich hilfreich, wenn die Schutzgarde den gefährlichsten Mann der Nazitruppe, ihren Anführer, in Schach hielt.

Wolfgang Breitscheid beobachtete aus den Augenwinkeln, während er mit Knöpfle und einigen Dörflern Stellung an den Kreuzen hielt, wie die Männer in Rüstungen den Hauptpatrioten mit seinem Kumpel, der einen merkwürdigen Verband um den Kopf trug, immer weiter zurückdrängten, sodass die beiden schon mit dem Rücken an ihren Zelten standen und gelegentlich mit Fäusten und Füßen, aber auch verschiedenen stechenden und schneidenden Gegenständen aus dem Werkzeugkasten zurückschlugen, die sie in die Finger bekommen konnten. Cecilia war nicht mehr bei ihnen.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Es fielen weitere Schüsse, aber die Kugeln prallten an den eisernen Harnischen der Schutzgardisten ab und flogen mit sirrendem Geräusch als Querschläger durch die Gegend. Einer davon traf Jobst. Wolfgang bemerkte, wie der Bursche im Schutzhelm zu Boden ging.

»Halte durch!«, hörte Breitscheid Hannes schreien, der in seinem Halbharnisch und mit dem Speer in der Hand gegen zwei Schutzgardisten kämpfte, die das Losbinden der Frauen von den Kreuzen zu verhindern suchten. »Ich komme! Ich helfe dir!«

Aber es war kaum daran zu denken, denn im nächsten Augenblick bekamen die Schutzgardisten Verstärkung und das Gefecht entflammte mit neuer Kraft. Jobst lag bewegungslos allein auf der Erde, die Hände auf den Bauch gepresst, und starrte mit seinen langsam erlöschenden Augen in den Himmel auf den unglaublich hellen Mond.

Zum Glück waren die übrig gebliebenen Frauen schon fast von den Fesseln befreit und es konnte nicht mehr lange dauern, bis ein paar kräftige Wilde Männer sie huckepack nahmen und mit ihnen wie schon Ruprecht zuvor im Dickicht des Waldes verschwanden. Dann wäre zumindest ein Teil der Aufgabe erledigt, dann hätte man nur noch Cecilia finden müssen, dann hätte man auch nach dem angeschossenen Jungen sehen können, überlegte Breitscheid, als unerwartet Gerlinde auf den Plan trat.

»Wo ist mein Mädchen?«, schrie die alte Frau, die plötzlich oben auf dem Holzhaufen – er brannte noch nicht – vor Irmel stand und sie mit ihrem hasserfüllten Blick durchbohrte.

Irmel fuhr zusammen, als sie der Frau in das schrumpelige Gesicht sah. Sie erkannte es! Es war das Antlitz der Hexe, die sie erschreckt hatte, als sie noch eine Jungfrau gewesen war. Es war das Gesicht von Gerlinde! Damals hatte sie sich vielleicht verstellt, dachte die Schneiderin schadenfroh, aber jetzt hatte sie genau diese Fratze von der verhängnisvollen Nacht als Gesicht bekommen! Zu Recht, jubelte sie innerlich!

»Ich wusste, dass du noch lebst und dein Unwesen treibst«, zischte Irmel durch die Zähne zur Antwort.

»Aber du wirst nicht mehr lange leben, du verdammtes Flittchen!«, entgegnete Gerlinde. »Es war ein Fehler, dich loszubinden. Du hättest brennen sollen! Doch ich werde das Urteil vollstrecken!«

Sie warf sich auf Irmel, umschlang ihren Hals mit den Händen und drückte mit aller Kraft zu, bis die Schneiderin röchelnde Geräusche von sich gab. Ein Wilder Mann, der gerade neben den beiden am Kreuz stand eilte zu Hilfe und löste den Würgegriff der alten Frau. Irmel war wie gelähmt. Sie sah die alte Hexe nur mit Entsetzen an, nicht imstande, auch nur ein Wort über die Lippen zu bringen, und man hätte denken können, dass sich gerade die Ereignisse der damaligen Nacht in allen Einzelheiten erneut vor ihren Augen abspielten.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 8.048
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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