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Des Teufels Steg: Seite 217
Richard Knöpfle kam nicht mehr dazu, seine Danksagungen zu verlauten, denn auf einmal tauchten geräuschlos wie aus dem Nichts drei Wilde Männer auf, traten an ihren Anführer und teilten ihm etwas halblaut mit. Es waren Kundschafter, die von der Waldlichtung kamen, und die Botschaft, welche sie überbrachten, schien ihrer äußersten Exaltation und dem finsteren Blick des Hauptmanns nach zu urteilen nicht besonders erfreulich zu sein. »Magedîn ist fersunden«, sagte der Häuptling nur kurz, aber sogar Richard und Wolfgang verstanden ohne Übersetzung, was es hieß. Es konnte nur eins bedeuten, nämlich dass wieder mal irgendein Zeitsprung stattgefunden hatte und das blonde Mädchen vorerst von der Bildfläche verschwunden war und sich mitsamt dem Lagerfeuer und den abartigen »arischen Brüdern« in den Untiefen der Zeit verloren hatte. Die Anwesenden konnten nicht wissen, dass vor etwa einer Viertelstunde erneut seltsame Verwandlungen der Brücke stattgefunden hatten – so wie Breitscheid sie schon früher beobachtet hatte: Vom langsamen Vorglühen der Metallkonstruktion bis zu Bildung der regenbogenfarbigen Himmelsleiter. Und wie auch schon vor ein paar Tagen raste bei der anschließenden Implosion des entstandenen Gebildes eine unsichtbare Welle durch die Gegend und krümmte die Zeit, sodass die rebellischen Krieger ganz unbeabsichtigt und unverschuldet abermals zurück in die Zeit des Spätmittelalters geraten waren.
Vater Nicklas traf erst am späten Nachmittag auf dem Hexentanzplatz ein. Als der Zug den Rand der Waldlichtung erreichte, dachte er mit Unbehagen daran, dass er morgen den steilen Weg nach oben aus eigener Kraft meistern musste. Denn die Sänfte war einzig und allein Ihren Eminenzen vorbehalten. Bereits von dieser Position aus, erkannte der Inquisitor, dass mit den Kreuzen, die in der Mitte der waldfreien Fläche aufragten, etwas nicht stimmte. Ihm fehlten die Scheiterhaufen, die laut dem Kommandierenden der Schutzgarde fertiggestellt worden sein mussten. Und er bemerkte die dünne Rauchsäule eines Lagerfeuers, die durch die klare Luft des windstillen Tages zum Himmel stieg, obwohl keiner von seinen treuen untergebenen Wachleuten sich mehr auf der Lichtung hätte befinden dürfen. Er gab ein Zeichen zum Anhalten und Absetzen des Tragegestells. »Kuntz«, wandte sich der Richter mit gedämpfter Stimme an den Befehlshaber der Schutzgarde, nachdem er ausgestiegen war, »hast du nicht gesagt, die Scheiterhaufen seien fertig?« »Jawohl, Euer Ehren, das habe ich«, antwortete der Hauptmann halblaut. »Ich bin mir sicher, dass sie es auch sind. Das, was wir sehen, ist der Spuk, von dem ich Euch berichtet habe. Und da ist auch das Lagerfeuer!« »Ja, ich sehe es«, bestätigte Vater Nicklas. »Aber Gott sei Dank …« Kuntz bekreuzigte sich hastig. »Gott sei Dank ist der Spuk gleich vorüber. Ihr werdet sehen! Die Kreuze mit den Scheiterhaufen drum herum, die wir aufgebaut haben, bekommen wir gleich zu Gesicht.«
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Der Untersuchungsrichter wartete gespannt eine Zeit lang, aber es änderte sich rein gar nichts an der Umgebung. Dann sagte er nachdenklich: »Es muss Teufelswerk sein. Wir werden der Sache auf den Grund gehen. Befiehl deinen Männern, sich unauffällig rund um die Feuerstelle zu verteilen. Und dass sie zum Angriff bereit sind! Wir kriechen auf allen vieren näher heran.« Währenddessen sprach Johannes impulsiv und überzeugend leidenschaftlich zu den Mitgliedern seiner Zelle am Lagerfeuer. Bis auf Tobias saßen alle brav im Kreis um die Feuerstelle und gaben keinen Laut von sich. Sogar Schorsch war anwesend. Er saß auf dem morschen Baumstamm seine Stirn in die Hände stützend. Um sein Gesicht herum war ein improvisierter Verband zu sehen, der unter dem Kinn hindurchlief und, die Enden auf dem Scheitel fest zusammengebunden, den Unterkiefer einigermaßen fixierte. Es ging ihm wohl wesentlich besser als gestern, aber er konnte seinen Mund nach wie vor keinen Fingerbreit öffnen. »Ich habe erkannt, dass ich einen Fehler gemacht habe«, sagte der Hauptpatriot voller Reue. »Das war alles Käse mit den Wessis! Sie schwimmen im Geld und baden in Luxus. Sie haben vergessen, was Kampf bedeutet! Richtiger Kampf. Der gnadenlose Kampf für unsere gemeinsame Sache: Die nationale Befreiung unserer deutschen Heimat! Ich hätte lieber auf euch hören sollen und mich mit denen erst gar nicht eingelassen, mit diesen Volksverderbern! Sie können uns nicht weiterhelfen. Ich habe viel nachgedacht. Ab jetzt wird alles anders werden! Wir werden mit der Waffe in der Hand unsere tausendjährige nationale Idee durchsetzen, zuerst in Thüringen und danach auch anderswo.« Jürgen traute seinen Ohren nicht. Er hob sogar sein Haupt, um sich den Sektionsanführer aufmerksam anzusehen: War es derselbe Hans, der ihn erst vor zwei Tagen wie einen Verräter behandelt hatte, als er, Jürgen, den dämlichen Wessi hatte abknallen wollen, mit der Waffe in der Hand? Und nun … Nun predigte er genau diese Vorgehensweise. Es war schon seltsam, fand Schorsch, aber es zu sagen, war er kraft erwähnter Umstände nicht in der Lage. »Wir werden«, sprach derweil Johannes weiter, »auch Westdeutschland mit Terror gegen Neger, Türken und Schlitzaugen überziehen. Sie leben auf unsere Kosten! Und diese dummen Wessis! Statt das Geld den ostdeutschen Leuten zugutekommen zu lassen, fragen sie noch, ob es denn reicht und ob die Schmarotzer nicht noch ein bisschen mehr brauchen! Eine Scheißwelt, in der ich nicht leben will. Und ich schwöre, wir werden sie ändern!«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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