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Des Teufels Steg: Seite 210
Der Mönch schielte abermals auf die Menschenmenge und merkte sich dabei, wer von den Anwesenden gesenkten Hauptes seinem Blick auswich. Dies waren seines Erachtens diejenigen, die mit den Weibern im Kerker sympathisierten. Diejenigen, die gerne selbst hin und wieder bei Nacht Kräuter pflücken gingen und entblößten Leibes auf der Wiese tanzten und dem bösen Geiste mit ihren Reizen huldigten. Und es waren etliche schöne Jungfrauen unter ihnen, stellte der Franziskaner mit Unbehagen fest. Nein, nicht ihm, dachte Vater Nicklas neidisch, nicht dem Widersacher Gottes sollten die verdorbenen Mädchen ihre nackte Haut als Zeichen der Hingabe präsentieren, er selbst wollte derjenige sein, dem die Verlangen erregenden Geschöpfe mit jedem Teil ihres Körpers gefügig dienten. Im Großen und Ganzen wäre es für den Inquisitor ein Leichtes gewesen, die Jungfrauen auf der Stelle verhaften und sie einzeln nach allen Regeln der Kunst auf dem »spanischen Bock« zur Vernunft kommen zu lassen, aber … Aber er konnte es sich nicht leisten. Noch nicht. Eine derartige Aktion hätte ihn in ein schlechtes Licht gerückt, und das Gerede wäre schon bald bis zu den Ohren desjenigen vorgedrungen, der ihm dieses Amt übertragen hatte. Er war immerhin Untersuchungsrichter und brauchte wenigstens einen formellen Anlass, um jemanden festnehmen und einem Verhöre unterziehen zu können. »Doch der magische Kreis der Hexen, liebe Brüder und Schwestern«, predigte der Inquisitor mit pathetisch klingender Stimme weiter, »scheint noch nicht endgültig gebrochen zu sein! Es gibt in diesem Ort nach wie vor eine Anzahl von unbelehrbaren Jungfrauen und Weibern, die dem Bösen verfallen sind und den Höllenfürsten mit ihren Schenkeln zu umschlingen suchen, um der teuflischen Brut neues Leben einzuhauchen! Nichts liegt ihnen näher, als Unzucht mit dem Teufel treiben zu wollen. Sie entblößen nachts auf der Wiese im Wald ihre Scham und warten nur darauf, endlich sein Fleisch innerhalb ihrer Lenden zu spüren, um von ihm die sündige Frucht zu empfangen!« Ein ängstliches Raunen ging durch die Reihen und einige bekreuzigten sich gottesfürchtig. »Aber wir tun doch nichts dergleichen!«, erklang plötzlich eine hohe Kinderstimme wie ein Glöckchen aus der Menge. Die Mutter des Mädchens und einige Frauen um das Fräulein mit der Engelsstimme herum zuckten zusammen und zischten es leise an, sie solle doch um Himmels willen still sein und nicht das Schicksal herausfordern, aber es war zu spät. Vater Nicklas hatte den Zwischenruf gehört. »Wer spricht da?«, fragte der Mönch, während er die Versammelten mit seinen Augen argwöhnisch nach äußeren Ketzermerkmalen in ihrem Erscheinungsbild abtastete. »Tritt vor und zeige dich.« Der Inquisitor richtete seinen beißenden Blick auf den Bereich in der Menschenmenge, aus dem seiner Meinung nach die Stimme zu hören gewesen war. Von jenem Blick, der sowohl die Anklage wegen Anzweiflung der Worte einer kirchlichen Autorität als auch das daraus resultierende vernichtende Urteil zum Ausdruck brachte, wollte keiner der Anwesenden zufällig erwischt werden. Ängstlich traten die Menschen auseinander, den grellen Blitzen ausweichend, die Vater Nicklas’ zornige Augen in die Menge schleuderten, bis der Blick am Ende ungehindert das Fräulein und ihre Mutter traf. Sie standen auf einmal völlig verwaist inmitten eines menschenleeren Kreises.
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Die Mutter fiel auf die Knie und faltete die Hände wie für ein Gebet. »Vater!«, flehte sie den Richter an. »Sie ist noch ein Kind. Sie weiß wahrlich nicht, was sie tut!« Der Franziskaner musterte die beiden eine Zeit lang. Die Frau kam ihm bekannt vor. Er glaubte, sie schon einige Male in der Kirche gesehen zu haben während der Gottesdienste, an denen er teilgenommen hatte. Demnach war sie eine brave, folgsame Christin, wie es sich schlussfolgern ließ, aber das kümmerte Vater Nicklas augenblicklich am wenigsten. Sie war sehr wohlgeformt und die Art, wie unterwürfig sie ihn um Nachsicht bat, rief bei dem Mönch gewisse Gefühlsregungen unterhalb seines Zingulums hervor. Ihre Tochter hingegen, die nach seinem Empfinden nun wirklich eher noch ein Kind war, bei dem sich noch nicht einmal der Busen unter dem Gewand wölbte, weckte in dem Inquisitor keinerlei Begierden. Dennoch war sie eine kleine Göre, die ihre Lektion lernen musste. Und die Mutter, hm … Vater Nicklas schmunzelte bei dem Gedanken vergnüglich. Ein Weib, das ihr Kind nicht im Zaum halten konnte, musste auch büßen. Jetzt sofort, denn der Untersuchungsrichter brauchte bei seiner Predigt dringend ein einleuchtendes Beispiel dafür, wer sich alles völlig unerwartet als Kräuterpflückerin und Teufelsbraut entpuppen konnte. »Verkommenes Weib!«, sprach der Richter belehrend zu der Frau. »Wenn deine noch ahnungslose Tochter dergestalt ketzerische Bemerkungen von sich gibt, muss sie diese von dir gehört haben. Es sei denn, sie kommt vom Teufel und gibt seine Worte wieder.« Die Frau blickte schuldbewusst zu Boden. »Nein, Vater! Vielleicht … Vielleicht habe ich mal ein unvorsichtiges Wort fallen gelassen.« »Tritt näher!«, forderte sie der Prediger auf. »Und nimm das freche Gör gleich mit! Es bekommt ’ne Tracht Prügel für sein dreistes Benehmen.« Die Mutter des Mädchens schlug entsetzt die Hände vors Gesicht, nahm alsdann dennoch ihre halbwüchsige Tochter an der Hand und begab sich dem Schicksal ausgeliefert nach vorn. Die Reihen der Anwesenden schlossen sich erneut hinter ihrem Rücken.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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