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Des Teufels Steg: Seite 211

»Um der Sache auf den Grund zu gehen«, teilte ihr der Inquisitor seine Absichten mit, »und festzustellen, ob du gegen göttliche Gebote bei der Erziehung deiner Tochter verstoßen, ja womöglich sie gar in teuflischen Künsten unterrichtet hast, wirst du auf die Probe gestellt.«

Das Opfer sah ihn mit flehendem Blick an.

»Um den Verdacht zu entkräften, musst du uns beweisen, dass du das Vergehen deines Kindes verurteilst. Du musst deine Tochter vor aller Augen mit einer Geißel gehörig züchtigen, damit sie sich noch lange daran erinnern kann, dass man einem Richter der Heiligen Inquisition nicht ins Wort fällt und seine Thesen nie infrage stellt.«

Die Frau musste schlucken.

»Vater!«, entgegnete sie. »Ich kann mein Kind nicht schlagen.«

Damit hatte der Untersuchungsrichter bereits gerechnet. Es lief alles nach Plan.

»Ah«, gab er schadenfroh von sich. »Dann stimmt es also!«

Die Mutter und diesmal auch die Tochter hoben verständnislos die Augen.

»Dann stimmt es also, dass du sie in der Kräuterkunst unterrichtest? Dann ist es also wahr, dass du nachts bei Vollmond in den Wald gehst, um Kräuter zu pflücken und den bösen Geist anzurufen? Und deine Tochter … Stimmt es, dass du sie von ihm empfangen hast?«

»Nein!«, schrie die Frau verzweifelt auf. »Sie ist mit meinem angetrauten Mann gezeugt, Vater!«

»Das ist ganz leicht zu überprüfen, meine sündige Tochter«, bemerkte Vater Nicklas zynisch. »Du musst dich dafür entkleiden.«

»Erbarmet Euch, Euer Gnaden!«, rief die Arme noch verzagter als zuvor.

»Liebe Brüder und Schwestern!«, wandte sich ihr Peiniger indes wieder an die Versammelten. »Hexen sind voller List und Tücke. Sie können als rechtschaffene Bürgerinnen, ja als fromme Christinnen auftreten, die neben einem beim Gottesdienste sitzen, ohne als böse Zauberweiber aufzufallen. Sie können jemandes Vertrauen als Kräuterweib gewinnen, ohne dass derjenige merkt, dass die angeblichen Heilmittelchen nur dem Zwecke dienen, ihn zu verhexen und vom rechten Wege abzubringen. Den Tricks der Hexen, um unerkannt zu bleiben, sind keine Grenzen gesetzt! Aber an einem Merkmal erkennt man eine Hexe immer. Wenn sich eine Frau dem Teufel hingibt und mit ihm Verkehr hat, hinterlässt der Höllenfürst stets ein Hexenmal auf ihrer Haut, gleichsam wie ein Brandzeichen, mit dem man sein Vieh versieht. Vorzugsweise an Körperstellen, die man lieber bedeckt. Und dieser Fleck ist unverwischbar, eine Hexe trägt ihn wie ein Muttermal ihr Leben lang! So lasset uns doch nachsehen, ob diese ›fromme Schwester‹ nicht zufällig etwas Ähnliches unter ihrem Gewand versteckt hält!«

Die Frau weinte bitterlich und hielt ihre Cotte instinktiv an den Seiten mit den Händen fest, um das gewaltsame Ausziehen, wie sie wohl glaubte, verhindern zu können.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Die Methode mit dem Suchen nach dem Hexenmal kannte der Mönch sehr gut. Er hatte sie schon in der Vergangenheit einige Male angewendet, mit großem Erfolg. Ob aus Angst vor der Schmach der öffentlichen Entkleidung oder aufgrund der Tatsache, dass fast jeder Mensch irgendwo ein markantes Muttermal an seinem Körper hatte, das ohne Weiteres für ein Teufelszeichen erklärt werden konnte, aber die Betroffenen gestanden ihr Vergehen in der Regel, noch bevor man zur Folter greifen musste. Diese Frau vor ihm, wunderte sich der Richter, weigerte sich aber bislang, die erhobenen Vorwürfe zuzugeben, und eigentlich wollte der Franziskaner auch nicht besonders irgendwelche Geständnisse erwirken – an seine Anschuldigungen glaubte er selbst kaum –, denn sein Ziel bestand eher darin, die Frau als Mittel zum Zweck zu benutzen, um die Dörfler zur Denunzierung ihrer Nachbarn, Bekannten und Verwandten zu bewegen. Und nebenbei natürlich auch das Opfer zu demütigen.

Auf ein Zeichen von Vater Nicklas näherte sich der in Ungnade geratenen Frau von hinten ein Wachmann, nahm ihre Hände und hielt sie fest hinter ihrem Rücken, während sich zwei weitere Wachen am unteren Saum ihres Kleides zu schaffen machten. Ohne lange zu überlegen, zogen sie den Rock mitsamt allem, was ihr Opfer darunter trug, bis zum Bauchnabel nach oben.

Das Herz des Richters schlug höher beim Anblick des von ihm noch unerforschten nackten Fleisches mit makellos glatter Haut. Er trat an die vor Scham und Hilflosigkeit schluchzende Frau heran und versuchte gerade wenigstens ein kleines, im intimen Haarwuchs verstecktes Muttermal zu entdecken, als er aus dem Teil der Menschenmenge, zu dem die Gedemütigte mit dem Rücken zugewandt stand, erstaunte Ausrufe vernahm.

»Da!«, rief jemand. »Da! Seht doch!«

»Ja, wahrlich!«, antwortete eine andere Stimme.

»Sie muss ’ne Hexe sein, es stimmt wirklich!«, fügte die dritte hinzu.

Vater Nicklas hielt inne. Er blickte überrascht in die Richtung, aus der die Rufe kamen, und stellte fest, dass alle Augen auf den »hübschen« Steiß der Frau gerichtet waren. Die rechte Gesäßhälfte »schmückte« ein großer Leberfleck.

»Na was haben wir denn da?«, fragte Vater Nicklas höhnisch.

Mit so einem Erfolg hatte er ehrlich gesagt nicht gerechnet, musste der Franziskaner innerlich zugeben. Worauf er höchstens gehofft hatte, war ein belangloses Muttermal, an dem er eine »falsche Nadelprobe«, seine eigene Erfindung, durchgeführt hätte, bei der die Nadel mit dem vermeintlichen Teufelszeichen erst gar nicht in Berührung kam, um Schmerzen auslösen zu können. Nun erübrigte sich das Ganze. Das »Brandzeichen« des Teufels an der Frau war für alle offensichtlich.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 8.048
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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