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Des Teufels Steg: Seite 21

»Wie lange dauert es noch?«, fragte Anna von hinten.

»Anna!«, antwortete Wolfgang etwas gereizt, weil er gerade mit seiner Frau eine kleine verbale Auseinandersetzung gehabt hatte. »Wir fahren erst eine Stunde und sind erst in Göttingen. Ich habe dir doch gesagt, dass wir den ganzen Tag fahren werden und erst spät am Abend ankommen, wenn nicht morgen früh! Warum schläfst du nicht ein bisschen?«

»Ich will aber nicht schlafen«, sagte das Mädchen und verstummte.

Dafür meldete sich Hildegard wieder zu Wort: »Wie soll das Kind da noch schlafen? Sie kann da kaum sitzen, bei dem Platz, den du für sie gelassen hast.«

»Ich habe ja das ganze Zeug nicht mitgenommen, das mit ins Auto musste. Du warst das!« Der kleine Disput, den sie vorhin geführt hatten, bekam offenbar eine Fortsetzung.

»Wir brauchen das alles!«, versetzte Hildegard. »Hättest du nicht heimlich dieses Auto gekauft, hätten wir nur die Hälfte des Gepäcks und Anna könnte ruhig hinten schlafen. Wir hätten nämlich ein voll ausgestattetes Apartment buchen können. Das hättest du dir lieber überlegen sollen, als du den Vertrag unterschrieben hast.«

»Was heißt hier ›heimlich‹?«, ereiferte sich Wolfgang. »Ich wollte dich überraschen!«

»So?«, bemerkte Hildegard hämisch. »Na das ist dir gelungen! Ich bin so was von überrascht.«

Dieses Gespräch hatten die beiden schon dutzendmal geführt, ohne sich auch nur ein klein bisschen in ihrem Streit näher zu kommen. Wolfgang hatte sie wirklich überraschen wollen und Hildegard fühlte sich in ihrem Stolz verletzt, dass er Entscheidungen, die ihr gemeinsames Wohl und nicht zuletzt die finanzielle Situation der ganzen Familie etwas angingen, ohne sie getroffen hatte.

»Ja, stell dir mal vor!«, entgegnete Wolfgang. »Ich wollte für uns alle etwas Gutes tun.«

»Mmh«, gab Hildegard von sich. »Und deswegen plünderst du unser Sparbuch und nimmst noch einen Kredit auf, den wir jetzt jahrelang abbezahlen müssen. Wenn das nicht etwas Gutes ist …«

»Hilde«, sagte Wolfgang versöhnlich, »es muss ja nicht sein, dass wir uns vor Anna streiten. Können wir es nicht lassen? Wir fahren doch in den Urlaub.«

Seine Frau murmelte etwas Unverständliches und sah schmollend zum Fenster hinaus. Anscheinend hatte sie trotz ihrer Entschlossenheit, endlich mal ihrem Ärger Luft zu machen und ihre Meinung zu sagen, eingesehen, dass es vielleicht nicht der richtige Augenblick für ein heftiges Wortgefecht war.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Sie fuhren eine Weile, ohne sich ein Wort zu sagen, ehe Hildegard einnickte, nachdem sie eine Zeit lang gegen die schweren Augenlider angekämpft hatte. Sogar Anna war zwischenzeitlich eingeschlafen und gab keinen Ton von sich. Sie schlummerte mit halb offenem Mund seitlich angelehnt an den Stapel weicher Decken neben ihr und sah wahrscheinlich süße Träume, denn aus ihrem Mundwinkel war im Schlaf etwas Speichel ausgetreten, leicht verfärbt von der Schokolade, die sie vorhin gegessen hatte. Wolfgang dachte nach: Natürlich, aus Hildes Sicht sah das, was er mit dem Autokauf angerichtet hatte, nicht besonders schön aus, um nicht zu sagen, es war das Allerletzte. Es stimmte alles, was sie ihm zur Last legte: das geplünderte Sparbuch, die kaum tragbaren Kreditraten, das billige Apartment. Und von einer Sache wusste Hildegard noch nicht mal etwas. Sie würden nämlich mitnichten heute Abend in dem Hotel in Misano ankommen, bestenfalls erst morgen am Nachmittag, schätzte Wolfgang, denn er wollte, besser gesagt er musste die Tunnelmaut in Österreich und die Autobahngebühren in Italien sparen. Landstraßen waren angesagt, über Alpenpässe und verlorene italienische Dörfer – eine langwierige Angelegenheit, die viel Geduld und vor allem Zeit erforderte. Um ehrlich zu sein, wusste er nicht, wie er es seiner Hilde beibringen konnte, ohne wieder ein Familiendrama auszulösen. Er beschloss, sich erst einmal friedlich zu verhalten und seiner Frau wenigstens den Eindruck zu vermitteln, dass er seine Fehlentscheidung bereute und ihr gerne jeden Wunsch von den Lippen ablesen würde. Wolfgang wollte das Schicksal auf gar keinen Fall herausfordern, er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie durchaus dazu fähig war, alles hinzuwerfen und per Anhalter zurück nach Hause zu fahren. Das wollte er unbedingt vermeiden, mehr noch: Er wollte unter allen Umständen diesen Urlaub mit Hildegard verbringen. Insgeheim hoffte er, dass sich die Wogen irgendwie glätten würden. Wie? Davon hatte er noch keine Ahnung. Sein Plan, Hildegard durch den neuen Wagen zu beeindrucken, war nunmehr kläglich gescheitert, aber es musste seiner Meinung nach doch einen anderen Weg geben, da war er sich sicher, um aus der Bredouille herauszukommen, die nicht erst mit dem Autokauf angefangen hatte. Schon seit ein paar Jahren gab es zwischen ihnen große Unstimmigkeiten.

Je weiter sie in südlicher Richtung vorankamen, desto mehr verdüsterte sich der Himmel und hinter Würzburg fing es an zu regnen. Zunächst langsam, nur ein paar Tröpfchen trübten alle zehn Minuten die Sicht durch die Windschutzscheibe, die Wolfgang hin und wieder freiwischen musste, dann immer heftiger, sodass er die Scheibenwischer im Dauerbetrieb laufen ließ, und eine halbe Stunde später prasselte der Regen in Strömen auf das Fahrzeug hernieder und machte die Weiterfahrt beinahe unmöglich – Wolfgang konnte die Fahrbahn vor dem Auto nur vage erkennen. Sie hielten an. Es war eher Zeit, um etwas nachzutanken, und Anna brauchte wieder dringend ein wenig Auslauf, man konnte ein Kind ihres Alters nicht stundenlang bewegungslos im Auto sitzen lassen.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.866
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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