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Des Teufels Steg: Seite 22
»Bekomme ich ein Eis?«, fragte das Mädchen, als Wolfgang wieder ins Auto stieg, nachdem er beim Tankwart an der Kasse die Benzinrechnung beglichen hatte. Hildegard antwortete ihr an seiner statt: »Ja, Liebling, Papa fährt gleich zu dem Parkplatz, dahinten gibt es ein Restaurant.« Wolfgangs Frau sah noch etwas verschlafen aus. »Ich brauche jetzt auch einen frischen Kaffee«, wandte sie sich nunmehr an Wolfgang. »Aber …«, setzte er zur Antwort an und verstummte im selben Augenblick. Es passte nicht direkt in seine Pläne – die Preise im Restaurant einer Autobahnraststätte entsprachen keineswegs seinen Vorstellungen davon, was sie sich aktuell leisten konnten –, aber er erinnerte sich daran, was er sich vorhin überlegt hatte, und sagte schließlich: »Klar, trinken wir einen Kaffee. Oder noch besser! Wir können auch mal eine Kleinigkeit essen! Es ist schon nach zwei Uhr und wir haben noch nichts Vernünftiges im Mund gehabt. Die Butterbrote kann ich nicht mehr sehen.« »Ja!«, jubelte Anna, obwohl sie an Papas plötzlichen Sinneswandel noch nicht so richtig glauben wollte. »Ich kriege Pommes mit Ketchup!« Auch Hildegard sah ihn etwas verwundert an, sagte aber nichts. Es war ganz in ihrem Sinne, was ihr Mann gerade tat, im Gegensatz dazu, wie er sich gewöhnlich ihr gegenüber verhielt, wenn sie ihm Vorschläge unterbreitete, die wenig was mit seinen eigenen Plänen zu tun hatten. Er blieb meistens stur, überlegte Hildegard, während sie im Schnellrestaurant der Rastanlage anstanden, und zog sein Ding durch, wenngleich schon von vornherein abzusehen war, dass er damit scheitern würde, denn ziemlich alles, was Wolfgang sich einbildete, waren reinste Luftschlösser. Diese Eigenschaft mochte Hildegard an ihm nicht. Wenn es nach ihr ging, mussten Männer eine klare und überaus realistische Vorstellung von dem haben, was sie erreichen wollten, und dieses Ziel auch konsequent verfolgen, bis sich ihre Träume verwirklichten. Hildegard wünschte sich einen starken, entschlossenen und erfolgreichen Mann an ihrer Seite, der ihr zeigen konnte, wo es lang ging, für den sie bereit war, ihre Entscheidungsfreiheit aufzuopfern, und bei dem sie absolut sicher sein konnte, dass sie von ihm im Gegenzug ein erfülltes und sorgenfreies Leben bekam. Für so einen Mann wäre sie zu sehr vielen Zugeständnissen bereit gewesen, bis zur völligen Unterwerfung, im Alltag wie im Bett – dieser Gedanke reizte sie sogar –, aber nicht für Wolfgang, wie ihn Hildegard während der letzten zehn Jahre erlebt hatte. Doch eigentlich, stellte Wolfgangs Frau der Gerechtigkeit halber fest, war ihr Mann nicht immer so gewesen. Oder sie glaubte es jedenfalls, wenn sie sich an die Zeit erinnerte, als sie Wolfgang kennengelernt hatte, denn sonst hätte er sie nicht einfach so herumkriegen können, dass sie ihn damals zu allem Überfluss auch noch geheiratet hatte. Sie hätte ihre kleine Anna auch allein aufziehen können und es hätte vielleicht sogar viel besser funktioniert, nahm sie an, denn nach der Geburt ihrer Tochter war Wolfgang eher zu einer Belastung geworden, anstatt sich um das Wohlergehen ihrer kleinen Familie ausreichend zu kümmern.
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Schon einige Monate nach der Hochzeit, entsann sich Hildegard, fingen seine Eskapaden an. Eines Tages erklärte er ihr allen Ernstes, er würde seine Stelle bei der Baufirma, wo er seine Ausbildung als Elektriker gemacht hatte und schon etliche Jahre arbeitete, aufkündigen und sich »selbständig« machen! Er sei nicht genügend von der Firma geschätzt, hieß es zur Begründung, man behandle ihn wie ein Mädchen für alles und entlohne seine Arbeit nicht in gehörigem Maße. Als Lösung für das Problem sollte seiner Meinung nach ein Job als Handelsvertreter auf Provisionsbasis dienen. »Unbegrenzte Verdienstmöglichkeiten, freie Zeiteinteilung, Arbeiten von zu Hause aus«, hatte er ihr das Blaue vom Himmel versprochen und sie war auch noch dumm genug gewesen, ihm das zu glauben, ärgerte sich Hildegard. Seitdem verkaufte er seine Staubsauger und sein Spruch über unbegrenzte Verdienstmöglichkeiten war mehr so zu verstehen, dass sie unbegrenzt klein ausfallen konnten, oder besser gesagt in aller Regel gegen null tendierten, von der freien Zeiteinteilung ganz zu schweigen. Wolfgang war von morgens bis abends unterwegs. Diese Art von Ehe gefiel Hildegard im Laufe der Zeit immer weniger, sie hatte innerlich bereits einen Entschluss gefasst, dem Ganzen ein Ende zu setzten, wusste jedoch noch nicht so recht, wie sie die Sache angehen sollte, es hätte einen großen Zirkus von Wolfgangs Seite gegeben, vermutete sie. Aber sie musste auf jeden Fall weg von diesem Mann, so viel stand für Hildegard fest. Schließlich war er nicht der Einzige! Sie hatte bereits jemanden, mit dem sie das erlebt hatte, was mit Wolfgang niemals möglich gewesen wäre, einen Kollegen von der Stadtverwaltung. Der Abteilungsleiter schickte sie beide als Teil einer Gruppe regelmäßig zu einem EDV-Fortbildungsseminar nach Berlin, wo sie alle in einem Hotel übernachteten. Hildegard entgingen keineswegs die kollegialen Avancen, die ihr der Mann, der sich als Jürgen vorgestellt hatte, während der Pausen machte, und die aufregende Art und Weise, wie er sie bei den Mittagessen zu umgarnen suchte, und sie flirtete gerne zurück, bis sie eines Abends intim geworden waren. Was war das bloß für eine Nacht gewesen, die sie mit diesem Jürgen auf seinem Zimmer verbracht hatte, dachte Hildegard mit Wonne an ihr heimliches Abenteuer zurück! Das Gefühl der fleischlichen Begierde, das sie dabei urplötzlich überkam, war derart überwältigend, dass sie unverhofft eine angenehm kribbelnde Wärme im Unterleib verspürte und ihre Beine unauffällig fest zusammenpressen musste, um die anschwellende Wollust zu unterdrücken, ehe noch jemand etwas davon merkte – es war dafür wahrhaftig nicht der richtige Ort und nicht die richtige Zeit.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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