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Des Teufels Steg: Seite 207
»Es mag alles sein«, gab Hannes nach einer Weile von sich. »Wir werden sehen. Aber kannst du mal, Gerlinde, meine Worte dem Wilden Mann sagen, sodass er sie versteht?« Die Greisin bejahte. Der rebellische Theologe und gelegentlich auch Ruprecht, der hin und wieder das Wort ergriff, weihten den Obmann der Wilden in ihre Pläne ein. Und fanden Zustimmung. Die wilden Krieger hielten es für sinnvoll, ein paar von den stählernen Waffen in ihrem Arsenal zu haben, deren Wirkung sie schon mehrfach anderweitig beobachtet, aber noch nie eine davon in den Händen gehalten hatten. Und noch zusätzlich einige schlagkräftige Männer in der Kampfeinheit zu haben, konnte ohnehin nicht schaden. »Sag mal«, erkundigte sich Ruprecht bei Hannes, als die drei Kameraden sich auf den Weg ins Dorf gemacht hatten, »wie hast und es mit ›du seist ein Wilder Mann‹ gemeint?« »So wie ich es gesagt habe«, versetzte der Tischlergeselle und schritt unbeeindruckt weiter auf dem Pfad entlang der Bode. »Ist das wahr?« Ruprecht traute seinen Ohren nicht. »Nach all dem, was du uns …« Hannes blieb abrupt stehen und drehte sich zu seinen Freunden um. »Ja, nach all dem, was ich euch erzählt habe! Es ist mir durchaus bewusst. Aber … Aber ich bin jetzt ein anderer Mensch! Und ich habe es auch nicht gewusst. Irmel hat mir erst neulich die Geschichte meiner Familie verraten. Und ja, wenn ihr es so wollt, ich habe euch reinen Mist erzählt, das gebe ich zu. Die Wilden Männer, wie ihr ja gesehen habt, gibt es wirklich und ich bin einer davon!« »Es stimmt also alles, was die alte Frau sagt?«, fragte Ruprecht beharrlich weiter. »Es ist alles Trug, was dein Vater Nicklas, die Kardinäle und die Pfarrer in der Kirche über Gott und Jesus predigen? Über das sorglose Leben nach dem Tod?« »Ja! Oder … nein … nicht in vollem Maße!«, antwortete der Tischler genervt. Er war noch mit sich selbst nicht im Klaren, was nun stimmte und was nicht. Der leidenschaftliche Verfechter des wahren Glaubens war noch nicht seelisch dazu bereit, alles zu verleugnen, was er in den letzten Jahren gelernt hatte. Es konnte seiner Meinung nach einfach nicht alles falsch sein, was in den klugen Büchern stand, die er studiert hatte. Etwas von der Wahrheit, wenigstens ein Bruchteil davon, musste darin enthalten sein. Nur dass solche Leute wie die katholische Obrigkeit die wahren Glaubensinhalte in ihrem eigenen Sinne so umgekehrt hatten, dass sie zu einer Lüge geworden waren, die man für die Wahrheit halten konnte. Da musste der Adept dieser Gerlinde recht geben und wollte damit auch nichts mehr zu tun haben. »Wie meinst du das, Hannes?«, hakte auch Jobst nach, um die niederschmetternden Informationen, die sein bisheriges Weltbild auf den Kopf stellten, irgendwie zu ordnen. »Ich verstehe nichts mehr! Das, was du uns die ganze Zeit erzählt hast … War das alles eine Lüge?« »Ich habe nicht gelogen, Jobst«, versuchte Hannes, den Bauernknecht zu beruhigen. »Ich habe nur das wiedergegeben, an das ich unwissentlich glaubte. Aufrichtig glaubte. Jetzt ist mir aber anderes Wissen zuteilgeworden!«
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»Aber dir ist schon bewusst«, kam Ruprecht auf das Thema zurück, »dass Gretlin nur aufgrund dessen ihre Qualen leidet, was du gepredigt hast?« »Ja, Ruprecht. Es ist mir bewusst. Und ich habe mich bei dir dafür entschuldigt. Es ist bestimmt auch dir nicht entgangen, dass ich den Aufruhr nur ihretwegen angezettelt habe! Um deine Frau vor dem Scheiterhaufen zu retten!« »Und Agnes …« »Ja, und Agnes! Und Irmel. Und sonst noch alle Frauen, die sie in die Finger bekommen haben!« Ruprecht schwieg. »Kommt, Freunde«, sagte Hannes abschließend. »Lasst uns diesen Streit beilegen. Wir müssen eins sein wie in alten Zeiten, um mit geballter Kraft die Aufgabe zu meistern, die uns bevorsteht. Lasst uns weitergehen, bitte.« Schon bald erreichten die jungen Leute das Dorf zum Tale. Der Nebel hatte sich inzwischen verzogen und die Siedlung lag malerisch vor ihren Augen verwöhnt von den wärmenden Sonnenstrahlen. Aber die drei wussten, dass es nur ein trügerisches Idyll war, hinter jedem Haus, hinter jeder Scheune konnte die Schutzgarde lauern und sie gefangen nehmen. »Und wie sollen wir es jetzt bewerkstelligen?«, fragte Ruprecht, während die Freunde im Gebüsch am Dorfrand auf eine günstige Gelegenheit warteten. »Am helllichten Tage mit der Rüstung durch das Dorf wandern und Männer ansprechen?« »Nein, Ruprecht!«, antwortete Hannes verärgert. »Rede keinen Unsinn! Wir werden nichts dergleichen tun.« »Und wie?« »Jobst«, wandte sich der Tischlergeselle statt einer Antwort an den Bauernknecht. »Dein Bauernherr wähnt dich ja wahrscheinlich immer noch versteckt auf dem Heuboden?« »Das weiß ich nicht, Hannes.«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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