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Des Teufels Steg: Seite 206
Ja, dachte er traurig nach, Irmel … Irmel war auch kein Unschuldslamm und er hatte ja nicht weniger unerschütterlich daran geglaubt, dass sie eine vorbildhafte Christin sei. Er war, musste der Tischlergeselle sich selbst gestehen, ebenfalls felsenfest davon überzeugt gewesen, dass es keine Wilden Männer gebe und dass das ganze Gerede nur gotteslästerlicher Aberglaube sei. Nun hatte ihn das Leben aber des Besseren belehrt: Nahezu alle, die sich hier am Bodekessel versammelt hatten, waren Wilde Leute. Der eine mehr, der andere weniger, dennoch waren sie alle miteinander auf eine gewisse Weise verwandt. Er, Hannes, war nicht allein auf dieser Welt. Von Zweifeln geplagt tröstete sich der Tischler mit dem Gedanken, sie seien nunmehr Verbündete in einer gemeinsamen Sache, und ließ sich auf das Gespräch mit Gerlinde ein, zumal er auch eine Dolmetscherin zum Kommunizieren mit dem Anführer der wilden Krieger brauchte. »Es hat hier noch nie eine Brücke gegeben«, meinte Hannes zu der alten Frau. »Auf was sollen wir warten?« »Manchmal wollen die Menschen nicht das Offensichtliche erkennen, mein Junge«, entgegnete Gerlinde mit ruhiger Stimme. »Vor allem Christen weigern sich zuzugeben, dass es noch etwas außer ihrem Gott gibt, den sie sich ausgedacht haben. Sie haben mir viel Böses angetan in meinem Leben, ich weiß, wovon ich rede. Sie weilen unter einem Schleier falscher Vorstellungen, die ihnen ihre Priester eingeredet haben und zu eigenem Vorteil nutzen – Macht und Geld. Sie nennen uns Hexen und verbrennen uns auf dem Scheiterhaufen, obwohl wir keine Zauberkräfte besitzen und nur das zu nutzen gelernt haben, was die Natur von sich aus allen Menschen gibt: Die heilende Wirkung der Kräuter. Aber die einfachen Leute dürfen es nicht erfahren, sonst verlieren die Oberchristen sowohl Macht als auch Geld.« Hannes sah die alte Frau trübe an. Noch vor einer Woche wäre der Apologet der christlichen Lehre mit aller Entschiedenheit in die unerwartet entstandene theologische Diskussion auf der Seite der kirchlichen Autoritäten eingetreten, aber jetzt, nachdem der Tischler gewisse Erfahrungen mit Vater Nicklas und den Eminenzen gemacht hatte, schwieg er bedrückt und fand keine Worte, um Gerlindes Behauptungen zu widerlegen, sosehr er sich bemühte. Die Frau hatte wohl recht, von welcher Seite auch immer der Adept ihre Thesen zu betrachten versuchte. Ihm fielen keine Antithesen ein. »Was hat denn das alles mit der Brücke zu tun?«, fragte er schließlich. »Das eine ist wie das andere«, fuhr Gerlinde unbeirrt fort. »Christen glauben an einen Ort, eine andere Welt, in der immer der Frühling währt und der Himmel nie wolkenverhangen ist. Sie nennen ihn Paradies. Und der Preis, den die Christen, wie sie glauben, dafür zahlen müssen, um dorthin zu gelangen, ist der Tod. Wie traurig …« »Das Paradies kann nicht traurig sein!« Hannes verspürte nun doch den Wunsch, etwas Grundlegendes richtigzustellen. »Und der Tod ist kein Preis! Er ist nur das Tor zum Garten Eden, das nicht jeder passieren darf. Vor allem diejenigen nicht, die Gottes Existenz einem Zweifel unterziehen und eines Christen nicht würdig leben.«
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»Aus dir spricht die Stimme deines Lehrers, Hannes«, erwiderte die Greisin. »Aber in deinen Adern fließt wildes Blut. Unser Blut. Und du zweifelst auch an der Richtigkeit seiner Lehre. Ich kann es spüren. Sonst wärest du nicht hier und wolltest nicht die unschuldigen Frauen aus seiner Gewalt befreien. Du würdest ihm seine Geschichten, die sich Christen aus Furch von dem Ungewissen ausgedacht haben und an die sie so heilig glauben, dass sie sie für die Wirklichkeit halten, weiterhin abkaufen. Dein Lehrer ist eigentlich schon längst dahintergekommen, dass es Märchen sind. Er erzählt sie nach wie vor, aber seine wahren Absichten sind ganz anders.« Der Tischlergeselle blieb stumm. Er wunderte sich nur, woher die alte und, wie es den Eindruck erweckte, eine sehr weise Frau alles von ihm wusste – wie er empfand und was er fühlte. »Aber eine andere Welt gibt es wirklich«, sprach Gerlinde weiter. »Und man muss nicht erst sterben, um sie zu betreten! Sie liegt dort, auf der anderen Seite der Schlucht. Ich habe in ihr viele Jahre verbracht und weiß, was ich sage. Sie ist nicht so, wie die Christen sie beschreiben. Sie ist nicht vom Sonnenschein verwöhnt, sie ist ganz anders. Dort gibt es auch Christen und dort gibt es auch andere Übeltäter, die unsere Cecilia festhalten. Dort werden wir ebenfalls als Hexen beschimpft, auch dort wollen die Menschen nichts von Fremden wissen, die mit ihnen ihre Art zu leben nicht teilen.« »Aber wie kann denn …?«, meldete sich Hannes wieder zu Wort. »Und es gibt auch ein Tor, das in diese Welt führt!«, unterbrach ihn die Frau. »Aber es ist nicht wie bei den Christen der Tod, den sie einerseits besingen, wenn es um ihren verschiedenen Gott geht, und andererseits eine fürchterliche Angst davor haben, wenn es ihr eigener ist. Nein, es ist eine Brücke. Sie erscheint nur bei Vollmond, aber auch dann ist sie nicht für jedermann sichtbar. Warum die Brücke da ist und wo die andere Welt anfängt und wo sie endet, das weiß ich nicht, da fragst du lieber den Wilden Wolfgang, aber von der Brücke wusste ich schon, als ich noch eine Jungfrau war. Es gab sie schon immer und du wirst sie auch unter deinen Füßen spüren, noch heute Abend, wenn der Mond aufgeht und du meine Hand nicht loslässt, wenn wir alle auf die andere Seite gehen.« »Und wer wird unsere Hände halten, damit wir nicht in die Fluten stürzen?«, fragte plötzlich Jobst beunruhigt und sah den Tischler an. Hannes schwieg nachdenklich, während der Bauernknecht und Ruprecht, den das Problem offensichtlich ebenfalls beschäftigte, ihre Blicke auf die alte Frau in Erwartung einer Auskunft richteten. »Es wird schon alles gutgehen, Kinder«, meinte Gerlinde und sah auf Ursel, die inzwischen eingeschlafen war.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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