|
Des Teufels Steg: Seite 204
Sie machten sich an die Arbeit, die sich weit schwieriger erledigen ließ, als es Knöpfle auf den ersten Blick vorgekommen war, und die muslimischen Fräuleins sahen ihnen verwundert zu und rätselten schweigsam über den Sinn und Zweck der Zerstörungsaktion. Der Märchenautor atmete erleichtert auf, als aus dem letzten Motorradreifen die Druckluft zischend entwichen war. »Hab nie gedacht, dass es so schwer ist«, sagte er erschöpft. »Wenn man einen Platten kriegt, dann geht alles ganz schnell!« »Stimmt«, sagte Tobias einsichtig. »Okay, dann wünsche ich Ihnen noch viel Erfolg mit dem blonden Mädchen. Vielleicht warten Sie lieber auf die Polizei. Wie gesagt: Es kann großen Ärger mit Hans geben.« »Danke«, brachte Knöpfle seine Anerkennung zum Ausdruck. »Werde ich haben. Mal sehen, was sich machen lässt. Bis später.« »Bis später«, verabschiedete sich auch Tobias endgültig und gab den Frauen ein Zeichen, sie mögen ihm doch bitte folgen. Richard blieb noch eine Weile stehen, bis sich die Umrisse der Wanderer auf dem Feldweg im Zwielicht des Morgengrauens aufgelöst hatten. Ihm war nach einer gemütlichen Pfeife, so erschöpft und unausgeschlafen wie er war. Aber nicht hier im Freien mitten auf der vom Morgentau benetzten Wiese, in der ziemlich kühlen Luft. Er wollte sich zurücklehnen und ein wenig entspannen. Es boten sich dafür nicht besonders viele Möglichkeiten außer der, sich zu seinem versteckten Wagen zu begeben und ihn als Rückzugsort für ein kleines Pfeifchen mit musikalischer Begleitung aus dem Autoradio zu nutzen, ehe er sich auf den Rückweg zur Lichtung machte. Im Auto war es nicht wesentlich wärmer als draußen, aber immerhin war es trocken, sodass der Legendensammler sofort den langersehnten Komfort, der ihm schon eine ganze Weile fehlte, leidenschaftlich genießen konnte. Es war ein Stückchen der schon fast vergessenen heilen Welt, in die er eintauchte, sobald er die Tür von innen verriegelt hatte. Hier gab es keine Nazis, keinen Breitscheid, keine in der Zeit wandelnden Mädchen und keine entführten Ausländerinnen – nur der vertraute Geruch des Leders der Innenverkleidung schmeichelte seiner Nase, und erstaunlicherweise hing noch der geheimnisvolle, kaum wahrnehmbare süßliche Duft von Elkes Parfüm in der Luft.
(?)
Knöpfle schaltete das Radio ein. Es liefen Nachrichten. Der Schriftsteller absorbierte buchstäblich jedes Wort, das aus den Lautsprechern klang. Es waren Laute aus der unsichtbaren Welt jenseits der Armaturentafel, seiner Welt, die so nah und gleichzeitig so fern von ihm zu sein schien. Hastig stopfte der Märchenautor seine Pfeife und zündete sie an. Um ehrlich zu sein, wusste er gar nicht mehr, wann er seine letzte geraucht hatte, aber es musste schon lange her gewesen sein, überlegte der von Müdigkeit geplagte Schriftsteller, denn der Tabakrauch berauschte ihn regelrecht bereits beim ersten Zug und ein Gefühl von kribbelnder Wärme erfüllte seine Glieder. Richard verschob den Sitz, um die Beine ausstrecken zu können, drehte an dem Einstellrad der Rückenlehne so lange, bis er bald schon im Auto liegen konnte, und lehnte sich entspannt zurück, als die Pfeife zu Ende war. Im Radio spielte inzwischen Musik, irgendein ruhiges, besinnliches Stück, das den Märchenautor auf eine mentale Reise mitnahm, während er mit dem Nacken auf der Kopfstütze lag und auf die Decke starrte. Richard merkte nicht, wie sich seine Augenlider von selbst schlossen. Zwei Minuten später schlief der Schriftsteller wie ein Stein. 14. Kapitel: LETZTE VORBEREITUNGENEs war bereits Freitag und die Stunde der Hexeneinäscherung auf dem Tanzplatz rückte immer näher. Schon morgen mussten unter großem organisatorischen Aufwand die Dorfbewohner auf den Hexenberg geleitet, ja zum Teil unter Folterandrohung zum Hingehen gezwungen werden, denn Vater Nicklas nahm nicht ohne Grund an, dass der Aufforderung nicht jeder freiwillig gefolgt wäre. Darüber hinaus musste noch einiges in die Wege geleitet und für die Exekution vorbereitet werden. Beispielsweise die Scheiterhaufen, die für das Unterfangen wohl unabdingbar waren, oder andererseits die richtigen Plätze zum Aufstellen der Wachposten bestimmen – bei der Menschenmenge und angesichts dessen, dass die Verbrennung mit Anbruch der Dunkelheit geplant war, durfte die Sicherheit keineswegs vernachlässigt werden. Zumal dem Inquisitor schon von gottesfürchtigen Dörflern zugetragen wurde, dass die drei Rebellen, angeführt von seinem ehemaligen Lehrling, der die Frechheit besaß, einem Gefangenen zur Flucht verholfen zu haben, heimlich in der Siedlung herumschlichen und rechtschaffene Christen zur Auflehnung gegen die Heilige Inquisition anzustiften suchten. Der Angelegenheit mit den Ketzern wollte sich Vater Nicklas zu einem späteren Zeitpunkt widmen, sobald die Sache mit den Hexen vom Tisch war, denn ein derart ketzerisches Handeln durfte man auf keinen Fall ohne Konsequenzen lassen – es musste ein für alle Mal im Keim erstickt werden, damit es in der Umgebung nicht noch Schule machte.
|
Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden
KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
Zahlen & Daten zum Werk
![]() Ihre Spende ist willkommen!Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank! Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||



