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Des Teufels Steg: Seite 205
Schon vor zwei Tagen hatte der Untersuchungsrichter vorsorglich Männer von der Schutzgarde zum Hexentanzplatz geschickt. Nunmehr berichteten sie, dass die Kreuze aufgestellt und die Scheiterhaufen drum herum aufgeschichtet waren, sodass das Gerichtsurteil vollstreckt werden konnte. Es traf sich gut. Der Inquisitor wollte heute ohnehin schon den Ort der Exekution inspizieren, um eine genaue Vorstellung von den lokalen Gegebenheiten zu haben, und so konnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Hinrichtungsanlagen in Augenschein nehmen und gleichzeitig ein bequemes Zuschauerplätzchen für die Gesandten Seiner Heiligkeit aussuchen, das sich weit genug vom Pöbel befand, – ihnen durfte er keine Blöße bieten, die Anlass zu einer schlechten Beurteilung seiner Fähigkeiten als Inquisitor gegeben hätte. Nicht zu vergessen waren auch Büttel, Schreiber und das übrige bürokratische Gefolge, die auch irgendwo auf der vermutlich eher kleinen Waldlichtung untergebracht werden mussten. Bei der Gelegenheit, da der Weg zum Tanzplatz durch die Siedlung führte, konnte er auch schon mal vorab im Dorf verkünden, dass das Erscheinen beim Vollzug der Todesstrafe einer Hexe Pflicht für jeden frommen Christen sei und das Fernbleiben dem bedeutsamen Ereignis mit Exkommunikation bestraft werde. Und es gab noch etwas, was der Franziskanerbruder auf dem Tanzplatz persönlich überprüfen musste. Nämlich die seltsamen Erscheinungen, von denen ihm die Schutzgardisten, die auf dem Berg mit dem Errichten der Scheiterhaufen beschäftigt gewesen waren, erzählt hatten. An der Glaubwürdigkeit der Männer zweifelte der Mönch keine Sekunde. Sie hätten die Geschichte von schattenhaften Fremden am Lagerfeuer, die hin und wieder wie Gespenster auf dem Platz auftauchten und sich nach kurzer Zeit wieder wie in Luft auflösten, nicht einfach so erfunden – die Geschichte von brennenden Strohfiguren und einer blonden Jungfrau mit offenem Busen, die ebenfalls ans Kreuz gebunden war. Es musste Hexenwerk sein und der Sache wollte der Franziskaner auf den Grund gehen. »Ehrenwerte Äbtissin, Mutter Kunigundt«, wandte sich noch Vater Nicklas zum Abschied halblaut an die Klostervorsteherin aus dem Fenster der Sänfte, in der er nach oben getragen werden sollte. »Wie geht es Schwester Barbara? Ich habe sie schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen.« Die Äbtissin, die an der Tür stand und den Franziskanermönch verabschiedete, senkte den Blick. »Die Schwester verlebt ihren Tag sehr zurückgezogen. Sie verbringt die Zeit in ihrer Klause beim Gebet.« »Dann muss etwas von ungeheurer Wehmut das Herz des armen Geschöpfes bedrücken«, schlussfolgerte der Inquisitor nachdenklich. »Ja, gewiss, Euer Ehren«, sagte die Äbtissin mit unterwürfiger Stimme und seufzte traurig. »Wir sollten ihr den seelischen Schmerz überwinden helfen. Findet Ihr nicht, Mutter Kunigundt?« Etwas Diabolisches glühte kurz in den Augen der Oberin auf und verschwand erneut in den Tiefen ihrer Seele. »Ja, Vater Nicklas«, antwortete sie treu ergeben.
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»Dann führet doch bitte das arme Kind heute zur späten Stunde in die Kapelle. Wir werden zu Gott, unserem Herrn im Himmel, beten und ihn mit aller gebührenden Ehrfurcht darum ersuchen, die Schwester von ihren trüben Gedanken zu erlösen. Zu dritt.« »Das werde ich, ehrenwerter Richter.« Die Vorsteherin sah verstohlen auf den Franziskaner, ihr Blick verriet die tiefste Genugtuung, mit der sie die Botschaft des Inquisitors aufgenommen hatte, und strahlte das stillschweigende Versprechen aus, den Untersuchungsrichter bei der Vorbereitung des Gebets nicht enttäuschen zu wollen. Vater Nicklas gab ein Zeichen zum Aufbruch und vier Träger von der Schutzgarde, zwei an jeder Seite hinten und vorne, hoben das Tragegestell an den Stangen an und beschritten den Weg, der ins Dorf zum Tale führte.
Hannes und seine Freunde waren gestern tatsächlich im Dorf gewesen, trotz der ganzen Aufregung mit den Wilden Männern. In dieser Hinsicht hatte sich der Inquisitor nicht geirrt, als er die »Rebellen« der übelsten Ketzerei beschuldigt hatte. Die jungen Leute kehrten zu ihrem ursprünglichen Plan zurück, die Rüstung und die Waffen vom Heuboden zu holen und noch den einen oder den anderen Dörfler zur Teilnahme an der Befreiungsaktion zu überreden, nachdem es dem merkwürdig gekleideten und eine seltsame Mundart sprechenden Mann, den die Frauen »Wilder Wolfgang« nannten, unter keinen Umständen hatte gelingen wollen, im Nebel die Brücke über die Schlucht zu finden, die angeblich in irgendeine fremde Welt führte, von der er die ganze Zeit sprach. Hannes hatte eine Weile Breitscheids vergebliche, halsbrecherisch gefährliche Versuche, mit einem Fuß in der Luft über dem Abgrund Halt zu finden, beobachtet, ehe er seine Bedenken äußerte. »So werden wir noch Weihnachten hier stehen und nicht weiterkommen«, sagte der Tischler. Gerlinde, die neben ihrer Tochter saß und ihre Hand streichelte, erwiderte: »Wir müssen bis zum Abend warten. Das habe ich dem Wilden Wolfgang schon gesagt, aber er will es nicht glauben.« Eigentlich war seine Äußerung nicht für die Ohren der alten Frau bestimmt gewesen, befiel Hannes ein leichtes Missbehagen, eigentlich hätte auf die kritische Bemerkung einer seiner Freunde reagieren sollen, aber diese schwiegen. Der junge Adept hätte es trotz seiner Belesenheit nicht in Worte fassen können, was ihn an diesen Frauen störte, an der ganzen Familie, seitdem er Cecilia über die Schlucht hatte wandern sehen. Irgendwas war an der alten Geschichte dran, der Geschichte mit den Kräutern, Hexen und vom rechten Weg abgebrachten Jungfrauen. Das glaubte Hannes fest. Irmel konnte das, was sie seit Jahren erzählte, nicht alles selbst erfunden haben.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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