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Des Teufels Steg: Seite 203
»Und dem …« Dieter blickte auf Holger. »Dem geht es überhaupt nicht gut. Dann ist hier noch Tobs spurlos verschwunden. Keiner will ihn gesehen oder was von ihm gehört haben! Ich glaube, der Junge ist abgehauen. Nicht dass er noch zu Polizei geht! Wegen den Schüssen und so.« »Kann ich mir nicht vorstellen. Er taucht schon noch auf!« Der Sektionschef trank die Flasche zu Ende. »Aber zumindest haben wir jetzt die blonde Schlampe! Ist sie nicht süß?« Er deutete mit dem Kopf zum Kreuz. »Hans, wovon redest du?«, fragte Dieter besorgt. Er wollte nunmehr die Gewissheit haben, dass mit dem Chef noch alles stimmte, denn irgendwie lief mittlerweile tatsächlich alles aus dem Ruder. »Na das blonde Mädchen mit nackten Titten am Kreuz!«, gab der Patriotenanführer zu Antwort. »Die Hexe, nach der wir im Stollen gesucht haben. Ich habe sie hier neben der Lichtung erwischt!« »Tut mir leid«, bedauerte Dieter. »Ich kann dort niemanden sehen.« »Das ist ja ’ne tolle Geschichte! Wie, du kannst da niemanden sehen?« »Tut mir leid. Es hat sie keiner von uns gesehen, bis jetzt auf jeden Fall.« »Blödsinn!«, fuhr Hans erbost auf. »Wir haben sie alle drei gesehen, in der Schlucht und in Treseburg, als ihr noch nicht da wart!« »Wie gesagt …«, blieb Dieter vorsichtig bei seiner Auffassung. Er wollte den Bogen vorerst nicht überspannen: Nach dem Temperament zu urteilen war es aus seiner Sicht immer noch der alte Chef, aber andererseits sah er Dinge, die sonst keiner sah, und es machte den Haudrauf stutzig. Trotz des Risses, der sich immer deutlicher in der einst innigen Freundschaft zwischen den Jenaern und den Recklinghäusern abzeichnete, saßen beide Mannschaften noch lange am Lagerfeuer – auch als die Strohpuppe schon längst abgebrannt war – und tranken stupide ihren mit Melancholie und Trübsinn angesetzten Schnaps und mutmaßlich aus Schwermut gebrautes Bier. Man konnte zwar Gespräche aus der Runde vernehmen, hin und wieder gar ein Gelächter, das den nächtlichen Wald erfüllte, aber es waren immer zwei verschiedene Unterhaltungen, die Gesellschaften blieben strickt unter sich. Es half auch nichts, dass der betrunkene Jenaer Wortführer mehrmals den Versuch unternahm, Stimmung aufzubauen, indem er alle einlud, sich mit Cecilia zu vergnügen – die Biker hielten ihn für verrückt. Erst als sich schon der Himmel im Osten lichtete, fiel eine Alkoholleiche nach der anderen auf die Wiese vor der Feuerstelle und vergaß sich unverzüglich im schweren Rausch. Es war ziemlich frisch, um nicht zu sagen recht kühl, um im Freien zu nächtigen, aber niemand fror. Zum einen aufgrund seines Zustandes und zum anderen hatte jemand zum Schluss noch gut Holz aufgelegt, sodass das Lagerfeuer munter knisterte und gelegentlich Funken zum Himmel sprühte – kurz, es strahlte genügend Wärme aus. Nur Cecilia stand nach wie vor ans Kreuz gefesselt und klapperte mit den Zähnen. »Sonja!«, rief noch Johannes, bevor sich seine Augen schlossen. »Binde sie los und steck sie in ein Zelt!«
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Es erfolgte keine Reaktion. Die Zeltlagerbraut war schon heilfroh, dass der Chef die angekündigte Züchtigung vor aller Augen offenbar vergessen hatte, und schlafende Hunde mit der Frage wecken, wen er denn mit »sie« meine, wollte Sonja auf gar keinen Fall. Es dämmerte, als Knöpfle mit Tobias und zwei verängstigten, völlig verwirrten jungen Frauen am Waldsaum in der kühlen, leicht dunstigen Luft des anbrechenden Tages standen. Sie verabschiedeten sich voneinander. Zumindest taten es die Männer, die Frauen verweilten eher unschlüssig in Warteposition und realisierten anscheinend nicht in vollem Maße, was mit ihnen geschah. Nur eins hatten sie bis jetzt klar und deutlich erkannt, die Männer wollten ihnen nichts Böses antun, und ließen sich ohne Widerreden helfen. »Viel Glück, Junge«, sagte Knöpfle und legte Tobias die Hand auf die Schulter. »Klopfe gleich im ersten Haus an, sobald du den Ort erreicht hast, und rufe die Polizei! Du bist mir eine große Hilfe, danke.« »Nichts zu danken«, erwiderte Tobias. »Ich halte es für richtig, was wir machen, Herr Knöpfle. Aber ich würde jetzt viel lieber die Frauen mit dem Auto wegbringen! So geht es doch viel schneller, dann ist auch die Polizei viel schneller da!« Er schielte zu dem improvisierten Parkplatz, wo die Fahrzeuge und Motorräder abgestellt waren. »Hast du sie noch alle beieinander? Damit das Ungeziefer auf der Lichtung gleich aufspringt und nach uns sucht? Den laufenden Motor kannst du jetzt kilometerweit hören!« »Man kann ja denen auch die Reifen durchstechen, damit sie uns nicht verfolgen können!«, kam Tobias plötzlich auf eine Idee. »Hm …«, gab der Schriftsteller nachdenklich von sich. »Die Idee gefällt mir ja ganz gut, ich weiß nicht, warum ich nicht schon gestern darauf gekommen bin, aber du gehst bitte mit den Mädchen trotzdem zu Fuß. Das Risiko ist zu groß. Sie sind dann alarmiert und flüchten auch ohne Autos, noch bevor die Polizei kommt. Doch die Sache mit den Reifen werde ich gleich in Angriff nehmen, nachdem ihr weg seid.« »Ich helfe Ihnen!«, meldete sich Tobias freiwillig für die Ausführung der Aufgabe. Er ging zum Auto, schloss es auf und holte einen Schraubenzieher aus dem Ablagefach in der Fahrertür. »Damit müsste es auch gehen!« »Ich denke, schon«, stimmte ihm der Legendensammler zu und holte sein Klappmesser aus der Tasche.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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