|
Des Teufels Steg: Seite 201
Tobias hob sein Haupt an und Knöpfle erkannte in dem jungen Mann im Schein der zuckenden Flammen auf der Lichtung einen der ungehobelten Burschen, die ihn in Treseburg auf der Straße angepöbelt hatten, und gleichzeitig jemanden, den er schon im Lager der »Retter der Nation« gesehen hatte. Der Junge schien etwas überrascht zu sein, einen ganz anderen Mann zu Gesicht zu bekommen als den, welchen er erwartet hatte. »Ich dachte, Sie sind Dieter«, sagte er konfus. »Ich bin kein Dieter!«, versetzte der Märchenautor. »Ich heiße Richard Knöpfle. Wie heißt du und was machst du hier?« »Tobias«, stellte sich der Junge vor. »Ich verstecke mich vor meinen … vor den Leuten am Lagerfeuer.« »Gehörst du zu ihnen?« »Ja … oder … nein … nicht mehr«, drückte Tobias kaum hörbar aus sich heraus. »Halleluja!«, bemerkte Richard hämisch. »Woher kommt der plötzliche Sinneswandel? Erst neulich habe ich dich …« »Ja, ich … ich … Seitdem hat sich vieles geändert. Ich will das alles nicht.« »Was im Einzelnen?« »Na ja, es wird mittlerweile scharf geschossen. Das war so nicht abgesprochen. Und ursprünglich waren nur Strohpuppen zum Verbrennen geplant. Jetzt stehen aber lebendige Menschen am Kreuz und Hans wird die Frauen anzünden, wenn man ihn nicht aufhält! Das will ich alles nicht und hab es auch nie gewollt, als ich der Burschenschaft beigetreten bin.« »Welcher Teufel hat dich denn überhaupt geritten, dass du dich dem Gesindel angeschlossen hast?« Tobias schwieg schuldbewusst. »Warum verschwindest du denn nicht einfach?«, stellte Richard die nächste Frage. »Warum sitzt du denn immer noch hier im Wald und gehst nicht zurück nach …? Wo immer du herkommst!« »Nach Jena«, ergänzte der abtrünnige Arier apathisch den fehlenden Teil in Richards Satz. »Ich hab Schiss, dass sie mich kriegen.« »Hat euch in Jena nicht etwa eure Mama in der Kindheit gesagt, dass das Spiel mit dem Feuer immer mit einem Großbrand endet?« »Doch«, sagte Tobias traurig. »Allem Anschein nach nicht eindringlich genug!«
(?)
Der Geschichtensammler spürte, dass der Junge seine Dummheit aufrichtig bereute, und hatte seine letzte Bemerkung mit deutlich weniger Strenge in der Stimme ausgestattet als die vorherigen. Richard dachte nach, wie er die neue Situation geschickt zu seinem Vorteil nutzen konnte. Letzten Endes traf man nicht jeden Tag auf einen reuigen Nazi im Wald, der sich mit den Gepflogenheiten der rechtsradikalen Bande am Lagerfeuer auskannte, und der Schriftsteller hatte den Eindruck, dass etwas dringend passieren musste. Vor allem mussten die Frauen hier weggebracht werden, wenigstens die zwei Ausländerinnen, die aktuell nirgendwo zu sehen waren. Vermutlich saßen sie gefesselt in einem der Zelte, aber Knöpfle wusste nicht, in welchem. Jetzt musste er etwas unternehmen, sagte sich gedanklich der Märchenautor. Die Befreiungsaktion noch länger hinauszuzögern in der Hoffnung, dass jede Minute die Polizei eintraf, hatte keinen Sinn. Elke musste etwas zugestoßen sein, mit Hilfe aus dieser Richtung war nicht mehr zu rechnen. Aber auch Breitscheid ließ sich mit seinen Wilden Männern nicht blicken, obwohl es schon nach Mitternacht war. »Okay, Tobias«, sagte der »verrückte Schriftsteller« entschlossen nach einer Weile. »Das war alles ›das Wort zum Sonntag‹, zum Donnerstag, um genau zu sein, und jetzt sag mir bitte ehrlich: Willst du dich für die rechte Sache irgendwie nützlich machen?« »Was muss ich denn tun?« »Als Erstes musst du mir zeigen, in welchem Zelt die zwei muslimischen Frauen festgehalten werden.« »In dem da.« Tobias deutete auf ein größeres Igluzelt, das den Jungs aus Recklinghausen gehörte. »Gut. Ich habe hier ein Klappmesser.« Knöpfle griff in die Tasche. »Solange deine Freunde, deine ehemaligen Freunde, wohlgemerkt, am Feuer sitzen und ihre fürchterlichen Lieder unmusikalisch vortragen, schleichen wir uns zu dem Zelt und schlitzen die Wand auf der Rückseite auf.« »Und wenn sie es mitbekommen und uns schnappen?«, meinte Tobias nachdenklich. »Das Risiko müssen wir eingehen! Du bist jetzt auf jeden Fall nicht allein. Zu zweit können wir uns erheblich besser wehren! Aber die Mädchen müssen wir dort herausholen.« »Wenn Sie meinen …«, gab der Junge skeptisch von sich. »Danach hilfst du mir, ihre Fesseln loszumachen, und wir führen die Türkinnen zum Waldrand. Ab dort bist du gefragt! Du wanderst mit ihnen bis zum nächsten Ort, es ist nicht weit, und rufst von dort die Polizei. Und wenn sie kommt, erzählst du ihnen, was hier läuft, und führst sie hierher. Verstanden?« »Schon. Warum hauen wir dann nicht alle gemeinsam ab?« »Ich muss noch hierbleiben. Da ist noch das blonde Mädchen am Kreuz festgebunden. Es sieht nicht gut für sie aus.« »Es gibt großen Ärger. Es ist die Hexe, die wir schon Anfang der Woche verfolgt haben, bis nach Treseburg und so.« »Cecilia. Das Mädchen heißt Cecilia.«
|
Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden
KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
Zahlen & Daten zum Werk
![]() Ihre Spende ist willkommen!Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank! Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||



