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Des Teufels Steg: Seite 202
»Egal. Johannes ist wie verrückt nach ihr. Es gibt großen Ärger.« »Und wennschon! Ich habe keine andere Wahl!«, setzte Knöpfle der Diskussion ein Ende. Unterdessen wollte die Party anlässlich des Probefeuers mit der Strohpuppe nicht so richtig in Schwung kommen. Obgleich es nicht an geistigen Getränken mangelte, brachte der Alkohol keine Entspannung in die Runde, vielmehr wurde die Stimmung mit jedem weiteren Schluck äußerlich immer depressiver und unterschwellig zunehmend aggressiv. Angespanntheit lag in der Luft. Dem Augenschein nach hingen an jedem die Ereignisse der letzten Tage wie eine schwere Last und trübten das Gemüt. Die Schusswunde an Holgers Schulter hatte sich entzündet und der Anführer der Biker lag fiebrig unter unzähligen Decken am Feuer und konnte gegen den Schüttelfrost, der seinen Körper fest im Griff hatte, nichts ausrichten. Er redete wirres Zeug leise vor sich hin und zitterte am ganzen Leib trotz der lichterloh brennenden »Alifigur«, die so viel Wärme abgab, dass alle schon längst ein Stückchen weiter weg von der Feuerstelle gerückt waren. Auch das regelmäßige Stöhnen, das alle fünf Minuten aus dem Zelt kam, in dem der zweite Mann der Jenaer Sektion lag und unter fürchterlichen Schmerzen litt, trug nicht gerade zur Auflockerung der angespannten Atmosphäre bei. Denn es erinnerte die Gegenseite daran, dass es auch bei ihnen Verletzte zu beklagen gab. Zu allem Überfluss spielte noch Johannes verrückt, indem er wie besessen von einer fixen Idee seit dem Nachmittag, als er mit Sonja den Versuch Pilze im Wald zu finden unternommen hatte, vor dem mittleren Kreuze stand und sich so verhielt, dass man einfach annehmen musste, er sei nicht recht bei Verstand. Man hätte denken können, dass er betrunken war oder wieder mal Zaubergewächse konsumiert hatte, aber es konnte nicht stimmen, denn der Vorstand der Jenaer Zelle trank keinen Tropfen und was die Pilze anging, beteuerte Sonja sehr glaubwürdig, dass die beiden gar keine gesammelt hatten. Nach einer gewissen Zeit beachtete ihn keiner mehr und ließ ihn machen, was er nicht lassen konnte. Das störte den Anführer der Nationalpatrioten allerdings recht wenig, er setzte einfach sein Gespräch mit derjenigen fort, die angeblich am Pfosten festgebunden war und die keiner außer ihm sehen konnte. Jürgen und Tobias, die diese Fähigkeit ebenfalls besaßen und dem Rest etwas von dem blonden Mädchen hätten berichten können, waren nicht zugegen. »Na, Schätzchen«, sagte er genüsslich, »endlich habe ich dich!« Der Hauptpatriot fuhr mit seinem Zeigefinger langsam über Cecilias Hals vom Ohr zur Kehle und vertiefte ihn dann in den Ausschnitt der Cotte. Das Wilde Fräulein blickte auf ihn angsterfüllt mit ihren blauen Augen und sagte kein Wort. Gefesselt an Füßen und Händen, die um den Pfosten des Kreuzes herumgelegt und auf seiner Rückseite zusammengebunden waren, und in Bauch- und Hüfthöhe durch Seile bewegungslos gemacht, war sie ihrem Peiniger völlig ausgeliefert. Dieser machte indes unbeeindruckt weiter: »So, schönes Hexchen, zeig mal: Was hast du denn da? Weißt du, wir werden dich jetzt ganz langsam, mit viel erotischer Fantasie Stückchen für Stückchen nackig machen und dann ein bisschen von den Flammen lecken lassen!«
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Dem blonden Mädchen gingen bei der Vorstellung allerhand grausame Bilder durch den Kopf. Gab es denn überhaupt einen Ort auf der Erde, an dem man vor Verfolgung sicher sein konnte, fragte sie sich. Einen Ort, wo sie ihr Anderssein nicht verbergen musste und ihr Leben im Einklang mit der Natur und ihren Mitmenschen verbringen konnte, glücklich heiraten, Kinder gebären und sie großziehen? Denn es schien gar keinen Unterschied zu geben, in welcher Welt man sich befand, – immer waren sie, die Wilden Frauen, diejenigen, die man unter sich nicht haben wollte und als böse Hexen verschrie. Ob Christen in ihrer Welt oder die bösen Leute aus dieser. Überall war es gleich, schlussfolgerte die junge Frau, während der Verfechter der nationalen Reinheit ihre Cotte vom Halsausschnitt bis zum Bauch mit einem Messer aufschnitt, die entstandenen Stoffflügel auseinanderzog und nach unten riss, sodass sich Cecilias weiße Schultern entblößten und ihr voller Busen zum Vorschein kam. Dagegen wehren konnte sie sich nicht. »Hans«, erklang plötzlich Dieters Stimme, als er gesehen hatte, wie sein Chef am Kreuz mit einem Messer in der Luft fuchtelte. Und ehe noch was Unvorhersehbares passieren konnte, fragte er: »Willst du nicht lieber ein Bier trinken?« Diesmal hatte die Botschaft den Hauptpatrioten erreicht. Johannes verspürte Durst. Er klappte das Messer zusammen, steckte es in die Tasche und sah sich noch zum letzten Mal die Brüste der jungen Frau an. »Du bist aber süß!«, sagte er zu ihr. »Vielleicht überlege ich es mir noch anders und nehme dich zur Braut.« Alsdann begab er sich zur Feuerstelle. Dieter hielt ihm eine bereits geöffnete Flasche entgegen. »Hier, trink mal was«, sagte er. »Vielleicht geht es ja dann hier etwas lustiger zu.« »Wie geht es Schorsch?«, fragte der Anführer, nachdem er Zweidrittel des Flascheninhalts durch seine Kehle hatte gluckern lassen. Er musste hörbar aufstoßen. »Beschissen«, meinte der Sektionsschläger deprimiert. »Ich glaube, wir sollten ihn morgen zum Doktor bringen. Sein Gesicht sieht aus wie ’ne faule Wassermelone.« »Scheiße«, ärgerte sich Johannes. »Alles läuft irgendwie schief.«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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