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Des Teufels Steg: Seite 20
3. Kapitel: GEHEIMNISVOLLE OMENBereits vor einer Stunde hatte Wolfgang die Autobahn verlassen und fuhr auf der Landstraße. Hier ging es ruhiger zu. Es bedrängte ihn keiner dauernd von hinten und die Autos, die er im Rückspiegel beobachtete, veranstalteten kein Lichthupkonzert, um ihn zum schnelleren Fahren zu animieren. Er dankte dem Schicksal, dass heute Sonntag war und er während der Autobahnfahrt nicht die Bekanntschaft mit wütenden Brummifahrern hatte machen müssen, die mit ihren Vierzigtonnern wild fluchend zum Überholen ansetzten, bevor sie den kleinen vor Anstrengung keuchenden und prustenden Fiesta auf der rechten Spur über den Haufen fuhren. Der Kamerad gab langsam den Geist auf, musste Wolfgang mit Bedauern feststellen. Viel schneller als sechzig Stundenkilometer wollte der Kleine nicht mehr fahren, auch nicht auf der Autobahn, wie es sich gezeigt hatte. Außerdem war der Wagen hoffnungslos überladen, sodass die hinteren Reifen beim Federn bald am Radkasten schleiften, und die ächzenden Geräusche, die das Auto bei jeder Unebenheit der Fahrbahn von sich gab, ließen Wolfgang ernsthaft befürchten, dass der alte Fiesta auf dem nächsten Buckel bei voller Fahrt auseinanderbrach. Breitscheid hielt Kurs auf Seesen, wo er auch bei einer Fahrt über die Autobahn ohnehin hätte abfahren müssen, um auf eine Bundesstraße zu gelangen, die ihn quer durch den Harz fast bis zu seinem Ziel, der kleinen Stadt Thale am nordöstlichen Rand des Gebirges, bringen würde. Wahrscheinlich wäre es viel klüger gewesen, schon etwas früher den Abzweig nach Goslar zu nehmen und dann entlang des Harzgebirges in südöstlicher Richtung zu fahren, aber auf seiner Straßenkarte, die noch aus der Zeit vor der Wende stammte, endete in Bad Harzburg die bekannte Welt. Der Ort Thale war zwar noch eingezeichnet, trotzdem traute sich der bescheidene Navigator nicht auf die im Atlas blass gedruckten Straßen auf dem Gebiet der neuen Bundesländer aus Angst, sich zu verfahren und weiß der Kuckuck wo zu landen. Die besagte Bundesstraße hingegen war aus unerfindlichen Gründen durchgehend fett gekennzeichnet bis zum östlichsten Zipfel des Harzes. Wolfgang musste nur aufpassen, dass er in einem kleinen Ort namens Stiege richtig nach links abbog, um dann wiederum auf einer der kaum auf der Karte erkennbaren Querstraßen nach Thale zu kommen – zum Glück war es nur eine kurze Strecke von ein paar Kilometern, wegen der er sich seltsamerweise keine großen Sorgen machte. Die alte Karte, die bei ihm immer im Handschuhfach lag, war natürlich wenig hilfreich in dem Gebiet, wo er Weinproben veranstalten wollte, aber es war alles so plötzlich gekommen, dass er erst gar nicht daran gedacht hatte, und außerdem: Wo hätte er in Hannover auf die Schnelle eine Landkarte von der Gegend kriegen können, auf der alle Dörfer, die er im Harzvorland besuchen wollte, abgebildet waren? Es war besser, wenn er vor Ort, zum Beispiel an irgendeiner Tankstelle, nach so etwas fragte. Im Augenblick wollte er schlicht und einfach erst einmal im Gebiet ankommen und dafür war auch die alte Straßenkarte noch gut genug.
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Nichts regte Wolfgang so zum Nachdenken an wie eine lange, monotone Autofahrt. Es blieb einem eher nicht viel anderes übrig, als bewegungslos hinter dem Lenkrad zu hocken, sich ununterbrochen die graue Fahrbahn anzusehen, die dem Auto mit mehr oder weniger konstanter Geschwindigkeit wie ein Fluss entgegenströmte und schließlich vor dem Wagen unter der Motorhaube verschwand, sowie den einlullenden Tönen der Musik im Radio hinter dem Heulen des Motors zuzuhören. Da füllten Gedanken von alleine seinen Kopf, ohne dass er sich in irgendeiner Weise bewusst anstrengen musste, und zum größten Teil waren es immer seine Erinnerungen. Während der kurzen Fahrt auf der A7 Richtung Süden am frühen Morgen war ihm plötzlich seine Exfrau in den Sinn gekommen. Und natürlich nicht nur Hildegard, sondern auch die kleine Anna, ihre gemeinsame Tochter, die damals höchstens zehn Jahre alt gewesen sein musste, als sie alle zusammen an einem sonnigen Sommermorgen in ihren Familienurlaub nach Italien aufgebrochen waren. Es war schon lange her und der armselige Weinhändler wunderte sich leicht, wie er unverhofft auf diese Urlaubsreise kam, doch dann ging ihm ein Licht auf: Selbstverständlich! Es war dieselbe Strecke und etwa die gleiche Tageszeit gewesen und wahrscheinlich hatte er einfach Sehnsucht nach der heilen Welt von vor zehn Jahren, ausgelöst durch die vertrauten Bilder der Umgebung, die allem Anschein nach noch irgendwo in seinem Gedächtnis aufbewahrt wurden. Der »Passat«, den Wolfgang sich damals erst vor Kurzem zugelegt hatte, war bis zum Dach vollgestopft. Auf der hinteren Sitzbank hatte Anna nur eine kleine Ecke an der rechten Tür, wo sie noch sitzen konnte, sonst stapelten sich überall Decken, Kissen, Kleider und Hosen, sodass Wolfgang im Rückspiegel nichts außer diesem Wäscheberg sah und nur mit den Seitenspiegeln auskommen musste. Auf der Ladefläche des Kofferraums, mit der die Passatentwickler die Variant-Modelle nicht zu knapp ausgestattet hatten, türmten sich ebenfalls Koffer, Taschen und Beutel mit Kleidung, Handtüchern, Proviant, Geschirr und verschiedensten Sachen, die Hildegard um jeden Preis mitnehmen wollte – wozu, wusste sie wahrscheinlich selbst nicht so genau und man tat sich einen Gefallen, wenn man sie nicht danach fragte. Vor zwei Monaten hatten Hildegard und Wolfgang im Reisebüro des Einkaufszentrums eine Unterkunft in einem Aparthotel in Misano an der Adriaküste gebucht und soweit man es der Objektbeschreibung entnehmen konnte, mussten die Gäste so ziemlich alles mitbringen, wenn ihnen während des Aufenthaltes an nichts fehlen sollte. Dafür war das Apartment aber recht günstig zu haben gewesen. Es war nicht unwichtig, denn obwohl Wolfgang im Winter gut Umsatz gemacht hatte – das neue Staubsaugermodell lief hervorragend –, spürte er unterbewusst, dass er sich mit dem Wagen etwas übernommen hatte. Das Auto war kaum zwei Jahre alt und alles andere als günstig gewesen, sodass Wolfgang noch einen Teil des Kaufpreises hatte finanzieren müssen und nun mehr oder weniger in einer Schuldenfalle steckte, die sich in den kommenden Monaten zunehmend bemerkbar machen würde, vermutete er. Hilde war auch nicht besonders erbaut gewesen, als er eines Tages mit seiner Neuanschaffung im Hof aufgekreuzt war, und ließ bis heute keine Gelegenheit aus, Kritik an seiner Entscheidung zu üben. Aber gekauft war gekauft, man konnte das Auto nicht mehr zurückgeben.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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