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Des Teufels Steg: Seite 199
Hannes, Ruprecht und Jobst versteckten sich unverzüglich im Gebüsch, sobald sie die nahenden Stimmen von Wolfgang und Gerlinde gehört hatten, die gemeinsam nach einer Möglichkeit suchten, in die Welt zu gelangen, in der Cecilia gefangen gehalten wurde, ohne noch einen ganzen Tag auf den Mond zu warten. Alle drei lagen angespannt bäuchlings auf der Erde in Erwartung weiterer Entwicklungen. Das kleine Lagerfeuer brannte nicht mehr, die Kameraden hatten es gerade noch geschafft, die schwelenden Kohlen auszutreten sowie die Spuren ihres Aufenthaltes einigermaßen zu beseitigen, bevor die drei Krieger mit Anhang den kleinen Brückenvorplatz betraten. Eigentlich waren all ihre Bemühungen, sich der unliebsamen Begegnung zu entziehen, vergeblich gewesen, aber die Freunde konnten nicht ahnen, dass sie aufmerksam beobachtet wurden und ihr Nachtlager schon längst von Wilden Männern umstellt war. Der mit seiner massiven Schlagkeule äußerst bedrohlich wirkende Anführer sah sich forschend die Umgebung an, während die drei Kameraden ihn mit geweiteten Pupillen aus dem Gestrüpp ungläubig anstarrten. »Es sind Wilde Männer!«, flüsterte Jobst aufgeregt. »Ich hab’s euch gesagt!« »Sei still!«, hauchte Ruprecht zurück. »Ich bin nicht blind.« Hannes schwieg, als hätte es ihm die Sprache verschlagen, und fixierte mit seinem Blick den Krieger, der zu ihm am nächsten stand. »Mit diesem Mann soll ich nun verwandt sein?«, fragte er sich im Stillen. »Macht, was ihr wollt, aber ich mach mich aus dem Staub«, wisperte Jobst und machte Anstalten zum Rückzug, als er plötzlich einen kräftigen Druck im Nacken verspürte. Hinter ihm stand ein Wilder Mann und drückte seinen Kopf mit dem Knüppel gegen den Boden, sodass Jobst kaum noch atmen konnte, geschweige denn sich dagegen wehren. Den harten Druck der Schlagstöcke im Genick spürten auch seine Kumpane, über denen sich jeweils ein Wilder Mann wie ein Koloss erhob und sein Opfer am Boden festhielt. Alsdann tauchten weitere Krieger auf, nahmen die überrumpelten Verschwörer fest unter die Arme und führten sie aus dem Versteck ins Freie zu ihrem Anführer. Das Schicksal war an diesem Tag den drei Jugendfreunden gut gesinnt, denn sie wurden nicht auf der Stelle windelweich geprügelt, sondern eher sogar mit gewissem Respekt behandelt, nachdem der Wilde Mann, der Hannes von hinten an den Armen hielt, etwas dem Häuptling gesagt hatte. Daraufhin roch dieser neugierig an Hannes’ Haar, sah ihn eine längere Zeit prüfend an und tastete schließlich mit seiner rauen Handfläche familiär über das Gesicht des Tischlers, als hätte er sich von etwas überzeugen wollen und auf Nummer sicher gehen, dass er sich nicht irrte. Dann sagte er etwas in seiner Sprache und allem Anschein nach war es eine Frage gewesen, denn alle Wilden Männer starrten wortlos auf Hannes und warteten gespannt darauf, was er antwortete. Gerlinde kam Hannes zu Hilfe. »Bist du ein Wilder?«, übersetzte sie die Frage. »Ich … ja … Ich meine, nein … oder … ich weiß nicht«, druckste Hannes, ohne etwas Definitives zu sagen, und schielte auf Jobst und Ruprecht.
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Die alte Frau wusste nicht, wer der junge Mann war. Wie sollte sie auch? Als sie die Siedlung verlassen hatte, war Hannes noch nicht geboren. Aber ihre Tochter, Ursel, die neben ihr auf dem Boden an einem Felsvorsprung halb saß, halb lag, zog sie schon die ganze Zeit am Saum ihrer Cotte und wollte ihr dringend etwas mitteilen. »Ja, ich bin es!«, entschloss sich schließlich der Tischlergeselle, das Geheimnis vor seinen Freunden zu lüften. Bei Jobst schlug die Offenbarung wie ein Blitz ein. Seine Augen rundeten sich vor ungläubigem Staunen. »Du …?«, konnte er lediglich noch von sich geben. Ruprecht hingegen zeigte keine Regung. Er sah Hannes nur mit einem Gesichtsausdruck an, der vermuten ließ, dass er das Ganze für nichts anderes als eine taktische List von Hannes hielt, um aus der Bredouille heil herauszukommen. Gerlinde übersetzte die Antwort. Ein Raunen der Erleichterung ging durch die Reihen der Wilden Männer. Mutmaßlich, weil sie nunmehr mit den jungen Leuten nicht kämpfen mussten. Sie hatten vor sich einen ihresgleichen stehen. Endlich erlangte Ursel die Aufmerksamkeit ihrer Mutter. »Es ist der Sohn von dem Mann, den die dumme Irmel verzaubern wollte«, klärte sie die alte Frau über die Zusammenhänge auf, die ihr sonst verborgen geblieben wären. Sie erzählte ihr, wer und was Hannes war, welchen Ruf er im Dorf genoss und dass Cecilia an den jungen Mann ihr Herz verloren hatte. Wolfgang Breitscheid stand nebenan und hörte mit einem Ohr zu. Auch er nahm die Information zur Kenntnis und sah sich den großgewachsenen Mann aufmerksamer an, den Cecilia, so glaubte er, bereits ihm gegenüber erwähnt hatte. Nun stand er vor ihm und den Handelsreisenden erfüllte abermals das völlig unerklärliche Gefühl der Eifersucht, das er nun schon nicht zum ersten Mal empfand, und er konnte erneut nicht klar genug unterscheiden, was es war: Der Argwohn eines Liebhabers oder am Gemüt nagende Zweifel eines Vaters, ja rasende Angst, sein Kind an einen anderen Mann zu verlieren? Auch Gerlindes Gesichtszüge trübten sich leicht, als sie erfuhr, dass die Liebesgeschichte ihrer Enkeltochter, wenn auch auf Umwegen, aber dennoch wieder mal etwas mit dieser widerwärtigen Irmel zu tun hatte, die sie nicht ausstehen konnte. Sie wollte Ursel noch einen Vorwurf machen, dass sie seinerzeit nicht gut genug auf das Mädchen aufgepasst hatte, ließ es aber schließlich sein. Wahrscheinlich konnte ihre Tochter auch nichts dafür, überlegte sie.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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