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Des Teufels Steg: Seite 196
»Streitet euch nicht«, schaltete sich Hannes ein und machte Anstalten zum Aufstehen. »Es ist wirklich nass und kalt, wir müssen uns was einfallen lassen, solange die Sonne sich hinter dem Nebel versteckt.« »Wie ihr wollt«, meinte Ruprecht unzufrieden. »Aber ich sage euch, es wird uns noch zum Verhängnis.« Er richtete sich auf, schlug das zum Auswringen nasse Kleidungsstück zurück, unter dem er geschlafen hatte, und fröstelte gleich in der kühlen, feuchten Luft des frühen Morgens. Bereits gestern nach Anbruch der Nacht waren die drei Kameraden am Bodekessel eingetroffen, um sich vor der allgegenwärtigen Schutzgarde zu verstecken, an der Stelle, wo der Pfad am Abgrund endete und die Teufelsbrücke bei Vollmond Eingeweihten eine Überquerungsmöglichkeit in die andere Zeit bot, und kampierten in derselben flachen Nische in der Felswand, in der schon Wolfgang Breitscheid mit Cecilia und Ursel zuvor einen Unterschlupf gefunden hatten, – es gab in der engen Schlucht einfach keine andere Gelegenheit, um unterzukommen. Der Ort war nicht einfach zufällig gewählt worden. Hierher verirrte sich kein Dörfler aus Furcht, einem Wilden Mann oder gar dem Leibhaftigen in Begleitung einer Hexenschar zu begegnen, und hätte die drei auch rein hypothetisch nicht an die Inquisition verraten können. Und die Handlanger von Vater Nicklas wussten von der Existenz dieses Winkels in der Schlucht vermutlich nicht das Geringste. Ein Feuer, wog Hannes die Gefahren ab, die ein brennender Holzhaufen mit sich brachte, stellte unbestritten ein gewisses Risiko dar, entdeckt zu werden. Hier musste er Ruprecht recht geben, denn gestern hatten sie genau aus diesem Grund auf ein Lagerfeuer verzichtet, dessen flackernden Schein in der Klamm man von Weitem hätte sehen können. Aber es war dunkel gewesen und jetzt war es Tag und außerdem war das Tal nebelverhangen. Da kam der flüchtige Theologe nicht umhin, auch Jobst eine gewisse Logik in seinen Argumenten zuzugestehen. »Dann sammle ein paar Zweige von der Erde«, sagte er zum Bauernknecht. »Aber nimm die, die nicht so nass sind, damit es nicht so stark qualmt.« Anschließend wandte er sich besänftigend an Ruprecht: »Ich glaube nicht, dass sie bei dem Nebel an dem klein bisschen Rauche feststellen können, aus welcher Richtung er kommt. Und außerdem: Wenn die Schutzgarde die ganze Nacht ›Hexen‹ im Dorf gesucht und verhaftet hat, müssen sie jetzt voraussichtlich alle schlafen.« »Wie ihr wollt«, wiederholte Ruprecht gleichgültig. »Aber sag später nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!« Nach nicht allzu langer Zeit brannte vor dem Felsvorsprung, unter dem die Kameraden Schutz vor der Feuchtigkeit suchten, ein kleines Lagerfeuer, das nach anfänglichen Schwierigkeiten beim Anzünden der durchnässten Zweige nunmehr fröhlich knisterte und belebende Wärme spendete. Die Verschwörer saßen im Kreis um die Feuerstelle, genossen den Anblick der tanzenden Flammen und frühstückten Brot und Käse, mit denen die drei sich vorsorglich bei Jobst’ Dienstherrn eingedeckt hatten, oder, wenn man restlos ehrlich sein wollte, heimlich aus der Vorratskammer entwendeten, während sie sich auf dem Heuboden versteckt hatten.
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»Ich hoffe nur«, bemerkte Ruprecht, »dass dir schon etwas eingefallen ist, was wir jetzt machen.« Hannes, an den die Bemerkung gerichtet war, antwortete kauend: »Das werden … Das werden wir gleich gemeinsam überlegen.« »Was gibt es denn da groß zu überlegen?«, entgegnete der Schmied-Geselle pessimistisch. »Wir sind hier verloren, nachdem wir im Dorf nicht mal eine Handvoll Männer gefunden haben, die deinem Befreiungsplan zustimmten.« »Noch«, erwiderte der Tischler. »Noch haben wir sie nicht gefunden.« »Wie meinst du das, Hannes?«, fragte Jobst schüchtern und legte noch etwas Reisig auf. »Mit Gottes Hilfe findet man alles, wonach man sucht«, antwortete ihm Hannes. Ruprecht verdrehte die Augen. Gott war jetzt seiner Meinung nach der Letzte, auf den man setzen sollte. Banale brachiale Gewalt von ein paar Dutzend Männern war erforderlich, um seine Frau befreien zu können, und nicht leise Gebete zum himmlischen Vater. Aber er behielt es für sich. Unterdessen sprach Hannes weiter: »Heute Nacht habe ich viel über unsere Lage mit Gott gesprochen. Er ist auf unserer Seite. Er hat mir den Weg gezeigt, den wir einschlagen sollen.« »Mmh«, gab Ruprecht bedenklich von sich. »Und wohin führt dieser Weg?« »Zurück ins Dorf«, verkündete Hannes den verblüfften Freunden die Quintessenz seiner nächtlichen Unterhaltung mit höheren Kräften. »Wie meinst du das, Hannes?« Jobst verstand gar nichts, nicht die Bohne. Erst gestern waren sie alle mit Mühe und Not im letzten Augenblick den geharnischten Männern entkommen, um nicht festgenommen zu werden, und heute wollte Hannes sie schon wieder ins Dorf führen? »Wozu soll denn das gut sein?«, erkundigte sich Ruprecht mit einer leichten sarkastischen Note in der Stimme. »Na überlegt doch!«, ereiferte sich Hannes. »Gestern Morgen, als wir losgezogen sind, wurde gerade Agnes mit ihrem Mann verhaftet …« »Ja«, unterbrach ihn Ruprecht, »und wir wurden auch auf gemeinste Weise von Leuten verraten, die ich schon mein Leben lang für ehrliche, rechtschaffene Menschen gehalten habe.«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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