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Des Teufels Steg: Seite 197

»Ja, natürlich«, erwiderte Hannes. »Aber das war gestern. Heute ist die Lage anders. Nachdem, wie wir nun wissen, schon eine Reihe von Frauen ins Kloster zur Befragung abgeführt worden ist, werden ihre Männer ganz andere Gedanken als gestern haben. Du wirst schon sehen, sie werden uns unterstützen, damit auch ihre Ehefrauen freikommen!«

»Da bin ich mir nicht sicher«, sagte Ruprecht. »Aber in einem hast du recht: Wir müssen hier weg. Es ist ein unheimlicher Ort. Wenn ich nur daran denke, dass ich hier vor ein paar Tagen eine Hexe über die Schlucht in der Luft habe wandern sehen, wird mir angst und bange.«

»Und die Wilden Männer!«, meldete sich Jobst wieder zu Wort.

»Ja, die auch!«, stimmte ihm Ruprecht zu.

Hannes wollte schon wie sonst seine Freunde scharf zurechtweisen für ihre abergläubischen Weltanschauungen, aber im selben Augenblick erinnerte er sich daran, was ihm Irmel erzählt hatte, und verstummte. Er konnte Ruprecht und Jobst nicht weismachen, es gebe keine Wilden Männer, wo er selbst, wie es sich herausgestellt hatte, einer von ihnen war. Vielleicht auch nur ein halber, doch es machte am Ende keinen Unterschied? Eigentlich hatte der Tischlergeselle sich vorgenommen, seine Gefährten über diesen Umstand aufzuklären, aber jetzt war dafür kein richtiger Zeitpunkt und ein passender Ort war es allemal nicht.

»Ja … Die Hexe Cecilia«, lenkte er das Gesprächsthema von den Wilden Männern ab.

»Wer, wer?«, fragte Jobst nach.

»Die Hexe Cecilia«, wiederholte Hannes. »Die Cecilia aus dem Dorf, die ihr auch kennt. Sie war es. Sie ist über die Schlucht in der Luft gewandert. Ich habe sie später wiedererkannt. Sie ist eine wahre Hexe.«

»Was erzählst du da?«, fragte auch Ruprecht ungläubig. »Cecilia, das ist doch …«

»Ja, mein Freund, so kann man sich irren«, unterbrach ihn Hannes. »Das Böse existiert wirklich. Bei uns im Dorf. Nur dass dieser … dieser … ›Richter‹ …«, versuchte der Verfechter des wahren Glaubens abfällige Bemerkungen zu vermeiden, »dass dieser ›Richter‹ gar nicht dort nach dem Bösen sucht, wo es sich verbirgt, vielmehr ist er ein Teil davon. Bei den Frauen, die er festnehmen lässt, geht es ihm um etwas ganz, ganz anderes als um die Ausrottung des Bösen. Und dass er das Kloster so oft besucht, hat auch einen ganz bestimmten Grund. Ich habe es gehört und ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Die Frauen müssen wir befreien, um jeden Preis, auch wenn wir keine Männer mehr auf unsere Seite bekommen!«

»Warum greifen wir die Kolonne nicht aus einem Hinterhalt auf dem Hexenstieg an, wenn alle zum Tanzplatz hinaufsteigen?«, fiel Ruprecht plötzlich eine praktikable und in gewisser Hinsicht erfolgversprechende Vorgehensweise ein. »Die Schutzgarde wird auf der ganzen Länge des Pfades auseinandergezogen sein und kann nicht so schnell eingreifen. In dieser Zeit könnten wir es schaffen, die Gefangenen freizukämpfen und wieder im Wald zu verschwinden!«

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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»Es ist ein sehr wertvoller Gedanke«, lobte Hannes seinen Kumpan. »So ein Angriff könnte in der Tat zum Erfolg führen.«

»Wie soll denn das gehen?«, gab Jobst zu bedenken. »Ohne Rüstung und ohne Waffen, die ihr aus dem Kloster mitgebracht habt? Alles liegt ja noch auf dem Heuboden.«

»Umso mehr gibt es einen Grund, noch einmal ins Dorf zu gehen«, entgegnete der Tischler. »Die Rüstung und die Waffen sind bei dem Vorhaben von unschätzbarem Wert. Bei der Gelegenheit können wir auch ein paar Männer fragen, ob sie jetzt doch noch mitmachen wollen!«

Die alten Jugendfreunde vertieften sich guter Dinge und voller Zuversicht, die Aufgabe meistern zu können, in die Ausarbeitung der Einzelheiten und der zeitlichen Abläufe ihres Überraschungsangriffs, während sie nicht ahnen konnten, dass ihnen gleich noch eine unverhoffte Begegnung mit einer Gruppe seltsamer Wanderer bevorstand, die schon auf dem Wege hierher waren und deren Pläne sich mit denen der drei Rebellen kreuzten.

 

Wolfgang Breitscheid war es gelungen, die wilde Sippe zu überzeugen, ihm zur Lichtung auf dem Hexentanzplatz in seine Welt zu folgen, oder besser gesagt: Es waren vor allem Gerlindes Redekünste gewesen, mit denen sie Wolfgangs Hiobsbotschaft von Cecilia in eine für Wilde Männer verständliche inhaltliche Form und sinnvolle Laute umwandeln konnte, sodass die zottigen Gestalten in den Plan eingestimmt hatten, der dem Handelsreisenden vorschwebte. Man beschloss, ohne jede Verzögerung aufzubrechen, sobald die von Breitscheid mitgebrachten Hexenpilze abgekocht waren, um mit dem Lebenselixier die gebrechlichen Frauen bei Launen zu halten. Denn diese mussten mit, aus dem einfachen, praktischen Grund, dass die beiden dann schon mal in ihrer vorübergehenden Wahlheimat gewesen wären, und sie wollten es auch, weil sie ihre Tochter und Enkeltochter nicht einfach ihrem Schicksal überlassen konnten.

Wolfgang hatte sich gewaltig mit der erforderlichen Zeit verkalkuliert, als er zu Knöpfle gesagt hatte: »Und bin ich einmal auf der anderen Seite, ist es nicht mehr weit!« Vor allem hatte er das Gefälle des Roßtrappenbergs unterschätzt, mit dem er mehrere Stunden in der Dunkelheit zu kämpfen gehabt hatte, und so war die aktuelle Stunde schon ziemlich fortgeschritten und die Nacht schon längst nicht mehr jung. Bis zum Morgengrauen, in dem die silbrige Scheibe im Himmel verblasste und ihre Zauberkraft verlor, blieben vielleicht noch ein paar Stunden. Daher beeilten sich alle. Nichtsdestotrotz zeichnete sich schon ein heller Lichtstreifen am wolkenfreien Horizont im Osten ab, als sich ein Dutzend bewaffnete Kämpfer endlich in Bewegung setzten, mit Kriegsbemalung im Gesicht – schließlich zogen die Männer in eine Schlacht um das Wohlergehen einer ihresgleichen –, zwei desorientierten Frauen, die sie huckepack trugen, und mit Wolfgang Breitscheid im Schlepptau.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 8.048
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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