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Des Teufels Steg: Seite 195

Es gab da etwas in ihrem Leben, worüber sie nicht gerne sprach und auch sonst auf jede erdenkliche Art verdrängte, um nicht ständig mit einem Schuldgefühl leben zu müssen. Vielleicht, überlegte die verunglückte Seilbahnangestellte, war das der Auslöser für den plötzlichen Wunsch, zumindest etwas davon wiedergutzumachen, was man nicht gänzlich ungeschehen machen konnte.

Ihre ersten geschlechtlichen Erfahrungen machte Elke schon ziemlich früh. Höchstens mit vierzehn hatte sie sich bereits von ihrer Jungfräulichkeit glücklich verabschiedet und genoss die frivole Lebensweise in vollen Zügen, mit einem Kerl, der in der Schule zwei Klassen über ihr war, aber nicht nur mit ihm. Wechselnde Liebespartner waren damals in Mode gekommen, es war eine ganze Clique von hippiebegeisterten jungen Leuten und Mädchen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit oder Abwesenheit der Eltern in jemandes Wohnung regelrecht feuchtfröhliche Orgien feierten. Und als natürliche Folge des freizügigen Lebens – über Verhüten oder ähnliche völlig überflüssige Maßnahmen hatte zu der Zeit kaum jemand nachgedacht – wurde sie schwanger. Es graute ihr vor dem Gedanken, ihre Eltern, zumindest aber ihre Mutter in ihre Geheimnisse einzuweihen, was bei einem noch nicht volljährigen Mädchen für einen legalen chirurgischen Eingriff wohl erforderlich gewesen wäre, und so kam es, dass Elke sich dazu entschloss, das Kind heimlich auszutragen. Wenigstens die ersten Monate der Schwangerschaft, nahm sie aus Unerfahrenheit an, hätte sie ihre Umstände geschickt verbergen können und dann … Dann werde ihr schon irgendwas einfallen, beschloss sie kurzerhand leichtsinnegerweise.

Zur Abtreibung kam es viel, viel später, als kein Abbinden mit einem Bettlaken mehr half, um ihren immer größer werdenden Babybauch zu verstecken, – die Einwohner des kleinen Dorfes fingen bereits an, sie merkwürdig anzusehen und über sie hinter ihrem Rücken zu reden – und als es eigentlich schon zu spät war für einen Eingriff dieser Art, der sozusagen »von privat«, nicht ganz im Einklang mit dem geltenden Abtreibungsrecht durchgeführt wurde. Elke kam nie wieder in ihrem Leben in den Genuss einer Schwangerschaft, aber das war für sie noch nicht die schlimmste Folge der vermutlich nicht ganz professionell ausgeführten Operation, wenngleich es auch schon ziemlich deprimierend war und die Frau mit den Jahren an ihrem Selbstwertgefühl zweifeln ließ. Sie hatte nach dem Eingriff, bevor sie die Wohnung verließ, in der die OP stattgefunden hatte, etwas zufällig zu Gesicht bekommen: Ein Klümpchen, das in einem Abfallbehälter eingewickelt in ein blutiges Tuch im Nebenzimmer zum Entsorgen bereitlag. Seitdem ließ sie dieses grausame Bild nicht mehr los.

In ihre Gedanken vertieft merkte Elke anfangs gar nicht, dass sie über den Waldrand hinausgekommen war und bereits über eine Wiese hinkte, auf der der Wanderpfad zur Bergstation der Seilbahn weiterführte, als sie sich umdrehte, um nach ihren Schutzbefohlenen zu sehen, und hinter ihrem Rücken keinen auf dem Weg entdecken konnte. Die tierischen Geschwister standen unschlüssig am Waldsaum, sahen ihre neue Mama mit traurigen Augen an und trauten sich nicht aufs offene Gelände.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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»Was ist mit euch?«, fragte Elke erschöpft und verzweifelt, denn ihre Kräfte waren am Limit. »Kommt, Mama führt euch zu eurem neuen Zuhause. Kommt.«

Die Waschbären rührten sich nicht von der Stelle, sondern blieben wie angewachsen stehen, während es Elke mit jeder Sekunde sichtlich schlechter ging. Zuweilen wurde ihr schwarz vor Augen, sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten und nur die zwei Pummelchen, deren Bild vor ihren Augen langsam verschwamm, hielten sie davon ab, dem Verlangen ihres Körpers nach einer Liegegelegenheit widerstandslos zu folgen und sich auf den Boden zu legen.

Aus letzter Kraft blickte die Frau abermals nach vorn, denn sie bekam auf einmal das Gefühl, beobachtet zu werden, und hoffte innigst, sich nicht geirrt zu haben, dass endlich Hilfe eingetroffen war, als sie tatsächlich zwei unscharfe menschliche Gestalten in einiger Entfernung auf dem Weg ausmachte – allem Anschein nach ein Wanderpärchen. Sie ließ innerlich los und kämpfte gegen die Schwäche nicht mehr an.

»Da sind die Wasch… Polizei …«, konnte sie noch halblaut sagen und brach zusammen.

 

Jobst wachte als Erster in der Dämmerung auf und zitterte am ganzen Leib vor feuchter Kälte, während seine Kameraden noch mit geschlossenen Augen auf dem taubedeckten Boden lagen. Aber sie schliefen allem Anschein nach nicht mehr, oder zumindest nicht besonders fest, denn der Bauernknecht konnte schon ein paarmal sehen, wie Ruprecht im Schlaf seine Pupillen hinter den gesenkten Lidern hin- und herbewegte. Seine Freunde litten, nach den Zuckungen ihrer Körper unter den Umhängen zu urteilen, mit denen sie zugedeckt waren, offenbar auch unter der unangenehmen Wirkung des milchigen, kalten Nebels, der an diesem Donnerstagmorgen die Schlucht eingehüllt hatte.

»Hannes«, wandte sich Jobst leise an ihren Anführer, als dieser verschlafen seine Augen öffnete, um nach der verrutschten Decke zu sehen. »Lass uns doch ein kleines Feuer machen. In dem dichten Nebel wird es keiner merken.«

»Vielleicht nicht sehen, dafür aber weit riechen«, entgegnete ihm Ruprecht, der auch schon lange nicht mehr schlief, sondern bereits eine ganze Weile einfach in Embryonalstellung unter dem dünnen, feuchten Umhang mit geschlossenen Augenlidern lag und die letzten Reste der Körperwärme nicht zu verlieren versuchte. »Ich habe keine Lust, noch einmal in die Finger der Schutzgarde zu geraten! Und dir kann ich davon auch nur abraten, sonst kriegst du auch so einen aufgerissenen Hintern wie ich!«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 8.048
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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