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Des Teufels Steg: Seite 194

Die Seilbahnangestellte fand endlich das, wonach sie suchte, als sie mit viel Mühe und vor Schmerz verzerrten Gesichtszügen ihren Körper auf die Seite gedreht und hinter den Baumstamm gesehen hatte, an dem sie saß. Gar nicht so weit weg, vielleicht zwei Körperlängen von ihr entfernt, lag ein nahezu perfekt geformter, dicker Ast, wie man ihn für das Unterfangen sich nicht besser hätte wünschen können. Es war nur einer, dafür war er aber lang genug, um daran einigermaßen das angebrochene Bein befestigen zu können, wobei das untere Ende noch ungefähr zehn Zentimeter überstehen musste, sodass der Stock Halt am Boden fand. Und auf das obere, das ihr voraussichtlich bis zu Schulter reichte, konnte Elke sich mit den Händen stützen, während sie mit dem gesunden Bein einen Schritt, wahrscheinlich eher einen kleinen Sprung machte, um voranzukommen. Es gab einfach keine Alternative.

Fast eine ganze Stunde lang beobachteten die verängstigten Waschbären die seltsamen Handlungen, die die unbekannte Frau, in der sie bereits eine neue Mutter gefunden zu haben glaubten, vor ihren Augen vollzog, und gaben keinen Ton von sich. Mit einem äußerst verwunderten Gesichtsausdruck verfolgten sie, wie Elke sich mit einem unterdrückten »Autsch« auf den Bauch drehte und zielstrebig, ausschließlich ihre Ellbogen beanspruchend, über das raschelnde Laub und abgefallene, vergilbte Fichtennadeln wie in Zeitlupe kroch, bis sie erleichtert mit der Hand nach einem trockenen Ast auf dem Boden greifen konnte und im selben Augenblick ihren Kopf kraft- und willenlos mit dem Gesicht nach unten auf die vertrockneten Blätter fallen ließ. Die Frau lag eine geraume Zeit bewegungslos auf der Erde und die kleine Waschbärenschwester wurde unruhig, denn sie konnte nicht erkennen, ob ihre neue Mama sich einfach ausruhte oder vor Erschöpfung das Bewusstsein verloren hatte, ja überhaupt noch am Leben war. Sie machte den ersten Schritt, um der Sache auf den Grund zu gehen, ihre schwarze Knopfnase unter dem am Nacken abstehenden Kragen von Elkes leichter Jacke zu vergraben und von ihr ein Lebenszeichen zu bekommen, aber ihr Bruder versperrte ihr den Weg und knurrte sie leise, aber mit aller Bestimmtheit an: Sie solle sich doch anständig benehmen und vorsichtig bleiben.

Käßler rührte sich endlich, als sie den Schwächeanfall überwunden hatte. Der erste Gedanke, den sie in ihrem getrübten Haupte formen konnte, galt allerdings nicht ihrem eigenen Wohlbefinden, sondern den zwei kleinen schutz- und mutterlosen Waschbären, die sie, so wie es anmutete, endgültig ins Herz geschlossen hatte.

»Es ist nichts passiert«, suchte sie eilig, das Geschwisterpaar zu beruhigen. »Ich bin hier. Wir haben es gleich. Dann können wir gemeinsam losgehen. Wartet noch ein klein bisschen.«

Die niedlichen Tierchen sahen sie mit ihren runden, schwarzen Augen an und übten sich gehorsam in Geduld, während Elke sehr umständlich und mühevoll einen Versuch nach dem anderen unternahm, sich die improvisierte Schiene auf die von ihr beabsichtigte Weise anzubringen. Sie war mehrmals nahe dran, erneut bewusstlos zu werden, fing sich aber jedes Mal, um nicht ins Nichtsein abzurutschen und die Waschbärchen nicht ihrem traurigen Schicksal zu überlassen, und machte erst weiter, wenn der Anflug von Schwäche vorüber war. Die gehandicapte Frau hatte weder ein Seil noch passende Stricke in den Taschen, mit denen sie das verletzte Bein an dem Stock festmachen konnte. Das Einzige, was dafür infrage kam, waren ihre eigenen Kleidungsstücke und sie zögerte keine Sekunde, um ihre Jacke und das T-Shirt abzulegen und sie als Festbindeleine zu benutzen, nachdem sie sie entsprechend gefaltet hatte.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Die Sonne schien schon hier und dort zwischen den Baumwipfeln in den Wald hinein und der Morgentau verflüchtigte sich allmählig, als Elke noch leicht vor Anstrengung taumelnd – das qualvolle Aufstehen hatte ihr noch die letzte Kraft geraubt – startbereit auf dem Pfad stand. Am Oberkörper trug sie nur ihren Büstenhalter, aber nicht etwa, weil sie ihre Brust unbedingt vor neugierigen Blicken schützen wollte, in ihrer Lage spielte es wohl eher eine untergeordnete Rolle und sie hätte nicht lange überlegt, auch ihre Unterwäsche zum Erreichen ihrer Ziele einzusetzen, sondern deswegen, weil ihre Oberbekleidung ohnehin schon dem gebrochenen Unterbein einen relativ sicheren Halt an ihrer Gehstütze gab.

»So, ihr zwei …«, sagte Elke zu den kleinen Waschbären noch leicht benommen. »Dann folgt mir jetzt. Ich bring euch hier raus.«

Die kleine Kolonne setzte sich in Bewegung, nachdem die Waschbärchen etwas zustimmend zur Antwort gegrunzt hatten, und ein unbeteiligter Dritter hätte noch lange darüber rätseln können, wer hier die Gruppe anführte und wem es mehr daran lag, sein Schicksal in die rettenden Hände eines zufälligen Fremden zu legen, der ihn aus der Dunkelheit ins Licht begleitete: Die halbnackte Frau, die sich äußerst merkwürdig an der Spitze der Wandergruppe mit einem seltsamen Stock in der Hand fortbewegte und kaum vorankam, oder die hinter ihr trippelnden Flauschtierchen, die den ganzen Weg mal selbstbewusst und warnend knurrten und ein andermal mitleiderregend winselten? Alle schlüpften von Zeit zu Zeit in beide Rollen.

Doch Elke Käßler war fest davon überzeugt, dass sie diejenige war, die eine vollumfängliche Verantwortung für die zwei Klümpchen Elend trug, denen sie unverhofft begegnet war. Es machte für sie keinen Unterschied, dass es nur zwei kleine wilde Tiere waren. Sie empfand eine Art Verpflichtung, ein ihr nahezu fremdes Gefühl, die beiden wie ihre eigenen Kinder selbstlos bemuttern zu müssen und dafür Sorge zu tragen, dass den Geschwistern um Himmels willen nichts zustieß. Woher dieser Ausbruch von mütterlichen Beschützerinstinkten plötzlich herrührte, konnte die Frau sich nicht erklären, denn eigene Kinder hatte sie nicht und ihr fehlte die Erfahrung … »Nein, das stimmt nicht«, verbesserte Elke sich gedanklich, während sie mühsam das kranke Bein nachzog, um im nächsten Augenblick wieder einen klitzekleinen Schritt mit dem gesunden nach vorn zu machen, und die Waschbären nicht aus den Augen ließ, die ihr hinterherschwänzelten, als wenn sie in der Tat ihre Mutter war.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 8.048
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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