Logo Leseecke
OPEN DIGITAL LITERATURE PROJECT
Des Teufels Steg: Seite 191

»Ich weiß nicht, Breitscheid, gell?! Was ist, wenn die Polizei gleich kommt?« Der Schriftsteller führte einen inneren Kampf mit sich selbst, während er unentwegt auf das abgebrochene Stück auf Wolfgangs ausgestreckter Handfläche starrte. »Obwohl«, meinte er schließlich, »wo Elke mit der Polizei bis jetzt bleibt, weiß ich auch nicht. Sie haben mich überredet.«

Er nahm den halben Pilz, pustete den Schmutz ab und legte ihn in den Mund.

»Schmeckt wie ein Champignon«, beschrieb der Weinvertreter, der seine Hälfte bereits zerkaut und heruntergeschluckt hatte, seinen Geschmackseindruck. »Bis jetzt habe ich sie nur in flüssiger Form eingenommen.«

»Mmh«, gab Knöpfle mit vollem Mund zurück.

Es verging eine Weile, bis die Wirkung einsetzte. Auf der Lichtung passierte nichts Gravierendes. Die Patriotengesellschaft saß nach wie vor um die Feuerstelle herum, allerdings tranken wieder alle miteinander Bier – die Thüringer waren mit dem Aufstellen des Kreuzes fertig geworden und hatten sich zum Rest gesellt. Sogar Holger hatte sich inzwischen so weit erholt, dass er in der linken Hand eine Flasche halten konnte. Er trank hin und wieder daraus und sprach gelegentlich zu der Mannschaft. Johannes und Sonja verweilten immer noch im Wald und Tobias blieb verschollen.

Auf einmal sagte der Märchenautor: »Breitscheid, ich glaube, Sie haben recht mit den Schwarz-Weiß-Visionen.«

»Endlich glauben Sie mir. Die habe ich grade auch!«

»Es ist schon seltsam«, bemerkte Knöpfle und verstummte für einen Augenblick, während er konzentriert die Lichtung im Auge behielt. »Ich meine, man bekommt nicht alle Tage ein mittelalterliches Heer aus Männern in Rüstungen zu Gesicht.«

Breitscheid blickte beunruhigt auf den »verrückten Schriftsteller«.

»Vor allem«, fuhr der Legendensammler fort, »weil sich die Kulisse nicht ändert. Wie im Theater kommen statt der Rüpel auf einmal geharnischte und bewaffnete Krieger, die man nur schemenhaft sehen kann, auf die Bühne und machen an den Kreuzen dort weiter, wo die Idioten aufgehört haben. … oder warten Sie mal, Breitscheid. Nein, es sind nicht dieselben Kreuze. Sie stellen ihre eigenen auf, aber genau dort, wo das Gesindel ihre aufgestellt hat. Man merkt kaum den Szenenwechsel! Dann lösen sie sich wieder auf und man sieht erneut die Nazis Bier am Lagerfeuer trinken. Seltsam.«

»Knöpfle«, sagte Wolfgang nunmehr äußerst aufgeregt. »Wollen Sie sagen, dass sie gerade einen Trupp von einem Dutzend Männer sehen, bewaffnet mit Schwert und Speer, die etwas Ähnliches wie die Glatzköpfe auf der Lichtung errichten?«

»Ja. Woher wissen Sie das?«

»Richard!« Breitscheid senkte die Stimme. »Ich glaube, es ist keine Vision. Es ist real. Wir können nicht beide ein und denselben Traum sehen!«

»Manchmal hört man von Ihnen, Breitscheid, tatsächlich etwas, was nicht einer gewissen Logik entbehrt«, stichelte der Märchenautor in seiner gewohnten Manier. »Was meinen Sie mit ›real‹? Heißt es, wir sind in ihrem Mittelalter gelandet?«

(?)
Leseecke Schließen
Lesezeichen setzen
 
Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
»Jetzt lesen

»Das denke ich nicht. Aber möglicherweise steht ein Sprung unmittelbar bevor! Das kenne ich, das hatte ich schon.«

»Was passiert denn nun im Einzelnen bei Ihrem Sprung?«, wollte Richard wissen, inzwischen ebenfalls ziemlich aufgewühlt. »Wie kommen wir dann zurück?«

»Keine Ahnung!«, gab Breitscheid beinahe schon unwirsch zurück. »Woher soll ich denn das wissen? Man springt halt in eine andere Zeit!«

Der Zeitsprung blieb dem Legendensammler diesmal erspart. Stattdessen bekam die Welt vor seinen Augen wieder Farbe und das »vertraute Bild« mit den Nazis auf der Lichtung rund um das Feuer gewann die Oberhand. Doch es war nicht ganz das alte Bild. Am Waldsaum tauchte Johannes mit Sonja auf. Der Anführer der Jenaer Sektion hielt mit seiner ausgestreckten Hand Cecilia an ihrem blonden Haar fest und trieb das Fräulein vor sich hin. Hinter ihm trippelte mit kleinem Abstand die Zeltlagerbraut, in ihrem Gesicht spiegelte sich der höchste Grad der Verwunderung, denn außer Johannes, der sich äußerst merkwürdig benahm, konnte sie niemanden sehen.

»Verdammter Mist!«, fluchte Wolfgang aufs Äußerste aufgeregt. »Das gibt’s doch alles nicht! Richard, sie haben das Mädchen!«

»Ja«, gab Knöpfle sarkastisch zurück. »Es ist mir nicht entgangen, Breitscheid! Was machen wir denn nun?«

»Was denn sonst?«, schrie Wolfgang stimmlos fast schon vor Wut platzend. »Wir nehmen ein paar Schlagstöcke und befreien sie! Es funktioniert, ich habe es an meinem eigenen Kopf erfahren.«

»Sind Sie verrückt?«, äußerte Knöpfle seine Bedenken. »Das habe ich mir auch schon vorhin mit den Geiseln gedacht, aber die Typen haben Feuerwaffen, Breitscheid! Der da« – Richard deutete mit den Augen auf Johannes – »wird Sie umnieten, ohne groß zu fragen, noch bevor Sie mit ihrem Stock in seine Nähe kommen! Wo bleibt denn bloß Elke mit diesen verflixten Gesetzeshütern. Wir haben schon bald abends.«

Wolfgang sah es ein, Richards Einwände waren kaum zu schlagen. Er dachte angestrengt nach und ihm fiel nichts Besseres ein, als Hilfe bei den Wilden Männern zu suchen. Ja, warum nicht, fragte er sich zum Schluss und fand keine Gründe, die dagegensprachen, es wenigstens zu versuchen. Ob die Wilden zugestimmt hätten, war eine andere Geschichte, aber falls ja, dann wäre Cecilia so gut wie gerettet gewesen. Die wilden Hünen konnten sich völlig geräuschlos heranschleichen und die Wirksamkeit der Schläge mit ihren Knüppeln hatte der Weinhändler nicht vergessen – die schmerzende Beule an seinem Hinterkopf erinnerte ihn ständig an die Effektivität der scheinbar primitiven Schlagwaffen.

| Seite 191 von 233 |

Günstige Downloads für Ihr Gerät

Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
PDF
Titel: Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
PDF Dokument: Format A5, 518 Seiten, Dateigröße 217.705 KB, Ausgeführte Dowloads 0, PDF-Reader zum Lesen erforderlich! Auch zum Lesen im Ebook-Reader geeignet
12,99 € N/A
Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
EPUB
Titel: Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
E-Book im ePub-Format: Anzahl Seiten deviceabhängig, Dateigröße 917 KB, deviceübergreifend optimiert, Ausgeführte Dowloads 0, e-Book Reader zum Lesen erforderlich!
12,99 € »Epubli Verlag
Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt Titel: Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
Jetzt eine Printausgabe bestellen! Sie werden gleich auf die Seite des Verlages weitergeleitet, wo Sie Ihr Exemplar bequem erwerben können.
26,99 € »Epubli Verlag

Diese Seite weiterempfehlen

»Link an Freunde senden
Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 8.045
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

Ihre Spende ist willkommen!

Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.
Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank!

Diese Seite weiterempfehlen

»Link an Freunde senden
Kreisende Punkte
Leseecke Schließen