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Des Teufels Steg: Seite 190
»Aber … ich … Ich war doch …«, versuchte sich Sonja zu rechtfertigen. »Wer hat dir denn gesagt, dass du für Holgers Jungs die Beine breit machen sollst?« »Du hast doch jetzt nicht vor …?« »Doch«, bemerkte der von Gottes Gnaden Richter und Vollstrecker erbarmungslos. »Aber nicht jetzt. Sondern später am Abend. Dir wird vor der gesamten Mannschaft der Hintern versohlt, damit du in Zukunft nicht auf dumme Gedanken kommst. Und auch sonst keiner von euch! Hast du verstanden?« »Ja, verstanden«, akzeptierte Sonja die bevorstehende Züchtigung kleinlaut. »Dann komm! Gehen wir, verdammte Schlampe!« Während die beiden zum Wald schritten, verfolgten Breitscheid und Knöpfle sie unauffällig mit ihren scharfen Augen. Die Letzteren hatten sich nämlich erneut an den Rand der Lichtung geschlichen und lagen nun in ihrem Hinterhalt im Gestrüpp. Es war schon deutlich mehr Zeit vergangen als eine Viertelstunde, die Elke angeblich bis zur Bergstation der Seilbahn zu Fuß brauchte, aber bisher gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass es in der Gegend in unmittelbarer Zukunft von Polizei wimmelte, die die Gesellschaft am Lagerfeuer endlich verhaftete und ihnen Handschellen anlegte. Keine aufheulenden Sirenen, keine Helikopter mit rotierenden Blättern der Luftschraube, keine Spürhunde an der Leine – absolut nichts. »Das ist der Schlimmste von allen«, beschwerte sich Knöpfle bei seinem Gefährten, während er seinen Blick mit Unbehagen auf Hans heftete. »Das ist der Rüpel, der mich noch in Treseburg angefahren hat in der Nacht, als Sie, Breitscheid, aufgekreuzt sind. Scheint ihr Anführer zu sein, gell?« »Mir gefällt aber gar nicht, dass dieser Anführer gerade in den Wald geht«, erwiderte der Weinvertreter. »Dort sammelt Cecilia irgendwo Pilze.« Das stimmte so weit, obwohl Breitscheid sich nicht sicher war, in welchem Bereich des Waldes Cecilia gegenwärtig die wundersamen Gewächse erntete. Er hatte sie, als die Feuerfestgesellschaft im Zeltlager einigermaßen zur Ruhe gekommen war, einfach auf die Suche rund um die Lichtung geschickt in der Hoffnung, dass das in solchen Sachen erfahrene Fräulein noch ein paar Hexenpilze fand. Der Beutel, den Breitscheid bei sich trug, musste möglichst voll werden, ehe sie sich auf den Rückweg in die Siedlung der Wilden Männer machten. Wolfgang ging davon aus, dass das Mädchen für die meisten auf der Lichtung aus der Ferne eher unsichtbar sein musste, oder höchstens als blasser, verschwommener Schatten wahrgenommen werden konnte, und schätzte die Gefahr, die von der Sammelaktion ausging, eher als geringfügig ein. Doch wenn jemand im Wald direkt auf sie stieß, so wie sich die Situation aktuell zu entwickeln drohte, vermochte der Handelsreisende nicht zu sagen, was dann geschah. »So wie Sie mir die Blonde beschrieben haben, wird sie sich schon rechtzeitig zu verstecken wissen, gell?!«, entgegnete der »verrückte Schriftsteller«. »Ist übrigens ein überaus reizendes weibliches Exemplar! Wenn Sie verstehen, was ich meine, Breitscheid? Und? Haben Sie schon mit ihr was zustande gebracht?«
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»Knöpfle, Sie geiler Bock! Sie sind unmöglich! Für die geht es um Leben und Tod!« »Okay, lassen Sie gut sein«, lenkte der Märchenautor friedfertig ein. »Aber eins verstehe ich nicht. Sie sind, wie Sie sagen, mit Mühe und Not dem Mittelalter entflohen und jetzt wollen Sie wieder zurück? Dann bleiben Sie doch mit der Schönen gleich hier, in unserer Zeit, wo Sie doch diese Pilze nur zu dem Zweck sammeln, um mit deren Hilfe dorthin zu gelangen, wo Sie ohnehin schon sind!« »Es sind noch zwei Frauen zurückgeblieben, ihre Großmutter und ihre Mutter. Ich habe dem Mädchen mein Wort gegeben, dass ich ihr helfe.« »Gut, das ist ein Argument«, zeigte sich Richard einsichtig. »Sein Wort muss man halten.« »Ich muss sie alle nur nach Treseburg zu irgendeinem Stollen bringen, wo sie sich verstecken können, dann bin ich von meinem Versprechen entbunden. Dann kann ich wieder zurück.« »Wie wollen Sie denn wieder zurückkommen?« Die Frage traf Wolfgang unvorbereitet. »Nun …«, stammelte er, »ich weiß es noch nicht. Über die Brücke. Sie ist die Pforte. Aber es geht nur noch bis zum Vollmond, danach schließt sie sich.« »Und dann?« »Weiß nicht. Vielleicht helfen ja die Pilze? Wissen Sie, Richard, ich bekomme ab und zu Visionen, wo ich beide Welten im Wechsel sehen kann – die eine in Farbe, die andere in Schwarzweiß. Und angeblich kann ich dann in eine andere Zeit springen, wenn ich mich anstrenge. Es hat sogar schon einmal funktioniert.« »Seltsame Sachen erzählen Sie da, Breitscheid … Wolfgang«, verbesserte sich der Schriftsteller. »Was sind denn das eigentlich für Pilze? Was machen sie?« »Oh, Richard, da vergessen Sie alles auf Erden und steigen zum Himmel auf, sozusagen! Sie fliegen zwischen den Sternen und sehen Regenbögen!« »Sie meinen so was Psychotropes wie LSD? Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll?« »Keine Ahnung, Knöpfle. Ich habe es nie genommen.« »Aber ich! In meinen jungen Jahren.« »Wollen Sie ein Stückchen probieren?« Breitscheid griff in den Leinenbeutel, holte einen kleinen, festen Pilz heraus, auf dem noch trockenes Gras klebte, und brach ihn entzwei. »Ich könnte jetzt auch so was gebrauchen. Aber nur ein kleines Stückchen.«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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