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Des Teufels Steg: Seite 187
»Was hast du gesagt, Cecilia?«, fragte er beunruhigt. »Wohin müssen wir gehen?« »Was war es für ein Knall, Wilder Wolfgang?«, antwortete das Fräulein mit einer Gegenfrage. »Es war ein Schuss.« »Ein … Schuss? Was ist …?«, setzte Cecilia zur nächsten Frage an. »Etwas, was jemanden tötet! Wohin müssen wir gehen?« Cecilia fragte nicht weiter nach, sie merkte, dass der Wilde Wolfgang äußerst aufgewühlt war, und zeigte einfach mit dem Finger in die Richtung, aus der ungefähr der Schuss zu hören gewesen war. »Ich gehe vor!« Breitscheid war wie ausgewechselt. Energiegeladene Entschlossenheit erleuchtete sein Gesicht von innen und schoss durch die Augen in hohem Bogen heraus wie ein straffer Wasserstrahl aus dem Springbrunnen. »Es ist meine Welt, ich kenne mich hier besser aus. Sag mir nur, in welche Richtung wir gehen müssen!« Allerdings musste Wolfgang nicht allzu lange Cecilias Dienste als Fremdenführerin in Anspruch nehmen, nachdem sie in die Waldung hineingewandert waren. Nach einer Weile vernahm er Stimmen aus dem Dickicht, Fetzen einer aufgeregten verbalen Auseinandersetzung, die in einiger Entfernung irgendwo vorn stattfand. Durch Handzeichen vergewisserte sich Breitscheid bei dem Mädchen, dass sie noch auf Kurs lagen, und als er ein bestätigendes Kopfnicken zur Antwort bekommen hatte, legte er den ausgestreckten Zeigefinger auf die Lippen, was dem Fräulein signalisieren sollte: Ab jetzt kein Wort mehr! Sie bewegten sich schweigsam auf die Stimmen zu und passten auf, dass sie mit ihren Füßen nicht auf verräterisch knackendes, dürres Tannenreisig auf dem Boden traten, als Wolfgang merkte, vorn lichtete sich langsam der Wald. Er glaubte, sie hatten das, wonach sie suchten, gefunden, in zweierlei Hinsicht – sowohl Gerlindes Pilzparadies als auch die Stelle, von der der Schuss abgefeuert worden war. Hinter den Bäumen tat sich die Waldlichtung auf. Wolfgang legte abermals den Finger über seinen Mund, nahm Cecilias Hand – sie machte auf ihn einen leicht verstörten Eindruck – und ging mit ihr noch ein Stückchen vor, aber nur so weit heran, dass er mehr von der Lichtung sehen konnte, ohne entdeckt zu werden. »Ist das die Stelle, wo die Pilze wachsen?«, wisperte er in ihr Ohr. Das Fräulein sah ihn mit angsterfüllten Augen an, nickte ein paarmal bejahend mit dem Kopf und zeigte auf den Boden. Breitscheid sah hin. Um den Baum herum, hinter dem sie sich versteckten, entdeckte er auf einmal eine Vielzahl von bräunlichen Pilzhüten, die halb mit Laub und trockenen Tannennadeln bedeckt aus der Erde ragten. Einige waren ziemlich morsch und alt und von Tieren angefressen, sodass sie beinah schon auseinanderfielen, andere wiederum frisch und knackig, erst gestern nach dem Regen aus dem Boden gesprossen. Es gab keinen Zweifel, es war die Lichtung, zu der Gerlinde ihre Enkeltochter geschickt hatte. Bedenken in Bezug darauf, wo geschossen worden war, hatte Wolfgang keine. Die Unterhaltung der Burschen auf der Waldlichtung verriet einiges.
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In Breitscheids Kopf arbeitete es: Was tun? Sich mit den Kerlen anzulegen, schloss der Weinvertreter von vornherein aus. Allem Anschein nach war es irgendwelcher krimineller Abschaum, der zu allem Überfluss noch über eine Waffe verfügte, möglicherweise auch mehrere. Einfach abhauen? Das war mit Abstand die allerbeste Option, die ihm in den Sinn kommen konnte. Doch es sprach seiner Meinung nach auch nichts dagegen, wenn sie mit seiner Begleiterin wenigstens die Pilze, die sie gefunden hatten, einsammelten, bevor sie auf leisen Sohlen das Weite suchten. Diese Idee gefiel ihm sogar besser! Der Hexentrank, wie Wolfgang inzwischen herausgefunden hatte, war schon eine »feine Sache«! Außerdem brauchten sie mit Cecilia das »Zeug«, um ihre Mutter und Großmutter in diesen Stollen zu bringen. Und so viel er von der Angelegenheit mitbekommen hatte, musste es ziemlich zügig gehen, einen weiteren Tag, um Pilze zu sammeln, würden sie alle vermutlich nicht haben. Wolfgang erinnerte sich an die Worte von Gerlinde: »Wenn einer von ihnen mit Cecilia die Ehe vollzogen hat«, und ein Licht ging ihm auf: Natürlich, die Wilden Männer würden sie alle bald hinauswerfen, deswegen musste die Pilzsuchaktion so schnell stattfinden. »Die alte Hexe«, murmelte der Weinhändler in seinem Stolz gekränkt. »Sie hätte es auch sagen können!« Cecilia blickte auf ihn, wohl in der Annahme, dass er etwas zu ihr gesagt hatte. »Pflück doch die Pilze und wir verschwinden«, flüsterte Breitscheid. »Die Leute sind gefährlich.« »Sind sie … ein Schuss?«, flüsterte das Mädchen zurück. »Was?«, verstand Breitscheid zunächst nicht die Frage. »Ach so! Nein. Beziehungsweise, ja. Erkläre ich dir später. Jetzt mach bitte. Schnell. Ich helfe dir.« »Aber nimm nur die, die klein und frisch sind«, unterwies Cecilia den Handelsreisenden im Pilzsammeln. Beide bückten sich und begannen mit der Pilzernte, indem sie die Waldgewächse mit den Fingern aus der feuchten Erde herauspulten und in Eile, noch mit Wurzeln und Blättern, in einen eigens dafür von Cecilia mitgebrachten Leinenbeutel legten. Auf einmal hörte Breitscheid ein Rascheln und Cecilia hörte es offenkundig auch, denn das Mädchen sprang auf und sah sich ängstlich um. Breitscheid folgte ihr und ergriff ihre Hand, um sie zu beruhigen, anderenfalls hätte sie mit einer überstürzten Reaktion viel Lärm verursachen können und damit die Aufmerksamkeit der Kerle von der Lichtung auf sich ziehen. Doch die Aufregung von Cecilia war durchaus berechtigt, musste Wolfgang feststellen, denn jetzt sah auch er zwei Leute, einen Mann und eine Frau, rückwärts durch das Gras auf sie zukriechen, ohne von ihm und Cecilia eine Notiz zu nehmen! Der Wanderanzug und der Körperbau der männlichen Gestalt kam Breitscheid bekannt vor.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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