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Des Teufels Steg: Seite 186

»Ja, du kannst dich ausruhen, wenn du willst«, stimmte Cecilia zu und setzte sich zu Wolfgang auf den großen Stein neben dem Weg. »Wir haben viel Zeit. Zurück können wir erst, wenn es dunkel wird und der Mond aufgeht. Aber sag doch, Wilder Wolfgang: Wenn wir mit Mutter und Großmutter in deinem Haus nicht für Geld wohnen dürfen, dann kannst du doch zu uns kommen! Bei uns kannst du ohne Geld wohnen! Dann kannst du mein Vater sein.«

Breitscheid fuhr sich mit der Handfläche erklärungsmüde übers Gesicht, um einerseits seinen verzweifelten Gesichtsausdruck zu verbergen und andererseits um Zeit zu schinden, denn er wusste nicht, was er antworten sollte. Ihre Familienangelegenheiten nahm die junge Dame offensichtlich überaus ernst, doch Breitscheid wollte in diese in keiner Weise verwickelt werden. Neben dem sehnlichsten Wunsch, ihren eigenen Nachwuchs zu bekommen, fehlte dem Mädchen offenbar noch eine Vaterfigur im Leben. Aber dafür war er, Wolfgang Breitscheid aus dem zwanzigsten Jahrhundert, doch in keiner Weise zuständig, geschweige denn geeignet, rechtfertigte der Handelsreisende seine negative Haltung diesbezüglich.

»Cecilia«, sagte er schließlich, »gestern wolltest du, dass ich Vater von deinem Sohn werde und heute willst du mich zu deinem eigenen Vater machen. Wohin soll das Ganze führen? Das verstehe ich nicht.«

»Du bist ein guter Mensch, Wilder Wolfgang«, antwortete das Fräulein. »Ich möchte, dass so ein Mann mein Vater ist. Einen Vater für meinen Sohn habe ich schon. Ein Wilder Mann war bei mir gestern Abend. Jetzt trage ich sein Kind unter meinem Herzen.«

O Gott, dachte Wolfgang entsetzt, wie unschuldig naiv das Geschöpf doch war. Ihr sehnlichster Wunsch nach geschlechtlicher Nähe war nunmehr, so wie es sich anhörte, in Erfüllung gegangen, aber ob daraus noch etwas erwuchs, stand in den Sternen. Das war Cecilia anscheinend nicht bewusst und man konnte es ihr nicht verübeln. Was wusste er schon von den mittelalterlichen Sitten und Gepflogenheiten? Doch allen Ernstes anzunehmen, dass mit der Geburt eines Kindes all ihre Probleme aus der Welt verschwanden, und deswegen vor jedem dahergelaufenen Schlingel den Rock zu lüften … Aber schon im nächsten Augenblick erkannte Breitscheid, dass nichts von dem, was er dem Fräulein vorzuhalten gehabt hätte, wirklich der Wahrheit entsprach. Es war bare Eifersucht, ein blinder Argwohn gegen den Mann, dem sich Cecilia offenkundig hingegeben hatte. Ungeklärt blieb allerdings die Frage: War das herzbeklemmende Gefühl Ausdruck des Empfindens eines hintergangenen Verehrers oder eher tatsächlich eines Vaters, der sich um sein Kind sorgte.

»Aber ich habe schon eine Tochter«, setzte Breitscheid Cecilia über den aktuellen Stand der Dinge in Kenntnis.

»In deiner Welt?«, hinterfragte die junge Frau.

»Ja.« Auf die näheren Umstände wollte der Handelsreisende im Augenblick nicht eingehen.

Cecilia überlegte eine kurze Zeit. »Aber du kannst auch zwei Töchter haben. Eine in deiner Welt und eine in unserer!«, präsentierte sie Wolfgang endlich ihre Lösung für das Problem.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Das Fräulein hatte wirklich merkwürdige Vorstellungen, musste Breitscheid zugeben, von allem, was auch immer zum Gesprächsthema zwischen ihnen wurde. Dennoch, auch wenn Cecilias Schlussfolgerungen meistens unbedarft, ja manchmal gar töricht klangen, war ihnen aber eine gewisse, urtümliche Logik seltsamerweise nicht fremd, und überdies: Sie wirkten aus ihrem Munde auf eine unerklärliche Art vorbestimmend für sein weiteres Schicksal – das Erbgut von seiner Mutter erwachte in Wolfgangs Kopf. Denn aus einem unerfindlichen Grunde war die Kleine der Ansicht, dass er nunmehr dazu »verdonnert« war, ewig zwischen den Welten zu pendeln. Oder wie sollte er sonst noch ihren Vorschlag interpretieren, sich noch eine Tochter im Mittelalter »zuzulegen«, fragte sich der Weinvertreter. Und vor dieser Vorstellung, dass das blonde Mädchen recht haben konnte, hatte Breitscheid Angst, zumal sich schon einige Dinge, die mit der »kleinen Hexe« in Verbindung standen, bewahrheitet hatten. Er äußerte sich nicht, als habe er Cecilias letzte Bemerkung überhört.

»Ich habe mich erholt, wir können weitergehen«, meinte er stattdessen zu ihr.

Der beschwerliche Aufstieg dauerte einige Stunden, Wolfgang musste unzählige Male rasten, um weiterkommen zu können, und der Weinhändler war auf den schwierigsten Abschnitten abermals versucht, alles hinzuwerfen und Hals über Kopf nach Treseburg zu laufen – schließlich war er in seiner eigenen Zeit –, um ins Auto … Nein, fiel ihm dabei ein, mit dem Auto konnte er nirgendwo mehr hinfahren. Aber es war ihm völlig gleich wie, Hauptsache, weg von hier und dass er nach Möglichkeit nie wieder in seinem Leben Wörter wie Thale, Treseburg, Bodetal und dergleichen hörte! Doch er tat es nicht wie auch schon zuvor. Er konnte die Frauen nicht im Stich lassen.

Die Sonne stand schon hoch im Himmel, als die erschöpften Wanderer das Hochplateau erreichten und das Fräulein dem Weinvertreter die weitere Wanderrichtung verriet: »Wir müssen links halten, hat Großmutter gesagt. Dort liegt die Lichtung im Wald, wo sie die Pilze gefunden hat.«

»Ich folge einfach dir«, erwiderte Wolfgang noch schwer atmend. Es war für ihn augenblicklich nicht von Belang, wo es weiterging. Auch wenn Cecilia »rechts« gesagt hätte, hätte es für ihn keinen Unterschied gemacht.

In diesem Augenblick hörten auch die beiden den Schuss im Wald. Wolfgang wurde hellwach und sah in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Seinerzeit hatte auch Breitscheid seinen Militärdienst im Rahmen der Wehrpflicht leisten müssen und es war ihm durchaus klar, was er gerade vernommen hatte.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 8.034
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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