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Des Teufels Steg: Seite 185

Sie krochen leise rückwärts vom Waldrand weg und als die Entfernung von der Lichtung dem Schriftsteller groß genug vorkam, um nicht von dem »Gesindel« gesehen zu werden, stand er auf, half Elke auf die Beine und wollte mit seiner Partnerin schon im dichten Unterholz verschwinden, als er mitten in der Bewegung zu einer steinernen Säule erstarrte von dem Anblick, der sich seinen Augen bot.

Vor ihm stand, wie aus dem Nichts aufgetaucht, Wolfgang Breitscheid in Person und hielt ein blondes Fräulein an der Hand, das einen seltsamen Umhang trug, den Knöpfle von irgendwoher kannte.

 

Wolfgang und Cecilia hatten sich schon in der Nacht auf den Weg zum Hexentanzplatz gemacht, noch bevor der Mond unterging. Schließlich brauchten sie den Schein der nächtlichen Lichtquelle am Himmel, um die verhängnisvolle Brücke zu der anderen Seite der Schlucht, mit anderen Worten, in Wolfgangs ursprüngliche Welt, sehen zu können. Die Nummer mit dem Zeitsprung, ohne sich in der Nähe der Pforte zu befinden, wie mit Gerlinde, hatte bisher nur einmal funktioniert, sosehr sich Wolfgang bemüht hatte. Vielleicht, rätselte der vom Schicksal geplagte Weinhändler, waren die Schwarz-Weiß-Visionen, bei denen er beide Welten im Wechsel beobachten konnte, ausschlaggebend für solche Metamorphosen? Aber es entzog sich seiner Macht, auf die Phantasmen in irgendeiner Weise Einfluss zu nehmen. Wolfgang fehlte gänzlich das Verständnis, aufgrund von welchen Begebenheiten sie in seinem Kopf überhaupt ausgelöst wurden, denn die Wahnvorstellungen kamen und gingen völlig unabhängig von seinem Willen. Dagegen war er machtlos. Und so waren die beiden gezwungen, auf die altbewährte Methode zurückzugreifen, um die Zeitgrenze zu überqueren.

Das Ziel des Ausfluges bestand letztendlich darin, sich auf einer mysteriösen Waldlichtung in der Nähe des Hexentanzplatzes, deren Lage Gerlinde Cecilia in allen Einzelheiten beschrieben hatte, mit einer genügenden Menge der wunderwirkenden Pilze einzudecken, damit der Vorrat dafür reichte, mit einer gelähmten und einer altersschwachen Frau bis zum Stollen in Treseburg zu kommen. Irgendwo mussten die drei doch die Zeit überbrücken, solange es im Dorf diesen Ärger mit der Hexenverfolgung gab, hatte sich Wolfgang einsichtig gezeigt, als Cecilia ihn mit flehender Stimme um Mitwirkung gebeten hatte, obwohl es dem ausgelaugten Vertreter ehrlich gestanden nicht nach ausgedehnten Bergwanderungen war, schon gar nicht, wenn der Weg über die Teufelsbrücke führte.

Er fühlte sich noch schlapp nach den Abenteuern von gestern, dem Schlag auf den Kopf, der ihm fast den Schädel zertrümmert hatte. Wobei Breitscheid der Gerechtigkeit halber der urtümlichen Sippe auch zugutehalten musste, dass die Wilden Männer ihm seitdem kein Haar mehr gekrümmt hatten. Die Großmutter von Cecilia hatte alles auf eine wundersame Weise geregelt mit den ungestümen Kriegern – sie konnte sich tatsächlich mit diesem prähistorischen Wesen verständigen, staunte Wolfgang jedes Mal, wenn er die alte Frau mit ihnen sprechen hörte. Und sie gaben ihm auch zu essen und zu trinken, obgleich er sich bei »Essen« nicht direkt ein halbrohes, kaum, wenn überhaupt gesalzenes Stück Fleisch vorstellte, das an einem zersplitterten Knochen hing und in das er, es in beiden Händen haltend, sein halbes Gesicht hineindrücken musste, um einen mundgerechten Happen davon abzubeißen. Doch es war besser als gar nichts. Der zeitreisende Weinhändler nahm die Dinge mittlerweile so, wie sie kamen.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Die Pilzsammler hatten die geheimnisvolle Pforte in die andere Welt und andere Zeit ohne besondere Vorkommnisse passiert und stiegen unter enormem Kraftaufwand, jedenfalls kam Breitscheid nur sehr langsam voran, den Hang des Bodetals hinauf, aber nicht auf dem Weg nach Treseburg entlang des Flusses, den Wolfgang bereits kannte, sondern auf einem im Schein des Mondes kaum sichtbaren Trampelpfad, der nach oben zur Abbruchkannte der tiefen Schlucht führte und von dort mutmaßlich zum Hexentanzplatz. Wolfgang verließ sich da voll und ganz auf seine Weggefährtin. Er selbst hatte jede Orientierung schon längst verloren, aber das Fräulein schien sich gut auszukennen. Es wurde langsam heller.

»Warum sind sie …?« Wolfgang musste nach Luft schnappen, ehe er weitersprach. »Warum sind sie nicht mit uns weitergegangen?« Er meinte die Wilden Männer, die ihn und Cecilia bis zur Brücke hinunterbegleitet hatten und dann umgekehrt und zurückgegangen waren.

»Das weiß ich nicht, Wilder Wolfgang«, erwiderte Cecilia.

»Hat dir deine Großmutter nichts gesagt? Wieso sind sie denn überhaupt mitgekommen?«

Gerlinde agierte als Dolmetscherin zwischen den kriegerischen Gastgebern und ihren nicht ganz freiwilligen Besuchern und wenn jemand Bescheid wusste, was die Wilden Männer und aus welchem Grund taten oder auch sein ließen, dann war sie es.

»Das weiß ich nicht, Wilder Wolfgang«, sagte das blonde Mädchen abermals, während es geschickt von einem felsigen Vorsprung zum anderen graziös wie ein kleines Zicklein am Berghang sprang, trotz seines langen Gewandes, das es dabei leicht schürzte. »Großmutter hat mir nichts gesagt.«

Das alles kam Wolfgang sehr seltsam vor. Die Hilfe der Wilden Männer hätte er jetzt übrigens gut gebrauchen können, bedauerte bitterlich der Weinvertreter nebenbei! Wenn einer von ihnen ihn zum Beispiel wie einen Sack Kartoffeln über die Schulter gelegt hätte und mit ihm nach oben gegangen wäre. Der Weg war ausgesprochen steil, dem Handelsreisenden graute vor jedem weiteren Schritt.

»Cecilia …« Wolfgang war am Ende seiner Kräfte. »Lass uns eine Rast machen!«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 8.034
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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