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Des Teufels Steg: Seite 182
Jürgen kehrte zurück, als schon alle wach waren und beim Frühstück die Vorgehensweise beim Kreuzaufstellen diskutierten. Er sagte kein Wort, auch nicht auf mehrfaches Nachfragen, wo er denn gewesen sei, sondern suchte nach einer einigermaßen vollen Schnapsflasche, aus der er reichlich trinken konnte, um seinen gebrochenen Unterkiefer zu betäuben. Er machte sich einen großen Kaffeebecher voll und trank den Wodka in einem Zug, wobei ihm ein Drittel am Mund vorbei auf die Erde tropfte, weil er ihn einfach nicht weit genug öffnen konnte. Er wiederholte das Ganze noch einmal. Mit Händen und Füßen gab er allen zu verstehen, dass ihm nicht nach Reden war, nahm die Axt und ging in den Wald, um mit der Arbeit zu beginnen und sich das selbstgefällige Gesicht von Holger nicht ansehen zu müssen. Etwas zu essen, wäre der junge Mann eher nicht imstande gewesen. Nach und nach zog auch der Rest zum Waldrand, als die Schläge der Axt laut wurden. Schorsch schwang das Werkzeug mit ungeheurer Wucht gegen einen Baumstamm, sodass Holzsplitter feuerwerkartig in alle Richtungen flogen, vergaß jedoch nicht, verstohlene Blicke auf seinen Widersacher zu werfen, ob er ihm nicht auch nur den kleinsten Anlass dazu lieferte, die Vergeltungsoperation zu starten. Die Gelegenheit bot sich bald. »Bist du verrückt?«, schrie Johannes wie von Sinnen, als er sah, dass Jürgen eine Waffe zog und sie auf Holger richtete, nachdem dieser an Uwes Arbeitsweise während der Kreuzaufrichtung Kritik geübt hatte. »Nimm sofort die Kanone runter!« »Wellllches … Rrrrecht …«, sprach Schorsch mit betrunkener Stimme durch die Zähne. »Welches Recht hat das Arschloch …« Er beendete den Satz nicht. »Wow, wow, wow!«, wurde auch Holger nervös, als er begriff, dass Jürgen es absolut ernst meinte. »Ruhig … mein Junge. Ganz ruhig.« Alle, Biker wie Jenaer Patrioten, standen wie angewachsen da, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. »Steck die Waffe ein!«, forderte Johannes seinen Kumpel erneut auf, aber es war zu spät. Der Schuss löste sich mit fürchterlichem Knall und, wie es aussah, rein zufällig, während Jürgen mit seinem zitternden Zeigefinger am Abzug spielte. Der Bikerchef fiel nicht um, und taumelte auch nicht theatralisch über die Wiese auf der Suche nach dem besten Platz, um zu sterben. Er stand nach wie vor Jürgen gegenüber und sah ihn frontal an. Sein Hemd, das unter der aufgeknöpften Lederjacke sichtbar war, färbte sich auf der rechten Seite langsam rot. »Idiot« war das letzte Wort, das er sagte, ehe sich seine Jungs wie auf Kommando auf Jürgen stürzten, ihn überwältigten und ihm die Waffe aus der Hand rissen.
Elke und Richard waren schon seit den frühen Morgenstunden mit dem Auto unterwegs. Sie hatten bereits etliche Feldwege in der Gegend rund um den Hexentanzplatz abgefahren, aber nichts gefunden, an was sich Richard von seiner Wanderung im Regen erinnern konnte, als er plötzlich mitten in einem abgeernteten Feld anhielt, eher einer Wiese, auf der hie und da vereinzelt Stroh- oder Heuballen lagen. Er stieg aus und sah sich aufmerksam um. »Es kommt mir sehr bekannt vor«, sagte er nachdenklich zu Elke, die ihrerseits ebenfalls Anstalten zum Aussteigen machte.
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»Aber hier ist nur ein offenes Feld«, entgegnete die Frau, nachdem sie ausgestiegen war. »Der Wald fängt erst dooort an!« Sie zeigte nach vorn, wo man weit entfernt, beinahe schon am Horizont, eine dunkelgrüne Waldung erkennen konnte. »Ja, aber ich glaube, ich bin hier durch den lehmigen Schlamm gewandert.« Richard kratzte ein Kügelchen feuchter Erde vom Reifen ab und rieb es zwischen den Fingern zu einer schlammigen Masse, um sich von der Beschaffenheit des Bodens zu überzeugen. »Und gekommen bin ich von dort.« Er meinte den Wald, auf den ihn Elke aufmerksam gemacht hatte. Plötzlich hörten die beiden den Schuss und sahen sich gegenseitig beunruhigt an, wenngleich der Knall bei Weitem nicht so laut wie im Patriotencamp klang, aber trotz der Entfernung noch ganz gut zu hören war. »Was war das?«, fragte Knöpfles neue Liebe leicht erschrocken. »Ich denke, wir sind hier richtig«, mutmaßte der Schriftsteller. »Es war ein Schuss.« »Ach komm, nun lass mal jut sein!«, erwiderte die Seilbahnangestellte ungläubig auf ihre volkstümliche Art. »Ach geh!«, ließ sich Knöpfle von Elke zu dialektalen Entgleisungen verleiten. »Ich war mal bei der Bundeswehr, ich weiß, wie ein Schuss klingt. Steig ein, mein Diamant, wir fahren zum Wald, das Geräusch kam aus der Richtung!« Der Märchenautor gab Gas. Die Reifen drehten sich auf dem unbefestigten, feuchten Weg durch, griffen dann aber doch noch, nachdem Knöpfle den Druck seines Bleifußes gelockert hatte, und der Schriftsteller bereute schon seine Aktion, als er über den Zustand der Kotflügel und der Felgen nach dem Ende dieses Ausfluges nachdachte. Doch der Wagen, überlegte er, musste eher schon in die Autowaschanlage, sodass ein paar Spritzer mehr oder weniger keine große Rolle spielten. Er wollte sich unter keinen Umständen davon abhalten lassen, den Ort, den er schon den zweiten Tag in Folge suchte, so schnell wie möglich zu erreichen. Dass der Feldweg am Ende doch noch befahrbar war, bewiesen Reifenspuren im Dreck, die schon nach dem Regen entstanden sein mussten. Er war nicht der Erste, der hier entlangfuhr. Knöpfle gab abermals Gas.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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