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Des Teufels Steg: Seite 18
Wilde Männer, wie Cecilia bisher angenommen hatte, waren doch nur Hirngespinste. Es konnte sie in Wirklichkeit gar nicht geben, danach zu urteilen, was man über sie in der Gegend erzählte, jedenfalls hatte sie persönlich noch nie einen zu Gesicht bekommen. Nun stellte sich heraus, dass es die Wilden Männer jeder Vernunft zum Trotz sehr wohl gab, und obendrein war einer davon anscheinend sogar ihr Vater! Sie selbst war damit ein Wildes Fräulein! Diese Vorstellung passte nicht in ihren kleinen Kopf. »Es ist die Wahrheit«, beantwortete Ursel ihre Frage. »Ich war seinerzeit auch sehr überrascht, als ich sie erfuhr.« »Heißt es, dass du auch eine Wilde bist und dass es stimmt, wenn die anderen uns Wilde Frauen nennen?« »Wenn du so fragst, ja. Aber das ist auch deine Großmutter, deine Urgroßmutter und die Mutter ihrer Mutter. Alle sind es. Trotzdem gehören wir nicht zum Wilden Volk.« Cecilia verstand nichts mehr in dieser Welt. »Wie können denn die Männer unserer Sippe ihre Weiber in den Wald schicken, damit sie von jemandem ein Kind empfangen? Und was sagen die Weiber der Wilden Männer dazu?« »Ich weiß es nicht. Es war schon immer so.« »Wenn ich aber Hannes heirate, wird er damit nicht einverstanden sein, denke ich.« »Aus diesem Grund sollst du von den Christen die Finger lassen«, unterwies Ursel ihre Tochter. »Aber ich würde auch gerne …«, sträubte sich Cecilia. »Ich weiß … Es werden leider nur wenige Jungen bei uns geboren. Du wirst allem Anschein nach wie ich nie einen Mann haben. Du kannst aber allemal ein Kind gebären und mit ihm dein Leben verbringen.« »Und wie stelle ich das an? Wie finde ich einen Wilden Mann?«, fragte Cecilie ohne Umschweife. »Gar nicht. Du gehst des Nachts weit in den Wald hinein und wartest, bis dich einer findet und zu seiner Höhle führt.« Ursel war schon ganz müde und erschöpft von dem langen Gespräch. »Wie …?«, setzte Cecilia zur nächsten Frage an, als Ursel ihr ins Wort fiel. »Sei mir nicht böse, ich möchte mich jetzt ein bisschen ausruhen.«, sagte sie und schloss die Augen. Zu einer Fortsetzung des vertraulichen Gesprächs war es nie gekommen, aber Cecilia wusste nunmehr, wie sich die Dinge miteinander verhielten und welche Zukunft sie ungefähr erwartete. Dennoch, im Stillen begehrte sie Hannes nach wie vor.
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Cecilia ging immer tiefer in die Schlucht hinein. Der Halbmond begleitete sie. Sein Licht reichte vollkommen aus, um nicht vom Weg abzukommen. Der Schein ihrer Laterne war im Grunde überflüssig, aber sie ließ die Kerze trotzdem brennen für den Fall, dass der Mond hinter den Wolken verschwand – sie wollte nicht noch durch Feuerschlagen aufgehalten werden. Verlaufen konnte sie sich kaum noch. Seitdem sie die Schlucht betreten hatte, gab es ohnehin nur eine Wanderrichtung – nach vorne. Denn das Tal war zu beiden Seiten von zwei beachtlichen Gebirgszügen gesäumt, die ihr keine andere Wahl ließen, als sich schluchtaufwärts zu bewegen. Der fast bis zum Boden reichende Umhang, den das Fräulein trug, war nass vom Tau bis zu den Knien und ihre Bundschuhe waren matschverschmiert, doch je weiter sie kam, desto trockener wurde es unter ihren Füßen, denn der Trampelpfad wurde mit jedem Schritt immer felsiger. Und sie wusste nicht recht, was am Ende besser war: Nasse Schuhe oder die spitzen Steine auf dem Weg, von denen sie jeden einzelnen durch die dünne abgelaufene Ledersohle schmerzlich zu spüren bekam. Die Felswände der Schlucht ragten schroff in die Höhe, sodass kaum noch ein Baum genug Platz an den Hängen fand, um sich ansiedeln zu können. Das Tal verwandelte sich langsam in eine schmale Klamm, in der die eingeengte Bode rebellisch aufbrauste und um sich spritzte. Der Nebel hüllte die Schlucht zunehmend ein. Es war ein gutes Zeichen. Es bedeutete nämlich, dass Cecilia sich der Stelle näherte, an der die mysteriöse Brücke von einer Seite der Klamm auf die andere führte, in die geheimnisvolle fremde Welt, wo ihre Großmutter die Tage fristete. Sie hatte den seltsamen Steg noch nie klar und deutlich sehen können, er hüllte sich stets in Nebelschwaden und war kaum zu erkennen im Schein des Mondes, man hatte mehr so eine Art Ahnung, dass dort im Nebel etwas war, und erst wenn man unmittelbar davorstand, öffnete sich dem Blick der Überweg über dem Abgrund. Aber auch dann wurde er nicht zu etwas Greifbarem, was man anfassen konnte, denn Cecilia hatte bisher kein einziges Mal unter ihren Füßen die Bretter spüren können, aus denen die Brücke gebaut war, wenn sie darüber lief. Jedes Mal kam es ihr vor, dass sie über der Schlucht schwebte und albern mit den Beinen strampelte. Es war schon merkwürdig. Nichtsdestoweniger war es etwas, was sie schon von früher kannte und auch diesmal zu erleben erwartete, aber ein anderer Umstand gab Cecilia keine Ruhe: Sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie jemand verfolgte. Schon an der Lichtung im Wald, auf der die Frauen aus dem Dorf gewöhnlich Kräuter pflückten, hatte sie den ersten Verdacht geschöpft, als sie von der anderen Seite der Wiese Stimmen gehört zu haben glaubte. Doch sie hatte niemanden entdeckt, es war alles ruhig gewesen. Später hatte sie ein paarmal ganz deutlich das Knacken der trockenen Äste vernommen, die im Wald auf dem Boden lagen, als seien sie unter dem Gewicht ihrer Verfolger gebrochen. Sie überlegte schon, ob es nicht in der Tat ein Wilder Man war, der sich mit ihr vereinigen wollte, wie ihre Mutter es geschildert hatte. Zu so einer Wendung wäre sie jetzt nicht aufgelegt gewesen, sie hatte anderes im Sinn. Doch es schien nicht der Fall zu sein, denn jetzt hörte sie trotz des rauschenden Wassers des Flusses ganz deutlich menschliche Stimmen weiter unten auf dem Pfad. Den Inhalt des Gesprächs konnte sie nicht verstehen, die Verfolger waren noch hinter dem Felsvorsprung, um den sie gerade einen Bogen gemacht hatte, es hörte sich aber so an, als wenn zwei Männer über etwas stritten.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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