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Des Teufels Steg: Seite 178
12. Kapitel: SCHUSS AUF DER WALDLICHTUNGEs kriselte im Lager der Nationalpatrioten auf der Lichtung im Wald, um nicht zu sagen, es gab richtig Ärger. Die Jenaer standen plötzlich den Bikern aus Recklinghausen gegenüber – Schorsch gegen Holger im Einzelnen, um genau zu sein –, während sich die Meute mit dem Aufstellen der noch fehlenden zwei Kreuze beschäftigte, und es war kein Spaß. Jürgen zielte auf den Anführer des Biker-Clubs mit einer geladenen Pistole, die er heute Morgen aus dem Auto geholt und schon den ganzen Vormittag hinter seinem Rücken, eingesteckt in den Hosenbund, unter der Jacke mit sich getragen hatte, für den Fall, dass »der Typ ihm wieder blöd kam«. Der junge Mann war betrunken, er wackelte leicht, seine Hände zitterten ein wenig. Die Spannung, die in der Luft lag, glich der einer g-Gitarrensaite, die bis zum eingestrichenen c' angezogen wurde und jeden Augenblick mit einem lauten »Peng« zu platzen drohte. Der Streit hatte bereits gestern begonnen, gleich nachdem sie im Morgengrauen von ihrer erfolglosen Hexenjagd aus Treseburg zurückgekehrt waren. Den Grundstein für die Auseinandersetzung legte Schorsch, als er, leicht beschwipst von dem Bier, das er auf dem Rückweg im Auto konsumiert hatte, allgemein vernehmlich bemerkte, es gehöre wohl nicht zum guten Ton, die Kameraden allein im Tunnel zurückzulassen. Worauf Holger ihn barsch zurechtwies, dass er, Jürgen, sich lieber um seinen eigenen Kram kümmern solle, anstatt gestandenen Männern seine »rotznäsigen Ratschläge« zu unterbreiten. »Lass das!«, sagte Johannes, der Jürgen gut genug kannte, legte seine Hand auf die Schulter seines Kumpans, um ihn von unüberlegten Aktionen abzuhalten, und gab Dieter ein Zeichen, damit dieser die gleiche Handbewegung von der anderen Seite ausführte. Wütend befreite sich Schorsch von dem Druck der mahnenden Hände auf den Schultern, indem er schlagartig seine Brust ausbreitete und die Arme aufwarf, während sein Blick unablässig auf Holger gerichtet war, hinter dem schon ein paar Biker mit unmissverständlicher Körperhaltung auf weitere Entwicklungen warteten, drehte sich energisch um und ging zu seinem Zelt. Der Konflikt schien vorerst beigelegt, alle beruhigten sich einigermaßen, tranken noch ein Bier und gingen nach nicht allzu langer Zeit zu Bett. Aber Jürgen vergaß nie eine Beleidigung und wälzte sich noch eine Weile in seinem Schlafsack, ehe die Müdigkeit ihn übermannte, während er überlegte, wie er dem Wichtigtuer aus dem Westen einleuchtend erklären konnte, wer hier den Ton angab.
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Die Patrioten schliefen den ganzen lieben Tag durch – die gestrige Nacht war einfach zu lang gewesen – und erst als die Sonne schon knapp über dem Wald stand, bereit, innerhalb der nächsten Stunde die Himmelsbühne zu räumen, wurden die Ersten wach, nahmen schwer verkatert an der längst abgekühlten Feuerstelle Platz und stellten zu ihrem Entsetzen fest, dass sie kein Bier mehr hatten und es höchste Zeit war, für Nachschub zu sorgen, denn die Geschäfte in der Stadt schlossen bald. Sie weckten den Rest, der zu ihrer großen Unzufriedenheit nur ziemlich schwerfällig in die Gänge kam, was unvermeidlich zum gegenseitigen Geplänkel führte, und es dauerte mindestens eine halbe Stunde, bis die vom Alkoholmangel geplagten Hexenfeuerfestteilnehmer in der Lage waren, einen Einkaufstrupp zusammenzustellen. Tobias und noch ein paar Recklinghäuser begaben sich durch den Wald zu dem Auto und diejenigen, die das Schicksal verschont hatte, zettelten einen neuen Streit an, in dem es darum ging, wer nun die Suppe zubereiten und wer das Feuer machen musste. Die Zeltlagerbraut Sonja wurde von allen von vornherein als Köchin oder Feueraufsicht ausgeschlossen, denn die blonde Schönheit schien noch unter dem Einfluss der Zauberpilze von gestern zu stehen: Sie saß teilnahmslos da, mit im Gesicht verschmierter Wimperntusche, in ihren leeren Augen fehlte der kleinste Funke des Verstandes. Kurz, bis die Einkäufer zurück waren, das Feuer entfacht und das Süppchen gekocht, war es schon dunkel geworden. Alle saßen am Lagerfeuer. »Bring den Schlampen auch mal was!«, meinte der Chef der Jenaer Zelle zu Sonja, die sich mittlerweile erholt hatte und ihre Suppe appetitlich löffelte. »Sonst fallen die uns noch gleich um, statt schön mit dem Arsch zu wackeln.« »Mmh«, gab das Mädchen mit vollem Mund zurück und stellte ihren Teller ab. Währenddessen sah Hans zu Holger hinüber, der nur kurz aufsah, als Johannes die türkischen Frauen erwähnte, und sich dann wieder schmunzelnd seiner Suppe widmete. Der Recklinghäuser hatte allem Anschein nach nichts gegen die Bauchtanznummer, überlegte Johannes. Na ja, schlussfolgerte der Jenaer Obmann weiter, schließlich hatte er auch fest zugesagt, dass die mitgebrachten »Hexen« hier nackt vor dem werten Publikum auftraten. Sonja ging mit zwei Tellern Suppe zum Zelt, wo sich Holgers Geiseln befanden. Glücklicherweise hatte gestern noch jemand daran gedacht, die beiden von dem Kreuz loszubinden und in ein Zelt zu stecken. »Hier!«, sagte sie unwirsch zu den Frauen, die sie ängstlich aus dem Zeltinneren ansahen. »Esst was!« Sie reichte ihnen die Schüsseln und übernahm die Ausdrucksweise ihres Chefs und Liebhabers für die Anrede: »Ihr Schlampen!« Die Frauen im Zelt verstanden kein Wort, nahmen aber die dampfende Suppe mit dankendem Kopfnicken entgegen. Es wurde wieder reichlich Alkohol getrunken und die Handvoll Pilze aus Gerlindes Bündel überlebte die Nacht nicht. Johannes teilte sie brüderlich unter den Mitgliedern der Jenaer Zelle auf, und auch Sonja bekam ihren Anteil. Die Biker weigerten sich Holgers Anweisung folgend, etwas von dem »Zeug« zu kosten, und es war auch gut so, begrüßte Hans im Stillen ihre Entscheidung und versuchte sie erst gar nicht zu überreden, denn die Menge war klein und die Lust, den Zustand, den er gestern erfahren hatte, erneut zu erleben, unermesslich groß.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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