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Des Teufels Steg: Seite 176
»Was willst du?«, fragte er grob durch die verschlossene Tür. »Ich habe Durst!«, gab Ruprecht von innen zur Antwort. »Kann mir bitte jemand etwas zu trinken geben?« »Du wirst die Nacht schon ohne Wasser überleben!«, antwortete der Mann im Brustharnisch eiskalt und herzlos. Sichtlich darüber erbost, bei seiner Runde gestört worden zu sein, drehte er sich mit der Rüstung rasselnd um und wollte gehen, als Ruprecht erneut gegen die Tür mit den Fäusten hämmerte. »Gebt mir endlich was zu trinken!«, schrie er laut. »Sonst verrecke ich hier noch! Genervt hielt der Schutzgardist inne und fluchte lautlos mit den Lippen. »Ist schon gut!«, sagte er dann. »Ich bringe dir was!« In Sekundenschnelle reifte ein Plan in Hannes’ Kopf. Wenn der Geharnischte doch vorhatte, Ruprecht Wasser zu geben, musste er zunächst unumgänglich die Tür des Kerkers aufschließen, damit wäre schon mal ein wesentlicher Teil des Vorhabens erfüllt gewesen, ohne dass Hannes sich noch Gedanken machen musste, wie er an den Schlüssel am Gürtel des Wachmanns kam. Und dann … Dann konnte es nicht mehr einfacher gehen, dachte der Tischlergeselle übermütig. Wenn er es einmal unauffällig geschafft hätte, und Hannes traute es sich durchaus zu, sich hinter dem Rücken des Wachmanns zu positionieren, während jener die Tür öffnete, hätte ein kräftiger Schubs von hinten gereicht, um den Mann in die Zelle zu kriegen! Mit zwei Leuten hätten sie den Geharnischten im Verlies übermannt. Aber Ruprecht musste mitspielen. Die Zeit, um weitere Überlegungen anzustellen, fehlte Hannes, denn der Wachmann kehrte bereits mit einem Tonkrug zurück und fummelte mit der Hand an seinem Gürtel um den richtigen Schlüssel zu finden. Schnell wie ein Blitz und leise wie eine Katze schlich sich der Tischler hinter den Schutzgardisten, während dieser seinen Speer neben der Tür abstellte und sich mit einer Hand am Schloss zu schaffen machte, in der anderen hielt er den Krug mit Wasser. Er zog schließlich am Griff, die Tür ging auf und Hannes sah in der Dunkelheit des Kerkers das Gesicht seines Freundes, auf das aus dem Kellergang etwas Licht fiel. Ihre Blicke trafen sich und Hannes gab Ruprecht ein Zeichen mit den Augenlidern. Ruprecht begriff alles auf Anhieb, woran Hannes auch nicht gezweifelt hatte, denn obwohl sein Kumpan zuweilen seltsame Dinge von sich gab und äußerst abergläubisch war, wusste der Tischler eins mit Gewissheit: Wenn es etwas gab, was sein Jugendfreund nicht war, dann war es »dumm«.
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Ruprecht sprang, wenngleich es ihm sichtlich schwerfiel, mit einem Satz beiseite und Hannes stemmte sich mit den Händen und seinem ganzen Körpergewicht gegen den Harnisch der Wache, um dem Mann mit aller Kraft, die er besaß, einen brachialen Stoß in den Rücken zu versetzen. Es gelang. Der Wachmann flog über die Schwelle mit der Nase nach vorn, stolperte ein paarmal, ging in die Kniebeuge, rappelte sich wieder auf, kam aber nicht zum Stillstand, das Gewicht seines eisernen Panzers, einmal in Bewegung gesetzt, zog ihn konsequent nach sich, bis er schließlich, an der Hinterwand der Zelle angekommen, mit dem Kopf gegen das Mauerwerk prallte und benommen zu Boden ging. Hannes warf sich auf den Mann und hielt ihn fest, denn dieser unternahm noch einen erfolglosen Versuch, sich aufzubäumen. Ruprecht eilte herbei auf seinen steifen Beinen, nahm dem Wachmann seinen Helm vom Kopf und schlug ihm damit aus aller Kraft ins Gesicht. Der Körper unter der Rüstung erschlaffte und bewegte sich nicht mehr. Der Schutzgardist verlor das Bewusstsein. »Habe ich ihn erschlagen?«, fragte Ruprecht ängstlich. »Nein.« Hannes atmete schwer vor Anstrengung, während er sich aufhob. »Du hast alles richtig gemacht. Ich habe nie an dir gezweifelt.« »Aber ich an dir …«, entgegnete Ruprecht schwermütig. »Ruprecht«, sagte der Tischler mit ernster, schuldbewusster Stimme, »ich habe meinen Fehler erkannt. Lass uns das, was zwischen uns steht, begraben. Ich habe dich und deine Frau in diese Lage gebracht, ich werde euch hier auch herausholen. Aber ich brauche deine Hilfe.« »Gut«, stimmte sein Freund apathisch zu. »Aber es wird Gretlin nicht mehr helfen. Sie ist gebrochen.« »Ich weiß. Verzeih mir, Freund. Es tut mir leid. Aber am Leben zu bleiben ist besser, als auf dem Scheiterhaufen umzukommen. Vielleicht wird sie sich noch erholen, sie ist noch jung.« »Vielleicht …«, sagte Ruprecht teilnahmslos. »Kannst du bitte noch die Tür zuziehen, damit keiner was zufällig hört?«, bat Hannes seinen Freund. »Wir sind hier nämlich nicht allein im Keller. Zum Glück haben sie bis jetzt noch nichts mitgekriegt, weil sie … Weil sie gerade sehr damit beschäftigt sind, von der verbotenen Frucht zu kosten.« Ruprecht sah ihn verständnislos an und ging mit kleinen Schritten zur Tür, während Hannes dem bewusstlosen Wachmann den Gürtel abnahm und ihn damit an den Füßen fesselte. Dann verwendete er mangels anderer Möglichkeiten seinen eigenen Riemen, um eine Handfessel daraus zu machen, und legte sie dem Mann von der Schutzgarde an. »Sag mal, warum läufst du die ganze Zeit so sonderbar?«, wollte Hannes von Ruprecht wissen, als dieser zurückgekehrt war. Der junge Mann antwortete eingeschnappt: »Ich würde mal gerne sehen, wie du läufst, wenn sie dir einen Pflock in den Hintern rammen!«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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