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Des Teufels Steg: Seite 177
»Entschuldigung, ich habe nicht nachgedacht. Tut mir leid. Wir sollten vielleicht lieber überlegen, was wir jetzt machen. Wie wir selbst hier rauskommen und wie wir deine Frau und Irmel vor dem Scheiterhaufen retten.« »Und Agnes …«, fügte Ruprecht hinzu. »Was, Agnes?«, hinterfragte Hannes. »Agnes wird spätestens morgen auch festgenommen und befragt.« »Hat Gretlin sie …?« »Nein, ich war es. Ich habe ihren Namen genannt … Sie wollten Gretlin die Brust mit der Zange abbeißen, wenn sie nicht diejenigen anzeigt, mit denen sie zur Kräuterernte geht … Dann sag endlich, was du vorhast!« Hannes weihte den Freund in seinen Plan ein, der inzwischen Gestalt angenommen und Struktur bekommen hatte. Als Erstes mussten sie heil aus dem Kloster herauskommen, und zwar unverzüglich! »Es macht heute keinen Sinn, nach Gretlin zu suchen. Ich weiß nicht, in welcher Zelle sie eingesperrt wurde. Es dauert viel zu lange, wir könnten entdeckt werden. Und die Schneiderin Irmel allein mitzunehmen, macht noch weniger Sinn, denn dann sind sie alarmiert und verdreifachen die Wachen. Oder sie verstecken deine Frau so, dass sie kein Teufel findet.« Ruprecht hörte zwar voller Skepsis zu, aber sein Gesicht strahlte nicht mehr so viel Gleichgültigkeit aus wie vorhin. »Daher schlage ich vor«, sprach Hannes weiter, »dass wir jetzt die Sachen von dem Wachmann mitnehmen – die Rüstung, die Kleidung, Schuhe, halt alles – und von hier verschwinden.« »Wozu soll’n das gut sein?«, erkundigte sich Ruprecht wenig begeistert. »Rüstung und Speer könnten sich als sehr nützlich erweisen, wenn wir Gretlin und Irmel freikämpfen müssen!«, lautete die Antwort. »Und Agnes …«, fügte Ruprecht abermals hinzu. »Ja, und Agnes!«, stimmte ihm der Tischlergeselle zu. Des Weiteren sah der Plan vor, dass die beiden sich bei Jobst auf dem Heuboden versteckten, ihren Freund mit ins Boot holten und sich, dann schon zu dritt, auf die entscheidende Schlacht gegen das Böse vorbereiteten. »Und wie willst du mit nur einem Speer in die Schlacht ziehen?«, gab Ruprecht zu bedenken. »Aus dem Kloster werden wir die Frauen wohl nicht herausholen können, da hast du recht!«, gab Hannes einsichtig zur Antwort. »Aber wenn wir uns in der Nacht der Exekution auf dem Hexenberg in den Hinterhalt legen … Vorher müssen wir aber noch gleichgesinnte Männer im Dorf finden, die uns helfen. Der Kardinal hat verfügt, dass das gesamte Dorf an der Einäscherung teilnehmen muss, sodass es keinen Verdacht hervorruft, wenn unsere Verbündeten mit unter den Leuten sind. Dann könnten wir es schaffen!«
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»Gut …«, gab Ruprecht nachdenklich von sich. »Aber was wird denn dein Meister dazu sagen?« »Ich habe keinen Meister!«, versetzte Hannes. »Na, der Richter«, ließ Ruprecht nicht locker, »der meine Familie zu Schanden gerichtet hat.« »Er ist nicht mein Meister! Bist du noch bei Verstand? Gegen ihn, vor allem gegen ihn, habe ich diesen Aufruhr angezettelt! Er ist die Verkörperung des Übels, er hat erst überhaupt das Verderben in unser Dorf gebracht! Wie kannst du …? Er lehrt Tugend, begeht aber niedere Taten, er predigt Keuschheit, ist in Wirklichkeit aber selbst der Leibhaftige, der die Weiber zur Unzucht verleitet, – ein Wolf im Schafspelz! Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe … Wenn du gehört … was ich vernommen … Und … Und seine treue, ›gottesfürchtige‹, dass ich nicht lache, Äbtissin, sie sollte statt der unschuldigen Frauen auf dem Scheiterhaufen brennen, denn sie ist die wahrhaftige Hexe! Und wenn der eine verbannt und die andere verbrannt ist, erst dann kommt unser Dorf zur Ruhe, und alle werden in Frieden leben und dem Worte Gottes zuhören, Wilde wie Christen, und alle werden selig sein!« Ruprecht verstand nichts von all dem, was Hannes so leidenschaftlich predigte, aber eins begriff er: Sein Freund meinte es ernst mit der Befreiung von Gretlin, das war das Wichtigste, und die Überzeugung, mit der sein Freund sprach, steckte ihn an und ließ fest an den Erfolg des Vorhabens glauben. »Ich mache mit«, sagte er kurz, als Hannes die Begriffe ausgegangen waren, mit denen sonst noch das personifizierte Böse im Dorf beschrieben werden konnte. »Dann machen wir uns an die Arbeit, Ruprecht«, zog Hannes den Schlussstrich in der Diskussion. Was der Rest der Schutzgarde im Augenblick machte – ob die Männer ebenfalls wie ihr weisungsbefugter Inquisitor nach seelischem Trost bei den Kanonissen auf den Zellen suchten oder bereits unterwegs waren, um Agnes aus dem Dorf in den Kerker zu holen –, wusste Hannes nicht und verspürte auch keinen Wunsch, der Sache auf den Grund zu gehen, als er zu seiner Freude feststellen konnte, dass die Gänge des Klostergebäudes absolut menschenleer waren, nachdem sie sich mit Ruprecht die Kellertreppe hinaufgeschlichen hatten, die Rüstung der Nachtwache unter dem Arm, eingewickelt in seine Kleidung, damit sie keine verräterischen Geräusche verursachte, und den Speer in der Hand. Unbehelligt kamen die beiden bis zur Tür und schlüpften durch den Ausgang nach draußen. Alsdann lugten die Verschwörer sicherheitshalber eine Zeit lang in alle Richtungen, um unliebsamen Begegnungen vorzubeugen, und machten sich, als sie weit und breit keine Seele entdeckt hatten, in großer Eile auf den Weg ins Dorf. Wenig später verschwanden sie unter dem schwarzen, samtigen Umhang, den die noch junge Nacht über sie legte.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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