|
Des Teufels Steg: Seite 175
»Wir müssen mit dir zu unserem Herrn gemeinsam beten, meine Tochter«, sagte schließlich auch die ehrenwerte Äbtissin ihrerseits in gebieterischem Ton, »und um Vergebung für die Sünde bitten, die wir begehen. Die ganze Nacht, Schwester Barbara.« Auf einmal hörte der Tischlergeselle Schritte. Es war aber nicht der Wachmann. Jemand kam die Kellertreppe herunter. Um zurück zu seinem Versteck in der dunklen Ecke zu laufen war es bereits zu spät, denn die auf dem Stein klackenden Schuhabsätze hatten den Kellergang erreicht. Hannes hielt den Atem an, um sich nicht zu verraten, und hörte den sich nähernden Schritten zu. Das Geräusch kam ihm bekannt vor. Ja, es war Vater Nicklas, stellte der Tischler mit Unbehagen fest. »Hier bist du also, ehrenwerte Äbtissin«, sagte der Inquisitor, als er die Folterkammer betrat. Mutter Oberin zog erschrocken die Hand unter dem Habit der Kanonisse heraus und trat rasch einen Schritt zurück. »Wir … Wir beten hier gemeinsam mit der Schwester zu unserem Herrn, damit er uns alle vor unzüchtigen Gedanken bewahrt«, rechtfertigte sie sich. »Mit dem ›Beten‹ kannst du gerne weitermachen«, beruhigte sie der Mönch. »Ich weiß doch um deine Vorliebe zum eigenen Geschlecht. Und obwohl die Frage über die Liebe zwischen Frauen recht umstritten ist, steht an keiner Stelle der Heiligen Schrift, dass sie verboten ist. Als Untersuchungsrichter der Heiligen Inquisition erteile ich dir kraft der mir verliehenen Macht meinen Segen.« Ehrenwerte Äbtissin Kunigundt lächelte verlegen und schielte auf Schwester Barbara, die nach wie vor auf der Tischkante saß und sich nicht zu rühren traute. »Wen haben wir hier?«, fragte Vater Nicklas neugierig und trat dicht an die junge Kanonisse heran, sodass sie seinen Atem riechen konnte. Aus Angst vor dem, was ihr noch alles möglicherweise bevorstand, schloss sie die Augen. »Das ist Schwester Barbara, mit der wir das Gebet sprechen«, antwortete die ehrenwürdige Äbtissin, während der Mönch interessiert die Frau von Kopf bis Fuß in Augenschein nahm. »Wenn du, Kunigundt, dein nächstes Gebet mit einer Schwester sprichst«, sagte der Inquisitor sichtlich beeindruckt von den Körperformen der Kanonisse, »wünschte ich, dass du ihr Gewand etwas höher ziehst, damit ich auch etwas sehen kann.« Die Oberin verstand alles viel zu buchstäblich und machte bereits Anstalten, sich an dem Habit von Schwester Barbara zu schaffen zu machen, als der Inquisitor weitersprach. »Mein Fleisch ist äußerst erregt nach der Befragung, sodass es keine Verzögerung duldet. Mach die Schwester für das Gebet bereit, ich werde es mit ihr sprechen!« »Jesus Maria!«, rief die Kanonisse in ihrer Verzweiflung und bekreuzigte sich. Nun begriff die Äbtissin, worauf der Richter hinauswollte. »Du musst dich vorsehen, Nicklas«, sagte sie leicht besorgt. »Mach bitte, dass die Schwester nicht schwanger wird. Es wird langsam zu auffällig, dass hinter dem Kloster streunende Hunde und Tiere aus dem Wald nach … du weißt schon nach was scharren. Was werden sich wohl die Leute denken, wenn die Gebeine zutage kommen?«
(?)
»Ich gebe mir Mühe«, meinte der Mönch einsichtig. »Führe jetzt die Schwester zur Bank, ich schließe inzwischen die Tür ab.« Hannes hörte wieder die Schritte von Vater Nicklas, der auf ihn zuging, und verhielt sich mucksmäuschenstill hinter der Tür. Das Letzte, was er aus der Folterkammer vernommen hatte, ehe die Tür zuging und sich der Schlüssel im Schloss von innen umdrehte, war die Stimme des Franziskaners, der der Äbtissin letzte detaillierte Anweisungen gab: »Nein, ehrenwerte Kunigundt, nicht so! Lass die Schwester sich zum Gebet auf die Bank hinknien und ihr Antlitz in tiefer Ehrfurcht vor Gott senken. Und lege die Liebesblüte daneben!« Plötzlich stand der Tischlergeselle ganz allein auf dem Gang, jedem Blick zugänglich, denn der schützende Türflügel war weg, und der Wachmann musste jede Sekunde am anderen Ende des Korridors auftauchen. Hannes hatte keine Zeit, um über das gerade Erlebte nachzudenken, er rannte so schnell er konnte zu seinem Versteck – keinen Augenblick zu früh. Bald hörte man die blechernen Platten des Harnisches im Takt der Schritte des Wachmanns aneinander scheuern. Während sich der Geharnischte langsam seinem Versteck näherte, strengte Hannes sein Gehirn an. Er versuchte, einen Weg zu finden, wie er, ein einfacher, in körperlichen Auseinandersetzungen unerfahrener Tischler, mit bloßen Händen einen bewaffneten Mann von der Schutzgarde überwältigen konnte. Ihm fiel keine brauchbare Methode ein, um unbeschadet an den Schlüssel von Ruprechts Zelle zu kommen. Er gehörte zwar nicht zu den Schwächsten im Dorf, aber was nützte schon pure Muskelkraft gegen einen Mann in Rüstung, ausgestattet mit einem spitzen Speer? Und wahrscheinlich wäre Hannes’ Vorhaben, seinen Freund aus dem Verlies zu befreien, für immer nur ein Traum geblieben, wenn nicht ein Zufall ihm in die Hände gespielt hätte. »Wasser! Gebt mir doch Wasser zum Trinken!«, wurde plötzlich ein gedämpfter Schrei vernehmbar und ein wildes Klopfen erfüllte den Gang. Es war Ruprecht. Hannes erkannte seine Stimme. Das Klopfen kam ebenfalls von der verschlossenen Tür seiner Zelle. Der Wachmann zuckte zusammen, hielt an, um festzustellen, woher die ruhestörenden Geräusche stammten, und begab sich etwas unzufrieden vor sich hin brummelnd zu der Lärmquelle.
|
Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden
KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
Zahlen & Daten zum Werk
![]() Ihre Spende ist willkommen!Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank! Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||



