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Des Teufels Steg: Seite 174

Es war noch kein richtiger Plan, den man Schritt für Schritt befolgen konnte, sondern eher nur vage Vorstellungen davon, wie er seinen ehemaligen »Meister« für die unwürdigen Taten zur Rede stellen wollte. Aber Hannes hatte schon lange genug darüber nachgedacht, während er in seinem Versteck auf das Ende der Befragung gewartet hatte, um zu wissen, dass das Allererste, was er dafür tun musste, war, Ruprecht wieder auf seine Seite zu holen, um mit ihm zusammen, Jobst musste natürlich auch mit von der Partie sein, das Böse, das sich in Gestalt von Vater Nicklas personifizierte, zu bekämpfen. Denn nur den beiden konnte er restlos in der heiklen Sache vertrauen. Sie waren schon immer Freunde gewesen und sie würden es auch für immer bleiben – auf Gedeih und Verderb! Am Ende der Unternehmung stand schließlich nichts Geringeres, als Irmel, und neuerdings auch Ruprechts eigene Ehefrau, aus den Fingern des Franziskanermönchs mit seltsamen Vorstellungen von christlicher Barmherzigkeit zu befreien und der Willkür, gemischt mit krankhaften Trieben, ein Ende zu setzen. Und hier gab es ein Problem.

Hannes musste mit seinem Jugendfreund dringend reden, aber er wusste nicht, was Ruprecht während der Befragung widerfahren war – ob er bei Bewusstsein, ja überhaupt noch am Leben war, denn Vater Nicklas traute der Tischlergeselle inzwischen alles zu. Bis jetzt hatte Ruprecht noch nicht die Folterkammer verlassen, obwohl seine Frau schon vor einiger Zeit weggebracht worden war. Das war kein gutes Zeichen.

Der Tischler wartete geduldig, als er endlich zwei Büttel sah, die seinen Freund flankierend aus dem Befragungsraum herauskamen. Ruprecht war am Leben und bei vollem Bewusstsein, wie es schien, aber er konnte kaum einen Fuß vor den anderen setzen, sodass die unliebsamen Begleiter ihm bei jedem Schritt, den er mit seinen unnatürlich breit auseinanderstehenden Beinen machte, einen motivierenden Schubs verpassten, damit er sich schneller bewegte. Sein Freund war barfuß und er hatte, soviel Hannes erkennen konnte, keine Hose an. Die drei schritten auf Hannes zu, in den Kellerflügel, wo sich sein Versteck befand, im Unterschied zu Gretlin, die in die entgegengesetzte Richtung weggeschleppt worden war und deren Aufenthaltsort für Hannes im Dunklen blieb.

»Hier! Das ist dein Gemach!«, sagte einer der Wachleute höhnisch, nachdem sie vor einer der Türen stehen geblieben waren und er sie aufgeschlossen hatte.

»Träum schön, Mann ohne Hose!«, meinte der andere nicht minder spöttisch und half abermals mit einem unsanften Stoß in den Rücken nach, damit Ruprecht endlich die dunkle Kammer betrat.

Beide lachten auf, warfen Ruprechts Schuhe und Buxe durch die offene Tür hinterher und verschlossen die Kellerzelle. Alsdann begaben sie sich zur Treppe, um nach oben zu gehen, gaben aber vorher den Schlüssel einem halbgeharnischten Mann, der auf dem Kellergang auf und ab spazieren ging – offensichtlich die Nachtwache, stellte Hannes, wenn auch nicht fröhlich, dennoch aber mit einer gewissen Zufriedenheit fest. Jedenfalls wusste er jetzt, hinter welcher Tür sich sein Jugendfreund befand, und, was noch wichtiger war, er wusste, bei wem er den Schlüssel zu dieser Tür holen konnte.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Allerdings, nahm der Tischlergeselle zu Recht an, um mit so einem Überraschungsangriff auf den Wachmann Erfolg zu haben, durfte sich kein Mensch mehr im Kellergewölbe befinden außer ihm und dem Schutzgardisten, dem er in den Rücken zu fallen beabsichtigte, um an den Schlüsselbund an seinem Gürtel zu kommen. Das war aber noch nicht der Fall. Obwohl sich mittlerweile schon alles weitgehend beruhigt hatte, die letzten Büttel, darunter auch der Gerichtsschreiber Marten mit seinem Klapptischlein, waren bereits vor fünf Minuten die Treppe nach oben gegangen, war Hannes sich ziemlich sicher, dass noch jemand in der Folterkammer zugegen war. Er hatte nämlich einige verdächtige Geräusche gehört und er konnte sich nicht daran erinnern, die Äbtissin den Raum verlassen gesehen zu haben.

Der Wachmann war auf seinem Kontrollgang gerade hinter der Ecke am anderen Ende des Korridors verschwunden und die Tür in die Folterkammer stand offen, und zwar war sie nicht etwa sperrangelbreit geöffnet, sondern nur so weit, dass der Türflügel mitten im Gang hing und eine gute Deckung vor unerwünschten Blicken bot, und eine Möglichkeit, um heimlich durch den Spalt, der sich in der rückseitig entstandenen Ecke zwischen der Wand und dem Flügel gebildet hatte, in den Raum hineinzusehen. Die Gelegenheit war günstig. Hannes flitzte auf Zehenspitzen zur Tür.

Schwester Barbara, eine junge Kanonisse mit schönem, fast noch kindlichem Gesicht und einer Stupsnase, lehnte mit ihrem Becken gegen die Kante des Richtertisches und stützte sich leicht zurückgelehnt mit beiden Händen auf die Tischplatte hinter ihrem Rücken ab. Der untere Saum ihres Habits war leicht hochgerafft, man konnte erahnen, dass ihre Beine unter dem Stoff gespreizt waren. Dicht vor ihr stand, geräuschvoll durch die Nase atmend, die Klostervorsteherin, und sah das, hätte man schon fast sagen können, Mädchen mit einem strengen, erzieherischen Blick an. Sie hielt ihre Hand dominant unter die Tracht der jungen Nonne.

»Mutter … Mutter Kunigundt«, flüsterte die Kanonisse unentwegt und biss sich beschämt auf die Unterlippe, während sie ihren Blick nach oben zu Gott richtete. »Lasst mich doch bitte in Frieden in meine Zelle zurückkehren, auf dass ich ruhig schlafen kann.«

Doch Mutter Oberin ließ von ihr nicht ab. Das hilflose Geflüster der Kanonisse schien sie umso mehr zu erregen, je herzergreifender Schwester Barbara sie anflehte. Hannes merkte, dass sich der Ellbogen der Vorsteherin unter dem Gewand der Nonne immer schneller und rhythmischer bewegte.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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