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Des Teufels Steg: Seite 173
Hannes erschrak, als er begriff, was sein »Meister« vorhatte. Als ob es nicht schon genug gewesen wäre, die unschuldige Frau körperlicher Folter auszusetzen, wollte er nunmehr auch seelische Qualen ins Spiel bringen, sowohl für Gretlin als auch für Ruprecht, der sich die Schändung des entblößten Körpers seiner Frau vor den Augen der lüsternen Zuschauer, deren Blicke sie an jeder Hautfalte kitzelten, mit ansehen musste. Der Mönch war kein Mensch, schlussfolgerte Hannes, und schon gar nicht Inquisitor der heiligen katholischen Kirche, der dazu berufen war, verirrte Seelen zurück zu Gott zu führen. Es war ein Ungetüm, der vierte, den Tod bringende Reiter der Apokalypse, fiel dem Tischler ein biblischer Vergleich ein. »Die Büttel mögen nun den Ehemann der Angeklagten hereinbringen«, fügte Vater Nicklas hinzu und Hannes schloss seine Lider, während zwei Gerichtsdiener zur Tür gingen, – aus Angst, Ruprecht gleich mit dem Blick zu begegnen, denn in den Augen seines Freundes versprach sich der Tischlergeselle, nichts außer Hass und Ekel finden zu können.
Der angehende Theologe saß in einer dunklen Ecke des Kellergangs und beobachtete unauffällig das Geschehen. Aus seinem Versteck konnte er die Tür zum Folterraum sehen. Was sich während der Befragung im Einzelnen abgespielt hatte, wusste Hannes nicht, denn er war der Sitzung durch den Untersuchungsrichter verwiesen worden und die ganze Zeit außerhalb der Folterkammer verbracht, doch nunmehr schien sie endgültig vorbei zu sein. Vor ein paar Minuten waren schon die Kardinäle nach oben gegangen, begleitet von dem verhassten Richter, der zu den beiden etwas Ähnliches gesagt hatte wie: »Eure Eminenzen, es hätte doch kaum besser werden können, nicht wahr? Wir haben jetzt eine weitere Hexe und können sie und ihren Mann morgen befragen.« Auf die Idee, sich bei der Ausführung der ihm aufgetragenen Territion äußerst dumm und ungeschickt anzustellen, war Hannes ganz unerwartet gekommen, sogar für sich selbst. Die Methode war ziemlich einfach, dafür aber sehr effizient. »Ich glaube, ich habe mit dir nur Zeit verschwendet, du Trottel!«, schrie ihn Vater Nicklas erbost an, als der Tischler den Daumenstock als Brustzwinge bezeichnete, nachdem er den Untersuchungsrichter zuvor schon mit unzutreffenden Definitionen geärgert und provoziert hatte. »Verlasse diesen Raum und komme mir heute nicht unter die Augen. Ich werde mit dir morgen ein ernstes Gespräch führen!« Und mehr wollte der Tischler momentan auch nicht erreichen. Das war ganz in seinem Sinne, genau das bezweckte Hannes. Nach jenem Augenblick hatte der junge Adept keine Kenntnis mehr über die Geschehnisse während der peinlichen Befragung, aber nach den furchterregenden Schmerzschreien von Gretlin zu urteilen, überlegte Hannes, die er durch den Korridor hatte hallen hören, weil die Tür zu der Folterkammer immer geöffnet geblieben war, musste es ziemlich hart gewesen sein, was dieser Mönch mit Ruprecht und seiner Frau veranstaltet hatte. Die Bestätigung für seine Vermutung ließ nicht lange auf sich warten, vielmehr kam sie unverzüglich.
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Zwei Wachmänner kamen leicht gebückt rückwärts durch die Tür der Folterkammer und zogen Gretlins, wie es schien, bewusstlosen Körper an den Armen auf den Gang heraus, um das Opfer vermutlich in den Kerker zu bringen. Sie gingen mit dem geschundenen Leib der jungen Frau nicht besonders zimperlich um. Gretlin war nach wie vor splitterfasernackt und die Männer schleiften sie mit der bloßen Haut über die raue Oberfläche des steinernen Fußbodens den Flur entlang, was tiefe Schürfwunden an ihren Gliedmaßen hinterlassen musste, aber es kümmerte die beiden Schutzgardisten recht wenig. Der volle Busen von Gretlin wogte hin und her im Takt der Schritte der Männer und auf der rechten Brust glaubte Hannes im schwachen Licht der Leuchtfackeln Blutergüsse zu sehen. Außerdem zog sich hinter Ruprechts Ehefrau eine blutige Spur über den Boden, die vermeintliche Delinquentin schien stark im Schritt zu bluten, und es war offenkundig keine Regelblutung. Den Wachmännern folgte eine der beiden Kanonissen mit den Kleidern der jungen Frau in der Hand, die sie ihr vermutlich im Verlies wieder anziehen wollte. Hannes wurde es unwohl zumute. Ein Übelkeitsgefühl überkam ihn, um nicht zu sagen, er verspürte einen akuten Brechreiz bei der Vorstellung, wie das kalte Eisen der Spreizbirne in die Scheide von Ruprechts Gattin eindrang, durch das Hantieren des Folterknechts an der Schraube aufging und alles in ihrem Inneren zerstörte, was fürs Kindergebären bestimmt war. Der Tischler schloss nicht aus, dass Ruprecht und Gretlin für immer kinderlos blieben. Womit haben sie es verdient, fragte er sich? Er selbst war ja mit dem anderen Geschlecht recht unerfahren und hatte auch noch nie, über was er sich manchmal selbst wunderte, ein großes Verlangen nach Ehefrau, Familie und Kindern gehabt, obwohl er durch kein Gelübde gebunden war. Ihm war einfach nicht danach. Vielleicht, fragte Hannes sich neuerdings, nachdem ihn Irmel in Bezug auf seine Herkunft aufgeklärt hatte, lag es genau daran, dass er zur Hälfte ein Wilder Mann war? Und wenn es ihm passiert wäre, dass er nach einer peinlichen Befragung keine Kinder mehr zeugen konnte – Hannes hatte keine Bedenken, dass der Mönch auch zur Verstümmelung bestimmter männlicher Körperteile für die Brustkralle durchaus eine Verwendungsmöglichkeit gefunden hätte –, dann wäre das Ganze noch halb so schlimm gewesen, aber warum hatte es dieses Monstrum von einem angeblichen Mann der Kirche ausgerechnet Gretlin angetan, die mit seinem Freund in den heiligen Stand der Ehe getreten war, in der nun voraussichtlich keine Kinder mehr zu erwarten gewesen wären? Es machte ihn traurig, festigte aber in ihm gleichzeitig den Wunsch, Rache an Vater Nicklas zu üben.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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