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Des Teufels Steg: Seite 172
»Möge Gott, unser Heiland, der Seele der geständigen Hexe gnädig sein«, fügte der Kardinal hinzu, ehe er zur Urteilsbegründung überging: »Dem Willen unseres Herrn folgend, und die Dringlichkeit und äußerste Wichtigkeit der Angelegenheit vor Augen, haben wir, Kardinäle der heiligen katholischen Kirche, Gesandte Seiner Heiligkeit Papstes Alexander VI., Giulio und Ruggiero dem ehrenwerten Untersuchungsrichter der Heiligen Inquisition Bruder Nicklas die Entscheidungsmacht in dem Fall der Schneiderin Irmel aus dem Dorf zum Tale entzogen und wie verkündet geurteilt, um mit diesem Urteil ein Exempel zu statuieren, wie es jedem Ketzer und jeder Hexe ergehen wird, die gegen die Gesetze Gottes und der heiligen Kirche verstoßen. Dies ist der erste Fall der nachgewiesenen Hexerei in der Gegend, und wie es die Erfahrung lehrt, nicht der letzte, der mit aller Härte bestraft werden muss, um das Böse im Keim zu ersticken und die Verbreitung von teuflischen Lehren zu unterbinden. Jeder im Dorfe muss die Folgen des ketzerischen Handelns mit eigenen Augen sehen und das verbrannte Fleisch einer Hexe mit eigener Nase riechen, damit er den Versuchungen des Satans widerstehen kann und sein Weib vom Erlernen der dämonischen Künste abhält. Die Bestrafung der Hexe muss an dem Ort vollzogen werden, an dem sie straffällig geworden ist. Die Verurteilte ist unverzüglich in den Kerker zu überstellen, wo sie bis zum Tage ihrer Einäscherung verbleibt. Es möge der Wille Gottes geschehen! In nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti. Den weiteren Vorsitz in dieser Verhandlung hat der ehrenwerte Untersuchungsrichter Bruder Nicklas.« Es hatte sich doch alles gar nicht so schlecht einrichten lassen, überlegte der Franziskanerbruder, während Irmel von den Wachmännern der Garde weggebracht wurde. Er stand auf, um das Wort als Vorsitzender zu ergreifen, und wartete darauf, dass die Verurteilte endlich durch die Tür abgeführt wurde. Die Schneiderin sah im Vorbeigehen noch flüchtig zu Hannes auf und lächelte ihn an mit seligem Gesichtsausdruck, doch konnte ihm nicht wie beabsichtigt in die Augen blicken, denn der junge Mann stand nach wie vor teilnahmslos an der Wand und schaute sich zutiefst beschämt die Spitzen seiner Schuhe an. Er konnte der alten Frau nicht in die Augen sehen. »Nun«, sagte der neue alte Vorsitzende, sobald die klirrenden Geräusche der eisernen Fesseln auf dem Kellergang verklungen waren, »liegt dem Inquisitionsgericht, wie von Seiner ehrenwerten Eminenz, Bruder Ruggiero, richtig vorausgesagt, ein weiterer Fall des Verdachtes auf Hexerei vor, in dem die Delinquentin, Gretlin aus dem Dorf zum Tale, wegen der Widersprüchlichkeit ihrer Angaben unverzüglich den peinlichen Fragen ausgesetzt werden muss, um die volle Wahrheit über ihre Rolle bei der Verleitung von Jungfrauen zu unzüchtigen Handlungen mit dämonischen Kräften herauszufinden sowie die Namen der möglichen Komplizinnen bei den tadelwürdigen Taten aus ihrem Munde zu hören.« Die Worte schnitten Hannes ins Mark, sodass der Tischler sogar heftig zusammenzuckte und alarmiert in die Runde blickte. Er begriff, dass er gleich mit der verfluchten Territion dran war, zu der Vater Nicklas ihn aufs Gemeinste verpflichtet hatte. Auch die Äbtissin regte sich und flüsterte leise etwas den Kanonissen zu, die sich alsdann ins Halbdunkel der Vorratskammer zurückzogen, um ihre Anweisung auszuführen.
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»Habt Ihr, ehrenwerte Äbtissin, die Verdächtige für die Befragung vorbereitet?«, fragte sie der Inquisitor. »Ja, Euer Ehren«, antwortete die Vorsteherin des Klosters. »Die Beschuldigte ist entkleidet und an allen Körperstellen glattrasiert.« Man konnte fast schon visuell wahrnehmen, wie sich der Blick des Richters bei ihren Worten erhellte. »Das ist sehr gut«, sagte er zufrieden. »Denn die Gefahr ist groß, dass eine Hexe irgendeinen abergläubischen Gegenstand, einen Anhänger als Symbol ihrer Verbindung mit dem Dämon bei sich hat, der ihr dabei hilft, die Befragung zu überstehen und nicht die Wahrheit zu sagen. Und so ein Amulett könnte sie sowohl in ihren Kleidern als auch in den Haaren ihres Körpers verstecken, gar die intimsten Stellen kommen dafür infrage, die man hier nicht nennen möchte. Habt Ihr, Äbtissin Kunigundt, diese geheimen Körperbereiche der Angeklagten untersucht?« »Ja, Euer Ehren«, bestätigte die Oberin und plötzlich sah Hannes in ihren Augen ebenfalls ein kurzes Aufleuchten, das dem des Franziskanermönchs sehr nahekam. »Die Beschuldigte hat nichts bei sich.« »Nun, lasst die Angeklagte vor den Richtertisch treten!«, verfügte der Vorsitzende. Hannes war es gar nicht bewusst gewesen, dass sich Ruprechts Frau in dem Nebenraum unter der Obhut der Äbtissin aufhielt, bis zu dem Augenblick, als die Kanonissen Gretlin, ihr von beiden Seiten unter die Arme greifend, durch die Tür aus der Vorratskammer herausführten und mit ihr vor dem Richtertisch stehen blieben. Gretlin wirkte geistig abwesend und sehr schwach, sie konnte kaum auf den Beinen stehen. Die Frau schwankte von einer Seite zur anderen und wäre möglicherweise ohne die Hilfe der Kanonissen schon längst umgefallen. Sie war völlig nackt, zitterte am ganzen Körper und allem Anschein nach realisierte Gretlin nicht ganz, wo sie war und was man von ihr wollte. »Mein Kind«, wandte sich der Untersuchungsrichter an Ruprechts Ehefrau, während er ihren entblößten Leib mit den Augen eingehend musterte, »wir werden dir heute dabei helfen, uns die ganze Wahrheit zu sagen, über dich und über das Hexentreiben im Dorf. Die Heilige Inquisition verhilft dir wieder auf den rechten Weg, wenn du ehrlich zu uns bist. Und das musst du sein, mein Kind, denn so will es Gott, unser Vater im Himmel. Um es dir leichter zu machen, deine unrühmlichen Taten zu gestehen und auf Weiber zu zeigen, die dich dazu verleitet haben, wird auch dein angetrauter Mann Ruprecht bei der Befragung zugegen sein, der deine Angaben bestätigen oder korrigieren wird, solltest du etwas vergessen und nicht erwähnt haben.«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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