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Des Teufels Steg: Seite 17

»Aber mein liebes Kind …« Ursel wollte zunächst ihre Tochter über die Unsinnigkeit ihrer Annahme aufklären, dass man nach Eintreten gewisser Umstände gleich heiraten und Kinder in die Welt setzen musste, entschied sich aber anders, nachdem sie Cecilia angesehen und das Gefühl bekommen hatte, dass dem Mädchen noch etwas auf der Seele lastete. Sie fragte geradewegs: »Hast du dich schon in jemanden verguckt?«

»Na ja … ich weiß nicht recht«, antwortete Cecilia ausweichend.

Sie hatte also richtig geraten, was ihre Tochter bedrückte, überlegte Ursel. Offenbar beschäftigte sich das Kind schon länger mit diesen Gedanken. Vielleicht hatte sie bereits konkrete Pläne, wie sie ihr weiteres Leben gestalten wollte, von denen Ursel nichts mitbekommen hatte? Sie erkundigte sich vorsichtig: »Und wer ist er?«

»Mutter!« Cecilia fühlte sich peinlich berührt.

»Gut. Wenn du es mir nicht sagen willst …«, zeigte sich Ursel einsichtig. Sie hätte es überaus gerne erfahren, aber ihr Mädchen war schon erwachsen genug, um ihre Entschlüsse selbst zu fassen – es war ihr Leben und es war ihre Entscheidung! Außerdem hätte Ursel auch nicht viel an der Wahl ihres Kindes ändern können, ihre Tage waren gezählt und das Mädchen musste sich irgendwie allein zu behaupten wissen. Ursel fand es sogar lieb von ihrer Tochter, dass sie sie nicht mit ihren Problemen belasten wollte, obwohl Ursel sich natürlich Sorgen machte.

»Dieser …«, sagte Cecilia unerwartet nach einer Weile, »dieser Hannes gefällt mir schon ganz gut. Der Tischlergeselle.«

Ursel verschlug es die Sprache. Ja, sie wusste, wer Hannes war, sie hatte noch seine Mutter gekannt, die bis kurz vor ihrem Tod dem geheimen Zirkel der Kräuterpflückerinnen angehört hatte. Aber ihr Sohn hatte einen ganz anderen Weg eingeschlagen.

Cecilia sprach indessen weiter: »Ich könnte mir vorstellen, ihn zum Mann zu nehmen. Er ist groß, kräftig und sieht gut aus. Ich könnte von ihm gesunde Kinder kriegen.«

»Aber Cecilia …«, wisperte Ursel kaum hörbar von ihrem Bett, nachdem sie ihre Fassungslosigkeit überwunden hatte, »der Junge ist nicht unsereiner, er erzählt im Dorf nur Übles über unser Volk und will uns alle zu Christen machen.«

»Ich könnte mich ja …« Cecilia wollte ihrer Mutter gerade ihre Idee mit dem Glaubenswechsel anvertrauen, besann sich aber noch rechtzeitig und sagte stattdessen: »Ich werde nicht heiraten und ich werde dich nicht verlassen. Dabei bleibt es!«

Ursel lag bewegungslos im Bett, sah auf die Decke und dachte nach. Mit jedem weiteren Wimpernschlag kam sie immer näher zu dem Bewusstsein, dass sie Cecilia noch über ein paar Dinge aufklären musste, die ihre Glaubensgemeinschaft, ihre Sitten, ihre Bräuche und vor allem die Frage ihres Fortbestehens betrafen. Die Zeit war gekommen, entschied sie.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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»Mit diesem Hannes wirst du kaum Kinder bekommen, auch wenn ihr heiratet«

»Wieso nicht?«, fragte Cecilia ungläubig.

»In unserer Sippe sind nur Mädchen fruchtbar«, sagte ihr Ursel endlich die Wahrheit.

»Aber Hannes ist doch ein Christ! Und …«, wollte Cecilia noch etwas hinzufügen, kam aber nicht mehr zu Wort.

»Die Mutter von ihm hatte zu uns gehört, bevor sie zu den Christen ging«, offenbarte sie ihrer Tochter ein weiteres Geheimnis.

Cecilia sah sie mit großen Augen an. »Willst du damit sagen, dass alle Männer …«

»Ja«, bestätigte Ursel, »unsere Männer, die Jungen, die wir zur Welt bringen, können keine Kinder zeugen.«

Das war vielleicht das Unglaublichste, was Cecilia je gehört hatte. Sie versuchte angespannt, sich daran zu erinnern, wie viele Familien von ihrer Sippe im Dorf lebten, die Kinder hatten. Es waren einige! Und nun behauptete ihre Mutter, die Familienväter wären alle unfruchtbar? Woher stammte dann ihr Nachwuchs? Diese Überlegungen brachten sie zwangsweise zu der Frage, die sie sich und ihrer Mutter schon mehrmals gestellt hatte: Von wem stammte sie selbst ab? Wer war ihr Vater? Denn soweit sie sich erinnern konnte, hatte es noch nie Männer in ihrem Haus gegeben. Und im Übrigen, dachte sie noch einen Schritt weiter, wie kam es, dass sie nur ihre Großmutter kannte und noch nie etwas von einem Großvater gehört hatte? Wer war eigentlich der Vater von ihrer Mutter? Sie hatte immer entweder das Gesprächsthema gewechselt, wenn Cecilia sie danach gefragt hatte, oder verschleiernde Antworten gegeben wie die, dass es vor langer Zeit einen großen und sagenhaft schönen Mann in ihrem Leben gab, den Vater von Cecilia, der eines Tages in den Wald ging und nie wiederkam. Das konnte alles nicht der Wahrheit entsprechen.

»Wer ist dann mein Vater? Etwa ein Christ?«

Ursel seufzte. »Nein, mit den Christen soll sich keine von uns vereinigen, unser Blut muss rein bleiben.«

»Wer dann?«, bestand Cecilia diesmal auf einer ehrlichen Antwort.

»Ich habe dich nicht angelogen, als ich sagte, dass dein Vater im Wald verschwunden ist. Es war sein Zuhause.«

Cecilias Augen öffneten sich vor Staunen noch weiter als zuvor, während Ursel weitersprach.

»Es war ein Wilder Mann, von dem ich dich empfangen habe.«

»Was sagst du da, Mutter?« Cecilia stand wie vom Blitz getroffen vor dem Bett.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

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Aufrufe: 7.854
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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