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Des Teufels Steg: Seite 167

Vater Nicklas fragte sich schon den ganzen Vormittag, wo sich denn Tischler Hannes herumtrieb, dass er bis jetzt noch nicht im Kloster aufgetaucht war? Seine Dienste hätten bei der Einrichtung der Folterkammer von Nutzen sein können. Der Inquisitor sah ein, dass er gestern beim Verlassen des Kerkers dem Jungen keine Anweisungen diesbezüglich gegeben hatte, aber der Bengel hätte es sich auch denken können, klug genug war er ja, um die Unabdingbarkeit seiner Anwesenheit bei so einem riesigen Hexenprozess begreifen zu können, wie dieser hier zu werden schien. Und hatte der Tischlergeselle nicht gestern gesagt, er werde mit seinen Freunden nachts wieder auf Hexenjagt gehen? Dann hätte er schon längst hier sein müssen, um seinem Meister Bericht über seine Erfolge zu erstatten. Und nicht zuletzt: Der Junge sollte heute praxisnah lernen, wie man eine peinliche Befragung durchführte, und dem Meister bei der Anwendung der Folter zur Hand gehen.

Der Untersuchungsrichter zog bereits ernsthaft in Erwägung, ein paar Männer ins Dorf zum Tischler zu schicken, damit diese ihm den Weg ins Kloster zeigten, und drehte sich schon um, nach dem kommandierenden Wachmann mit dem Blick suchend, um einen entsprechenden Befehl zu erteilen, als er plötzlich seinen Lehrling erblickte, der anscheinend schon länger in der Tür stand und den Aufbau der Folterkammer mit Entsetzen in den Augen verfolgte.

»Grüße dich Gott«, sagte der Meister frostig zu ihm. »Du lässt dir aber Zeit, mein Junge.«

»Was geht hier vor, Euer Ehren?«, reagierte Hannes schüchtern mit einer Frage.

»Das sind Folterwerkzeuge für eine peinliche Befragung, mein Sohn.« Vater Nicklas’ Stimme klang nach wie vor eisig. »Und du hast meine Frage nicht beantwortet!«

»Ich … ich habe verschlafen, Meister«, stammelte Hannes sich rechtfertigend, aber es war die Wahrheit.

Nach den niederschmetternden Ereignissen des gestrigen Tages hatte der Tischlergeselle die ganze Nacht wie ein Stein geschlafen, sogar noch weit in den Morgen hinein. Erst am späten Vormittag, als jemand an der Haustür geklopft hatte, war er durch das laute Geräusch wach geworden und schlaftrunken zur Tür gegangen, um sie aufzusperren. Jobst stand mit vor Schreck aufgerissenen Augen vor ihm und berichtete, Ruprecht sei in der Früh von der Schutzgarde abgeführt worden.

»Bist du noch bei Trost?«, fragte ihn Hannes aufgeregt. »Warum?«

»Das weiß ich nicht, Hannes. Man munkelt im Dorf, sie haben zuerst die Hütte von den Wilden Frauen …« Jobst konnte sich nicht an die Namen erinnern.

»Cecilia und ihre Mutter Ursel?«, half ihm der Tischler auf die Sprünge.

»Ja, das Haus von Cecilia und ihrer Mutter auf den Kopf gestellt, aber keinen gefunden. Und dann sind sie geradewegs zum Haus von Ruprecht und Gretlin marschiert und ihn mitgenommen.«

»Was munkelt man denn sonst noch?«, wollte Hannes wissen.

»Nichts. Weißt du, Hannes … Ich habe mich den ganzen Morgen auf dem Heuboden bei meinem Herrn versteckt. Ich habe eine furchtbare Angst, dass sie mich als Nächsten holen.«

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Das durfte doch alles nicht wahr sein, überlegte der Tischler derweil. Warum denn Ruprecht? »Das ist Schwachsinn«, beantwortete er sich selbst laut die Frage.

»Na, überleg doch selbst«, widersprach ihm Jobst. »Wir waren gestern zu dritt mit dir im Gericht und jetzt sitzt Gretlin im Kerker und Ruprecht wurde festgenommen. Von uns dreien bin nur ich noch übrig.«

»Genau das, dass sie verhaftet wurden, meine ich mit Schwachsinn«, korrigierte sich Hannes. »Ich muss sofort nach Wendhusen, die Sache klären … Und du … Du sollst dich wieder auf dem Heuboden verstecken.«

Der Adept der theologischen Redekünste hielt es für besser, wenn sein Freund den Schutzgardisten nicht unter die Augen kam. Wer wusste schon, was sein Meister vorhatte. Hannes nährte in zunehmendem Maße eine latente Abneigung ihm gegenüber. Jobst hätte ja auch recht haben können mit seiner Vermutung. Es war schon in höchstem Maße seltsam, dass nach Gretlin auch Ruprecht festgenommen wurde. Weswegen? Es war die Frage, die Hannes beschäftigte, als er das Kloster erreicht hatte. Allerdings, sobald der Tischler auch die Kammer gefunden hatte, in der Vater Nicklas sehr engagiert die Büttel befehligte und die aufgebauten Foltergeräte einer Prüfung unterzog, stellte er sich vielmehr die Frage: Wen genau sein Meister zu foltern gedachte? Denn die Bestimmung der Werkzeuge im Raum ließ sich ohnehin mit Leichtigkeit erraten, hier musste sein Mentor ihn nicht aufklären.

»Ich habe dich schon in der Früh mit dem Bericht über die erfolgreiche Hexenjagd erwartet«, sagte dieser in strengem Ton. »Noch eine Hexe wäre jetzt gerade richtig, denn die Geräte für das Verhör stehen endlich.«

»Meister … Euer Ehren, es hat geregnet, es waren keine Hexen unterwegs«, sagte Hannes unsicher. Er erwähnte nicht, dass er erst gar nicht das Haus verlassen hatte, um sie zu fangen.

»Macht nichts«, überhörte der Franziskanerbruder augenscheinlich die kleine Lüge. »Du hast heute noch einen ganzen Berg von Aufgaben zu erledigen, mein Sohn.«

Hannes blickte fragend auf ihn.

»Nun«, fing Vater Nicklas selbstgefällig mit dem Verkünden des heutigen Pensums für seinen Lehrling an. »Als Erstes müssen wir mit dir die Funktionsweise jedes einzelnen Folterwerkzeugs in diesem Raume durchgehen. Du wirst mir heute beim Verhöre Assistenz leisten.«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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