|
Des Teufels Steg: Seite 168
»Aber … Aber, Euer Ehren … Ihr habt doch gestern geurteilt das das Gericht bei Irmel von der peinlichen Befragung absieht«, entgegnete der Tischlergeselle. »Irmel?«, gab sich der Untersuchungsrichter verwundert. »Um die alte, geständige Hexe geht es hierbei gar nicht. Sie wird nicht befragt. Außerdem haben mir Ihre Eminenzen wegen äußerster Wichtigkeit des Aktes die Entscheidungsmacht in ihrem Falle entzogen. Ich urteile nicht mehr über ihr Schicksal. Ihre Eminenzen, die Kardinäle der heiligen katholischen Kirche, werden es nach reichlicher Beratung miteinander entscheiden und Ihr hohes Urteil sprechen.« Hannes rutschte das Herz in die Hose, er ahnte schon, welche Auswirkungen der Richterwechsel haben konnte. »Aber Ihre Eminenzen werden doch das Versprechen über den Lebenserhalt berücksichtigen?«, wollte er eine Bestätigung für die Gegenstandslosigkeit seiner Befürchtungen vom Richter hören. »Es liegt nicht mehr in unserer Hand, mein Junge«, antwortete der Inquisitor. »Aber … ich … wir … Ihr … habt es doch versprochen als Gegenleistung für das Geständnis der Schneiderin! Ich konnte es ja nicht selbst erfunden haben, als ich Irmel Eure Zusicherung überbrachte! Meister?« Der Lehrling stellte mittlerweile eindeutig zu viele Fragen, konstatierte Vater Nicklas, zu Dingen, die ihn nicht im Geringsten etwas angingen, in einem frechen Ton, als wäre ihm sein Prinzipal eine Antwort schuldig gewesen! Dem musste ein Ende gesetzt werden, ein für alle Mal! Aber jetzt gab es unglücklicherweise keine Zeit dafür, er musste es auf später verschieben, bedauerte der Franziskanerbruder. Er antwortete trocken: »Wir treiben keinen Kuhhandel – gib mir das Eine, dann gebe ich dir das Andere –, wir folgen den Gesetzen Gottes und der heiligen Kirche. Wie kannst du es wagen, die Entscheidungen der hohen Kardinäle Seiner Heiligkeit anzuzweifeln? Das ist Ketzerei, mein Sohn, und wüsste ich als Untersuchungsrichter der Heiligen Inquisition nicht um deine früheren Verdienste in unserer gemeinsamen Sache, säßest du jetzt auf der Anklagebank! Ich hoffe, dass ich mich klar genug ausgedrückt habe, und erwarte deinen absoluten Gehorsam. Nun folge mir und merke dir die Eigenschaften von jedem Folterwerkzeug, das ich dir zeige!«
(?)
Hannes fühlte sich innerlich zerstört. Etwas war in ihm gebrochen, gerissen mit einem Mal wie die Sehne eines überspannten Bogens. Er war tief enttäuscht – von seinem Mentor im Allgemeinen und von der Art im Einzelnen, wie er mit ihm umgegangen war, ja einfach gedemütigt hatte. Am Ende stand er, Hannes, nun doch, trotz all seiner Bemühungen, nicht in diese Lage zu geraten, als Lügner da. Das endgültige Urteil war zwar allem Anschein nach noch nicht gesprochen, aber etwas sagte dem Tischlergesellen, dass mit einem milden Strafmaß eher nicht zu rechnen war. Wie konnte er nach alldem noch Schneiderin Irmel in die Augen blicken? Er hatte sich auf seinen Meister verlassen und ihr etwas Wichtiges in seinem Namen versprochen, doch dieser hatte sein Wort gebrochen und nun war er, Hannes, der Vertragsbrecher, denn gestern hatte Vater Nicklas schlauer-, oder eher schon, wie sich inzwischen vermuten ließ, beabsichtigterweise den Lebenserhalt in seinem Spruch mit keinem Wort erwähnt, soweit sich der Tischler noch erinnern konnte. Hannes’ größter Wunsch im Augenblick war der, dem Richter für das niederträchtige Verhalten verachtungsvoll ins Gesicht zu spucken, doch er unterdrückte ihn, denn die »Anklagebank« aus dem Munde seines Mentors war, wie der Tischler gerechtfertigterweise annahm, keine leere Drohung. Er folgte durch die Umstände gezwungen seinem Meister. »Das«, begann der Richter die Unterweisung, als die beiden vor einem kleinen, niedrigen Tischlein mit einem Stuhl davor stehen geblieben waren und der Franziskaner das Abdecktuch entfernt hatte, »das ist die Daumenschraube, ein kleines, einfaches, aber sehr wirksames Instrument. Damit fängt man gewöhnlich an – immer schön vom Einfachen zum Komplexen, damit die Hexe langsam auf den Geschmack kommt und sich vor jedem weiteren Werkzeug noch mehr fürchtet und endlich gesteht.« Hannes sah auf dem Tisch eine Art Schraubstock, wie auch er ihn in seiner Werkstatt benutzte, um ein Stück Holz zum Bearbeiten zu befestigen, nur war dieser etwas kleiner und hatte auf der Innenseite der Backen noch zusätzlich scharfe eiserne Noppen. »Leg mal deinen Finger in die Zwinge rein, mein Sohn«, sagte der Inquisitor. »Keine Angst, ich tue dir nicht weh.« Der Tischler folgte der Anweisung. »So, und wenn ich nun …« Der Richter nahm die dazugehörige handliche Kurbel, die an einem Ende wie ein Schraubenschlüssel mit einer zur Mutter passenden Öffnung versehen war, und setzte sie an. »… die Schraube zuziehe, dann wird der Finger gequetscht, bis die Knochen brechen, wenn es sein muss!« Er drehte die Schraubenmutter langsam herunter. Der Tischler zog erschrocken den Finger heraus, sobald er einen zunehmenden Druck der verstellbaren Backen auf das Mittelgelenk fühlte. »Die Wirkung hast du ja gespürt, nicht wahr, mein Sohn?« Der Inquisitor schmunzelte zufrieden. »Nun, gehen wir weiter.« Er legte wieder das Tuch über den Tisch mit dem Daumenstock. Hannes sagte kein Wort. Er zog es vor zu schweigen. Was sein Meister erzählte, interessierte ihn nicht mehr. Der Tischlergeselle fühlte sich von dem Mönch, den er einst vergöttert hatte, verraten und wollte nichts mehr von ihm wissen. In Hannes’ Kopf reifte nach und nach der Entschluss, sich von seinem Lehrer lossagen zu wollen. Er musste nur noch das hier irgendwie überstehen und dann … Weiter war er bei seinen Überlegungen, wie er es anstellen sollte, noch nicht gekommen, doch der junge Mann konnte mit Bestimmtheit sagen, dass es die letzte Unterweisung von Vater Nicklas war, die er hörte. In ein paar Tagen, wenn das Ganze hier vorbei war, würde der Franziskaner zurück nach Quedlinburg gehen und er, Hannes, würde … Das wusste er auch noch nicht. Ihm würde schon etwas einfallen, beschloss der Tischlergeselle.
|
Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden
KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
Zahlen & Daten zum Werk
![]() Ihre Spende ist willkommen!Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank! Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||



