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Des Teufels Steg: Seite 166
»Nun, gibt es aber«, sprach dieser weiter, »im Umkreis eines mehrtägigen Rittes keinen ehrenwerten Richter, den man für den Urteilsspruch an meiner statt einsetzen könnte. Und so bitte ich Eure Eminenzen …« »Es war aber keine ehrenhafte Tat, Bruder Nicklas«, unterbrach ihn Kardinal Giulio. »Eminenz?« Der Inquisitor spielte den Ahnungslosen. »Es ist uns nicht erlaubt, das Hexenwerk mit tadelwürdigen Taten, wie eine Lüge es ist, zu bekämpfen«, las der Kardinal Vater Nicklas die Leviten. »An dessen statt, wäre ein peinliches Verhört durchzuführen gewesen, wie wir es mit Bruder Ruggiero auch mehrfach betonten, damit die Hexe ohne falsche Versprechen und Zusagen, nur durch die reine Wirkung der Folter die Wahrheit bekennt. Dennoch habt Ihr, Bruder Nicklas, Ungehorsam gegenüber den Gesandten Seiner Heiligkeit geübt und die heilige Kirche Jesu Christi durch Euer unehrenhaftes Handeln in Verruf gebracht.« Es brodelte in Vater Nicklas’ Innerem. Dass ihm dieser … dieser …! Der Mönch fand keine richtige Bezeichnung für den Kardinal, die seine Empörung in gebührendem Maße widerspiegelte. Dass dieser »Gesandte Seiner Heiligkeit« ihm noch Vorhaltungen machte, was tadelwürdig und was lobenswert war, zerging er in sich vor Wut überschlagenden Gedanken! »Bruder Heinrich«, sagte der Franziskaner endlich, als er sich beruhigt hatte, »schreibt aber, es liege im Ermessen des Richters, ob der angeklagten Hexe der Lebenserhalt versprochen werde, um ihr ein Geständnis zu entlocken, da sie sonst durch die Furcht vor dem Tode nicht die Wahrheit bekenne. Des Weiteren werden im Malleus Maleficarum drei Möglichkeiten benannt, wie der Untersuchungsrichter aus dem Dilemma herauskommt, sein Versprechen einerseits einhalten zu müssen und andererseits die Hexe einäschern zu wollen.« »Die Schriften von Henricus Institoris sind uns durchaus bekannt«, sagte Kardinal Giulio. »Sie gehen aber nicht immer mit den Ansichten Seiner Heiligkeit, des Papstes zu Rom, konform und mit der Meinung, die ich vertrete.« Vater Nicklas sah den Kardinal angriffslustig an. »Ich für meinen Teil«, entgegnete er, »habe mich für eine der beschriebenen Möglichkeiten entschieden und bitte Eure Eminenzen inständig, das Urteil im Falle der Schneiderin zu fällen und öffentlich zu verkünden. So kann der äußere Anstand gewahrt werden und keiner gerät in Verruf.« Der Kardinal wollte gerade etwas erwidern, als Bruder Ruggiero ihm sanft die Hand auf die Schulter legte, als hätte er ihn von unüberlegten Worten abhalten wollen, und mit beschwichtigender Stimme sprach: »Wir werden Euch, Bruder Nicklas, die Last des Richterspruchs von den Schultern nehmen. Ich werde das Urteil sprechen.« Bruder Giulio blickte verständnislos auf seinen Mitstreiter und, als ob er plötzlich die Antwort auf seine nicht ausgesprochene Frage in den Augen des Kollegen fand, sagte alsdann in veränderter Tonlage: »Kardinal Ruggiero meint, er wird nur das Urteil bezüglich der alten Hexe sprechen. Die Durchführung des peinlichen Verhörs liegt einzig und allein dem Untersuchungsrichter ob. Und wir hoffen inständig, dass dem Inquisitor dabei nicht zum zweiten Mal derselbe Fehler unterläuft.«
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Aus welchem Grunde dieser Giulio angenommen hatte, dass er, Vater Nicklas, den Vorsitz beim Verhöre an ihn zu übertragen vorgehabt hatte, blieb dem Inquisitor ein Rätsel, aber er dachte nicht weiter darüber nach, denn im Großen und Ganzen konnte er mit dem Gesprächsverlauf doch ganz zufrieden sein, überlegte der Mönch, während die Folterkammer allmählig Gestalt annahm. Er war fein aus der Sache heraus, wie er es auch zuvor im Stillen beabsichtigt hatte, und konnte von keinem der Lüge bezichtigt werden, nicht einmal von denen, die seine Lebenszusicherung der Hexe gegenüber gehört hatten. Schließlich konnte er nicht dessen beschuldigt werden, dass der neue Richter in diesem Verfahren andere Prioritäten setzte. Der Inquisitor hatte auch irgendwie einfach Glück gehabt, dass die Kardinäle seinem Vorhaben letztendlich zugestimmt hatten, denn anderenfalls, wenn Vater Nicklas das Todesurteil hätte sprechen müssen, hätte Hannes, sein Lehrling, den er sein Versprechen hatte überbringen lassen, vielleicht auch kein einziges Wort gesagt, aber sich dabei eine ganze Menge gedacht, und es hätte seine Autorität als Mentor und geistlicher Vater für immer begraben, oder zumindest schwerstens beschädigt. Der Franziskaner rieb sich schon genüsslich die Hände, als er an die bevorstehende Befragung dachte, und kontrollierte persönlich jedes Foltergerät auf Einsatzbereitschaft, ehe die Männer die aufgebauten Vorrichtungen und Werkzeuge mit Tüchern abdeckten. Allein schon das Hinsehen und die Vorstellung, was die verhüllten Konstruktionen, die sich unter dem Tuche verbargen, alles mit dem Körper anrichten konnten, sollten bei der Verdächtigen eine den Willen lähmende Furcht vor der Folter auslösen und ihre anfängliche Bereitschaft zum seelischen und körperlichen Widerstand unterdrücken, sodass man mit dem willenlosen entkleideten Fleisch auf der Folterbank allerhand anstellen konnte. Das reizte Vater Nicklas. Er sah oft in seinen sündigen Träumen einen entblößten weiblichen Körper, eine überaus wohlgeformte junge Frau, die er nicht kannte und deren Gesicht ihn im Traum gar nicht interessierte, seine Aufmerksamkeit galt in erster Linie ihren geschlechtlichen Teilen, die er bald zärtlich liebkoste, bald unsanft, ja beinahe schon schmerzhaft auf sie einwirkte und dabei eine tiefe animalische Befriedigung empfand. Und die Besitzerin des beim Anblick den Verstand raubenden Körpers ließ alles gehorsam über sich ergehen, mehr als das: Schien die Schmerzen, die ihren Genitalien zugefügt wurden, sichtlich zu genießen. Der Mönch wachte oft schweißgebadet in der Nacht auf und peitschte sich in seiner Klosterzelle vor Angesicht Gottes den Rücken blutig, um die hartnäckige Vision loszuwerden, denn es war ihm wohl bewusst, dass sein heimliches Begehr nach einem Weibe eine fleischliche Sünde in reinster Form war. Aber es half nichts. Die zwanghafte Fantasievorstellung kam immer öfter und sein triebhaftes Verlangen wurde immer größer, sodass der Franziskaner letztendlich nur seinen Traum, und zwar real, leben wollte und sich schon am helllichten Tage nach der Nacht sehnte. Und neuerdings konnte er in seiner Eigenschaft als Inquisitor endlich diesen Traum zum Teil verwirklichen.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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