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Des Teufels Steg: Seite 163

»Wir könnten ja das Licht ausmachen«, schlug Knöpfle vor. »Finde ich sogar gemütlicher und viel romantischer, so ›nackig‹ wie wir hier sitzen!«

Elke stimmte zu. »Mach aber vorsichtig. Wir sind im ersten Stock. Von unten kann man am offenen Fenster einen nackten Mann ganz gut erkennen.«

Der Legendensammler stand auf und ging zum Schalter, der sich neben der Küchentür befand. Er musste an Elke vorbei, die nun ihrerseits dem Schriftsteller mit ihrem vom Wein leicht benebelten Blick folgte und ihm beim Vorbeigehen einen liebevollen Klaps aufs Hinterteil verpasste.

»Du kommst aber auch nicht von schlechten Eltern!«, sagte sie.

Der Lichtschalter klackte und es wurde dunkel. Alsdann begab sich Knöpfle zum Fenster und zog langsam den rechten Vorhang beiseite, während er sich hinter dem linken versteckte und seinen Kopf nur so weit vorschob, um einen Blick nach draußen werfen zu können, ob dort nicht zufällig eines der »lästernden Weiber« sich in Beobachtungsposition brachte.

»Alles ist ruhig«, teilte er mit und öffnete den rechten Fensterflügel. »Es ist kein Mensch zu sehen, gell?« Frische Abendluft strömte in die Küche herein.

Richard kehrte zum Tisch zurück, machte seine Pfeife fertig, während Elke das Geschirr abräumte, und zündete sie an, als die Seilbahnangestellte sich wieder hinsetzte.

»Du heißt also Käßler mit Nachnamen, wie ich vorhin vernommen habe?«, fragte er sie.

»Ja, stimmt!«, sagte Elke, als sei ihr wieder etwas eingefallen. »Wir haben uns noch nicht mit vollen Namen vorgestellt. Ich bin Elke Käßler. Und wie heißt du?«

»Knöpfle. Richard Knöpfle.«

»›Knöpfle‹ hört sich sehr nach …«

»Nach Baden-Württemberg an«, vervollständigte der Märchenautor ihren Satz. »Da komme ich auch her.«

Sie hatte sich also nicht geirrt, überlegte Elke, der Mann stammte aus dem Westen, aus Süddeutschland, obwohl er keinen Dialekt sprach, nur dieses »Gell«, das bisweilen in seinen Sätzen durchblitzte, verriet einen Süddeutschen in ihm. Aber Elke vermutete, es wäre ihr möglicherweise gar nicht aufgefallen, wenn sein gesamtes Auftreten nicht so grundlegend von dem unterschieden hätte, das sie tagtäglich in ihrer direkten Umgebung erleben musste. Dort, wo sie herkam, waren die Menschen eher einfach gestrickt, ihr Wortschatz reichte oft nicht über die Grenzen des alltäglichen Sprachgebrauchs hinaus, dieser Richard jedoch konnte sehr umwunden reden und überhaupt … Sie wusste nicht genau, wie und aufgrund welcher Merkmale sie die Spreu vom Weizen trennte, aber einen Westdeutschen konnte sie schon aus fünfhundert Metern Entfernung erkennen, davon war Elke fest überzeugt.

»Lebst du in Stuttgart?«, wollte sie wissen.

»Nein. In Senkingen. Das Dorf liegt in der Schwäbischen Alb, die nächste größere Stadt ist Reutlingen.«

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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»Mmh«, nahm die Frau die Information zur Kenntnis, obwohl sie nur eine sehr entfernte Vorstellung davon hatte, wo die genannten Orte lagen. Es waren für sie fremde Welten. »Und was machst du im Harz? Urlaub?«

»Sozusagen«, gab Knöpfle ausweichend von sich und überlegte, ob er Elke seine wilde Geschichte jetzt oder später erzählen sollte. »Mehr oder weniger, aber eher eine Kreativreise, die sich mittlerweile zu einem Horrortrip entwickelt hat. Ursprünglich wollte ich nur Stoff für das nächste Buch sammeln, Mythen und Legenden aus der Gegend, um sie dann zu bearbeiten und eine Geschichte daraus zu machen.«

»Du schreibst Bücher?«, fragte Elke verwundert und begriff endlich, warum Richard manchmal so geschwollen sprach. Es war beruflich bedingt.

»Ja, aber um Bücher geht es inzwischen gar nicht! Und in diesem Zusammenhang gibt es etwas, was ich mit dir gerne besprechen möchte. Ob du mir bei einer Sache helfen könntest?«

Elke sah ihn fragend an.

»Weißt du noch, als ich dich gestern getroffen habe nach meinem Ausflug auf die Roßtrappe…?«

»Ja, natürlich.«

»Danach bin ich noch zum Hexentanzplatz mit der Seilbahn gefahren, um von dort nach Treseburg zu Fuß zu wandern. Und unterwegs bin ich auf etwas gestoßen, was mir bis jetzt das Blut in den Adern gefrieren lässt!«

Knöpfle berichtete der neuen Liebe sehr emotional von seinen Begegnungen im Wald: von den Neonazis, von der Motorradgang, von den Geiseln, die am Kreuze verbrannt werden sollten.

»Ja«, äußerte Elke ihr Bedauern, »ich lese auch dauernd in unserer Zeitung Berichte über Hexenverbrennungen oben im Wald, aber ich dachte immer, so schreibt man nämlich, dass sie nur Strohpuppen verbrennen!«

»Ich war dort!«, versetzte Richard. »Ich weiß, was ich gesehen und gehört habe! Du glaubst mir auch nicht, wie die Polizei gestern. Es sind Nazis!«

Elke versuchte ihren Liebhaber zu beschwichtigen: »Doch. Wieso nicht? Ich glaube dir. Ich weiß auch nicht, was mit unseren Leuten aus dem Osten los ist. Vor sechs Jahren haben sie protestiert, um ihr Leben besser zu machen, jetzt gehen sie bei jedem Anlass auf die Straße, um … Ich weiß gar nicht warum! Aber darunter gibt es viele, die in der Öffentlichkeit wieder den Arm ausstrecken. Und alle sind so aggressiv und gegen alles Westliche, als ob die Westdeutschen etwas dafürkönnen. Erst neulich habe ich mit einer alten Freundin aus meiner Heimat telefoniert, es ist furchtbar, ich werde sie nicht mehr anrufen. ›Du bist ja damals abgehauen! Du kannst ja gar nicht wissen, wie es uns geht. Du sitzt da in deinem Westen!‹, schreit sie mich die ganze Zeit an. Grausam! Dabei bin ich doch gar nicht im Westen!«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.971
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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