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Des Teufels Steg: Seite 159
»Ich denke, sie sitzen jetzt am Lagerfeuer in der Siedlung unter den Wilden Männern und lassen ihre Kleider trocken werden. Und dass du noch am Leben bist, verdankst du ihnen. So sei doch gnädig und hilf uns!« »Ja, aber was soll ich denn machen?« »Das sage ich dir, aber du musst mir zuhören! Solange Cecilia und Ursel bei den Wilden sind, sind sie sicher vor den Hexenjägern. Doch allzu lange wird ihre Gastfreundschaft nicht währen. Spätestens wenn einer von ihnen mit Cecilia die Ehe vollzogen hat, werden sie sie wegschicken. Das ist so, man kann es nicht ändern. Doch die beiden können nicht in unserer Welt bleiben, es ist viel zu gefährlich, nach allem, was du mir erzählt hast. Die Christen werden sie verbrennen! Aber das Mädchen schafft es mit Ursel nicht allein über die Brücke, schon gar nicht bis zu meinem Unterschlupf, wo wir uns alle vorübergehend verstecken können. Du könntest jetzt sicher auch allein zurück in deine Welt fliehen. Du müsstest nur im richtigen Augenblick auf die andere Seite gehen. Aber ich bitte dich inständig, Wilder Wolfgang: Lass meine Familie nicht zurück, nimm Ursel und Cecilia mit. Wir, die Zeitwandelnden, können andere Leute durch die Pforte führen, ob über die Brücke oder sonst wo. Wenn wir sie fest an der Hand halten und während des Übergangs nicht loslassen, wird ihr Leib ein Teil von unserem.« Wahrlich, die »alte Hexe« konnte wundersame Geschichten erzählen, fand Breitscheid. Ob das alles nicht ein dreifacher Schwachsinn war, fragte er sich von Bedenken geplagt. Und außerdem: Was war das noch mal mit dem Ehevollzug? Es machte Wolfgang plötzlich eifersüchtig! Doch eine Sache stimmte den Handelsreisenden dennoch fröhlich: Seine Vermutung, dass er keine Brücke brauchte, um zurück in seine vertraute Umgebung zu gelangen, schien richtig zu sein! Das Wunder konnte er in der Tat mit einem kühnen Sprung vollbringen! Er war versucht, es auf der Stelle auszuprobieren, aber sein Wort, das er dem blonden Mädchen gegeben hatte, hielt ihn davon ab. Es gab noch seltene Vögel wie ihn auf diesem Planeten, die sich von solchen unbedeutenden Kleinigkeiten aufhalten ließen. »Hast du einen konkreten Plan, wie das vonstattengehen soll?«, wollte der gestresste Zeitwandelnde wissen. »Was habe ich?« »Ob du dir schon was ausgedacht hast, wie wir es bewerkstelligen.«, korrigierte sich der Weinvertreter. »Ja, sicher«, bestätigte Cecilias Großmutter. »Ich denke, du schaffst es nicht ohne meine Hilfe. Du kannst jetzt nicht einfach aus der Hütte ins Freie gehen und Cecilia mit meiner kranken Tochter mitnehmen. Das werden die Wilden Männer nicht besonders gut finden. Sie werden dich umbringen. Man müsste ihnen zunächst alles erklären, damit sie dich nicht als ihren Feind sehen. Doch sie würden dich nicht verstehen, du sprichst nicht ihre Sprache. Ursel und Cecilia tun es auch nicht. Aber ich könnte mich mit ihnen verständigen! Doch dafür muss du mich zuerst in die Welt der Wilden Männer holen.«
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»Kennst du denn ihre Sprache?«, wunderte sich Wolfgang. »Ja, es ist die Sprache, die vor langer Zeit auch alle Frauen unseres wilden Volkes gesprochen haben.« »Gut, ich kenn mich da nicht aus, ich verlasse mich voll auf dich. Bist du sicher, dass ich nicht wieder mit so einem Knüppel eins übergezogen kriege?« »Ich hoffe, nicht«, gab Gerlinde eine ausweichende Antwort. Wolfgang stimmte ihrem Plan zu. Es gebe eh keinen anderen, meinte er zu der alten Frau. Der Plan sah vor, dass die beiden sich händchenhaltend in der Mitte aufstellten und darauf warteten, bis Breitscheid das Innere der Hütte sah. Dann waren Gerlindes Fähigkeiten gefragt: Sie musste nämlich sagen, was als Nächstes zu tun gewesen wäre, um durch die Pforte ins Mittelalter zu gelangen, solange das Bild sichtbar blieb. »Bist du schon bei Kräften, Wilder Wolfgang?«, fragte die Greisin den zeitreisenden Weinvertreter. »Ich denke, schon!«, antwortete dieser. Breitscheid fühlte sich in der Tat viel besser als noch vor Kurzem. Er stand auf, noch leicht wackelig auf den Beinen, und ging auf Gerlinde zu, die sich sofort mit beiden Händen an seinem Oberarm festklammerte, als sie sich in der Mitte getroffen hatten. Sie mussten nicht allzu lange warten. Schon bald verschwamm vor Wolfgangs Augen das Bild des Turminneren und an seine Stelle traten allmählig die gemauerten Wände der Hütte. Die Decke kam nach und nach gefährlich nahe von oben herunter, sodass Breitscheid sich ducken musste und den Kopf der alten Frau instinktiv nach unten drückte, damit sie sich nicht verletzte. »Wir sind in der Hütte«, sagte er zu ihr. »Was kannst du sehen?«, fragte Gerlinde aufgeregt. »Die Wände, die Decke, den Eingang mit einem Vorhang«, beschrieb der Vertreter die Umgebung. »Schnell nach draußen!«, schrie fast schon die alte Frau. »Wir müssen durch den Eingang!« Wolfgang packte die Greisin an den Schultern, zerrte den alten, abgemagerten Körper ohne große Anstrengung zu der Eingangsöffnung und beide schlüpften nach draußen, nachdem er den Vorhang beiseitegeschoben hatte. Sie waren im Freien. Das Tageslicht blendete Wolfgangs Augen nach der dunklen Umgebung der höhlenartigen Hütte.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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