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Des Teufels Steg: Seite 158
»Wilde Männer, sagst du?«, versuchte Wolfgang zu scherzen. »Dann kann ich dir gratulieren. Zwei davon kann ich gerade vor der Tür reden hören in ihrer seltsamen Sprache, wahrscheinlich unseretwegen. Wir sollten uns vielleicht lieber in Sicherheit bringen oder ein paar Steine in die Hand nehmen.« In diesem Augenblick wurde Wolfgang bewusst, dass er nicht mehr das Innere des steinernen Turms sah, sondern abermals die dunkle Höhle, oder was auch immer es sein mochte, in der er aufgewacht war. Zu seiner Verwunderung war Gerlinde aber nicht mit dem Zeit- und Ortswechsel verschwunden, wie es mit der Stimme von der unbekannten Frau mit dem Jungen draußen der Fall gewesen war, sondern nach wie vor an der gegenüberliegenden Wand saß und zu ihm sprach. »Wenn Wilde Männer dich bis jetzt nicht umgebracht haben, dann haben sie es auch nicht vor, und mir würden sie kein Haar krümmen, auch wenn sie mich sehen könnten!«, beruhigte sie ihn. »Aber antworte mir doch, guter Wolfgang«, blieb die Frau bei dem Thema mit ihren Familienangehörigen, »wie kam es, dass du Ursel und Cecilia …?« »Wilder Wolfgang«, unterbrach Breitscheid die Frau in nachdenklichem Ton, während er träumerisch vor sich hinsah, als hörte er Gerlinde gar nicht zu. Die alte Frau musterte ihn verwundert. »Du bist aber kein Wilder.« »Deine Enkeltochter nennt mich so, ich hab mich schon daran gewöhnt.« »Du kommst doch aus der Welt jenseits der Brücke, wo ich mich jetzt auch verstecke. Hier gibt es keine Wilden, sonst hättest du mich in diesem Turm nicht getroffen. Aber sag doch, Wilder Wolfgang, wie bist du überhaupt in unsere Welt gekommen und wieso hilfst du meinen Kindern? Woher weißt du von der Brücke?« »Ich weiß rein gar nichts von eurer Brücke!«, versetzte Breitscheid. »Es ist eine lange Geschichte! Ich war auf einmal in eurer Zeit, mehr weiß ich nicht. Aber ab und zu kann ich Bilder von meiner eigenen Welt sehen, Stimmen hören, als wäre ich noch immer dort, und nichts liegt mir mehr am Herzen, als wieder zurückzukehren! Und deine Enkeltochter habe ich einfach im Dorf getroffen, und geholfen habe ich ihr, weil sie mich gebeten und zurück zu der verflixten Brücke zu führen versprochen hat.« »Du hast eine seltene Gabe, Wilder Wolfgang«, fuhr Gerlinde fort. »Ich habe davon gehört, dass Menschen zwischen den Welten wandeln können, ohne über die Brücke zu gehen, aber noch nie in meinem langen Leben jemanden getroffen, der es …« »Auf diese Gabe würde ich gerne verzichten«, fiel ihr Wolfgang erneut ins Wort. »Willst du sie haben? Nimm sie dir! Du kannst es bestimmt, und wirst dafür noch obendrauf eine bessere Verwendung finden, du siehst aus wie eine Zauberin.« Mit dem Wort »Hexe« hielt sich Breitscheid zurück. »Das geht aber nicht«, entgegnete Gerlinde. »Die Gabe wurde dir in die Wiege gelegt, ein für alle Mal. Und wir sind keine Zauberinnen und keine Hexen! Wir beherrschen die Kräuterkunst, aber das ist keine Zauberei.«
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»Wenn du dich da bloß nicht irrst!«, ironisierte der Weinhändler. »Deine Enkelin hat mir vorhin einen merkwürdigen Trank gegeben … Was glaubst du, was das für ein Zauber war?« »Du hast von den Hexenpilzen gekostet?«, wunderte sich Gerlinde. »Keine Ahnung, gute Frau. Ich kann es dir nicht sagen.« »Ist auch nicht so wichtig«, meinte die Greisin mit scheinbar gleichgültiger Stimme. »Aber erkläre mir doch etwas anderes, Wilder Wolfgang: Was kannst du sehen, riechen und hören, wenn du in unserer Welt weilst? Wie lange dauert es, bis du wieder bei mir in diesem Turm bist?« »Weißt du, dabei nach der Uhr zu sehen, hatte ich bis jetzt noch kein Verlangen! Aber es geht schnell. Die Frau mit dem Kind vorhin vor der Tür, die du bestimmt auch gehört hast, konnte zwei, drei Sätze sagen, bevor sich die Umgebung änderte und ich sie nicht mehr hören konnte. Manchmal auch länger. Und derzeit kann ich in beiden Welten alles hören und alles sehen, alles anfassen. Jetzt sitze ich in irgendeinem Erdloch in deiner Zeit, die Wände sind gemauert und die Decke …« Wolfgang sah nach oben, um sich zu vergewissern. »obendrauf liegen irgendwelche Baumstämme. Und du bist jetzt auch in diesem Loch und sprichst mit mir, du verschwindest nicht zusammen mit dem Bild aus meiner Zeit.« »Das ist eine Hütte von Wilden Männern, in der du sitzt!«, klärte Gerlinde Wolfgang auf. »Sie sind also da. Das ist gut!« »Ja, traumhaft!«, bemerkte der Weinhändler spöttisch. »Ich kann sie sogar hören. Jedes Wort, aber ich kann keins verstehen.« »Das ist auch nicht nötig. Aber deine Gabe könnte uns allen nützlich sein, du könntest uns alle retten: mich, Ursel, Cecilia und dich selbst auch.« »Wie soll denn das gehen?«, fragte Breitscheid skeptisch. Gerlinde überlegte kurz und sprach zu ihm: »Vor langer, langer Zeit hat mir meine Mutter gesagt, als sie mir die Nebelbrücke in der Schlucht zeigte, dass Frauen aus unserer Familie nur über diese Pforte in die andere Welt gelangen können. Aber sie erzählte mir auch über Zeitwandelnde wie du, die überall eine Pforte finden.« »Gut«, meinte Wolfgang ungeduldig. »Und wie kann es uns alle retten? Außerdem: Wo sind überhaupt deine Angehörigen?«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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