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Des Teufels Steg: Seite 155

Richard konnte es noch nicht richtig fassen. »Du meinst, sie haben die Koffer ins Auto gebracht, sind eingestiegen und nach Hause gefahren? Einfach so?«

»Ja«, bestätigte Katja. »Sie haben nichts gesagt.«

»Hast du denn ihnen gesagt, dass die Polizei noch mit ihnen sprechen wollte, wegen Wolfgang Breitscheid?«

»Natürlich. Oder nein, doch nicht! Aber zwei Polizisten waren schon in der Früh da. Sie sind zu den Zimmermanns nach oben gegangen und haben dort etwas besprochen. Erst danach kam Herr Zimmermann nach unten und wollte auschecken.«

Das klang in Richards Ohren leicht beruhigend, wenigstens tat sich etwas bei der Polizei, zumindest in Sachen Wolfgang Breitscheid. Aber warum die beiden nach dieser Befragung Hals über Kopf das Hotel verlassen hatten, erschloss sich nicht seinem Verstand. Der Schriftsteller überlegte schon, ob nicht zufällig er selbst sich irgendwie mit den Zimmermanns verscherzt hatte und als Grund für ihre fluchtartige Abreise infrage kam. Aber ihm fiel beim besten Willen nichts ein, womit er das Pärchen derart hätte verärgert haben können, das den beiden schwerwiegend genug erschien, um den Urlaub, wie man so sagte, sausen zu lassen! Sie waren nicht die Ersten, die seine höhnisch-sarkastischen Sticheleien hatten ertragen müssen, und abgesehen davon, dass es schon immer, oder fast immer, mit anderen gutgegangen war, hatten Ingrid und Rüdiger keinerlei Anzeichen erkennen lassen, dass er ihnen damit überdurchschnittlich heftig auf den Geist gegangen war. Keineswegs! Ihre Ost-West-Auseinandersetzung mit Rüdiger? Aber bei dem Thema hatte sich Knöpfle ziemlich zurückgehalten und das, was er von der ostdeutschen Mentalität im Allgemeinen hielt, nur gedacht und nicht lautstark kundgetan, was er vielleicht der Fairness halber lieber hätte tun sollen, überlegte Richard. Jedenfalls konnte es nicht der Grund sein. Oder waren die ingenieurtechnischen Mitarbeiter möglicherweise nicht besonders darüber glücklich gewesen, dass man sie gestern im Bodetal allein hatte hängen lassen? Vielleicht. Aber um gleich alles hinzuwerfen … Nein, das konnte sich Richard kaum vorstellen. Er fand keine Antwort und um ehrlich zu sein, war es ihm inzwischen auch völlig wurscht, warum sie gefahren waren, ohne sich wenigstens zu verabschieden. Jetzt hatte er halt eine Sorge weniger, versuchte Knöpfle, das Vorkommnis positiv zu betrachten.

»Das ist ja eine Überraschung, eine unerwartete Wendung sozusagen, gell?«, sagte der Schriftsteller nachdenklich. »Ist sicher schade, aber … ich weiß nicht, was in sie gefahren ist.«

»Ja, sicher«, stimmte Katja ihm zu und änderte plötzlich das Gesprächsthema: »Möchten Sie zu Mittag essen, Herr Knöpfle?«

»Nein, meine Liebe, danke! Ich muss dringend anrufen! Kannst du mir vielleicht zehn Mark wechseln? Ich brauche ein bisschen Kleingeld fürs Münztelefon.«

»Warum rufen Sie nicht einfach von der Rezeption an? Unsere Gäste dürfen von dort telefonieren.«

(?)
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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Richard wollte vermeiden, dass jemand vom Hotel etwas von seinen Liebschaften und Rendezvous erfuhr und lehnte ab: »Ich weiß, Liebes. Aber es ist ein sehr konfidenzielles Gespräch, nicht für fremde Ohren! Daher: Danke, nein.«

»Ich habe hier paar Münzen.« Die Kellnerin griff in ihre Tasche. »Nehmen Sie! Können Sie mir später zurückgeben.«

»Okay, bekommst du mit dem Trinkgeld wieder.«

Knöpfle nahm dankend das Kleingeld aus ihrer Hand und ging nach draußen zur Telefonzelle. Diese Katja war ohne jeden Zweifel ein hübsches, süßes Ding zum Vernaschen, ließ der »verrückte Schriftsteller« abermals seine heimlichen Fantasien spielen! Warum blieb denn das Mädchen so unnachgiebig ihm gegenüber? Richard stellte sich unter anderem die Frage, was er eventuell falsch machte, um die Treseburger Schönheit aufs Zimmer zu bekommen. Hatte er es etwa verlernt? Augenscheinlich nicht, denn die vielerfahrenere Elke aus Thale hatte er doch, wie es schien, auf Anhieb herumgekriegt und konnte sich gut vorstellen, ja war sich fast sicher, dass er schon in der kommenden Nacht herausfinden würde, was sich unter der zugeknöpften Bluse verbarg! Der kurze Weg zur Telefonzelle erlaubte dem Schriftsteller nicht, seine Eroberungspläne im Detail auszuarbeiten, aber im Großen und Ganzen hatte er seine Strategie in Bezug auf die Verführung der Sesselliftbahnangestellten bereits festgelegt.

Den Freizeichen in der Hörmuschel zufolge klingelte es am anderen Ende der Leitung, als der Legendensammler die Nummer gewählt hatte, aber es ging keiner dran. Erfreulich war es nicht, nur so viel konnte Knöpfle sagen, denn all seine strategischen Überlegungen fingen mit einem Mal zu wackeln. Alles konnte selbstverständlich eine ganz einfache Erklärung haben: Die Frau konnte zum Beispiel einkaufen gegangen sein oder … keine Ahnung, fiel ihm kein weiterer Grund ein, sonst was zu tun haben, aber Richard sah sich nicht imstande, es zu überprüfen, auch wenn er jetzt nach Thale fuhr – ihre Adresse hatte ihm die gute Elke nicht verraten. Er versuchte es erneut, doch das Ergebnis seiner zweiten Bemühung unterschied sich nicht wesentlich vom ersten. Keiner hob den Hörer ab. Die logische Folge, die aus der misslungenen Anrufaktion resultierte, war simpel: Der Schriftsteller musste es einfach später noch einmal probieren! Doch Knöpfle überkam plötzlich, sogar unerwartet für ihn selbst und vielleicht eben aufgrund dessen, dass ihm die Möglichkeit bislang verwehrt geblieben war, ein enormes Verlangen, mit der Frau aus Thale zu sprechen. Warum, konnte er nicht erklären.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.971
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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