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Des Teufels Steg: Seite 154

Das Frühstück hatte Knöpfle heute ausgelassen. Zum einen war es ihm nicht nach Gesellschaft, die Zimmermanns musste er nicht schon am frühen Morgen sehen, und zum anderen überwältigten ihn die Erinnerungen an den gestrigen Tag, nachdem er seinen Notizblock geöffnet und ein paar Seiten gelesen hatte, dergestalt, dass er ein unüberwindbares Verlangen verspürte, seine Bemerkungen, vor allem aber seine Gedanken über die Ereignisse, die dazwischen stattgefunden hatten, niederzuschreiben, um sie nicht zu vergessen. Der Legendenautor kam nach und nach, aber mit der steigenden Zahl der beschriebenen Seiten immer schneller, zu der Erkenntnis, dass er nunmehr die Handlung in seiner Geschichte, die er gestern schon deutlich vor Augen gehabt hatte, angesichts der aktuellen Entwicklungen grundlegend ändern musste. Er wusste noch nicht wie, aber das rechtsradikale Gesindel auf der Lichtung war wie dafür geschaffen, den Quell des Bösen in seiner Legende zu spielen. Diese Nazis passten andererseits aber schlecht zum Genre einer Sage. Oder sollte er mal tatsächlich einen Roman schreiben? An dieses literarische Format hatte er sich bislang nicht herangetraut, aber irgendwann gab es doch immer das erste Mal.

Der Eindruck, dass der Schriftsteller nun so seelenruhig hin- und herüberlegte, welche Form er seinem neuen Werk geben wollte, täuschte. Es bedeutete keineswegs, dass er die Schweinereien vergessen hatte, die die »klinischen Idioten« auf der Lichtung – es war vielleicht die belangloseste Bezeichnung von allen, die Knöpfle für die Bande im Kopf bereithielt – mit den muslimischen Frauen anstellen wollten. Im Gegenteil: Seine Seele war bis aufs Äußerste aufgewühlt, sodass Knöpfle lieber alles unvermittelt hätte stehen und liegen lassen, um die armen Geschöpfe aus den klebrigen Fingern der Kahlschädel zu befreien. Die Frage war nur: Wo sollte er jetzt nach den Mädchen suchen? Die Polizei, auf deren Besuch er schon den ganzen Vormittag wartete, war bis jetzt auch noch nicht aufgetaucht. Inwiefern sie seiner Anzeige von gestern nachgingen, »bearbeiteten«, wie sich einer der Polizisten ausgedrückt hatte, wusste Richard nicht, aber mit einer schnellen Reaktion rechnete er nicht mehr. Vor etwa einer Stunde war er schon auf die Idee gekommen, seinen eigenen Suchtrupp zusammenzustellen, um die Gegend zu durchkämmen. Aber mit wem hätte er das machen sollen? Mit den Zimmermanns? »Ja …«, dachte Knöpfle skeptisch, »… die Zimmermanns.« Er musste sie noch wegen Breitscheid befragen, was sich gestern so alles abgespielt hatte. Obwohl … Er begriff bereits früh genug die Unsinnigkeit seines Vorhabens. Was hätten die beiden ihm berichten können, was er nicht ohnehin schon wusste? Der Weinhändler war spurlos verschwunden und bis jetzt nicht aufgetaucht – das war alles, was man hierzu wissen musste. Richard war vorhin schon die Treppe zu Wolfgangs Zimmer hochgegangen und an der Tür geklopft. Innen hatte sich nichts gerührt. Wo war der alte Knabe bloß abgeblieben?

Der Märchenautor blätterte weiter in seinem Block und kam bis zu der Seite, auf der er gestern die Nummer der Angestellten der Sesselliftbahn notiert hatte. Elke! Die Idee schien ihm genial wie einfach zu sein: Die Frau kam aus der Gegend und kannte sich hier aus, zumindest nahm Knöpfle an, dass Elke die Namen der Dörfer kannte, die Verbindungsstraßen zwischen ihnen und ihm hoffentlich zeigen konnte, wo es hier größere Waldungen gab, die von Touristen nicht so stark frequentiert wurden. Denn in so einem Wald war er gestern gewesen, dort befand sich die verhängnisvolle Lichtung.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Richard packte sein Schreibzeug wieder weg, reckte sich und stellte überrascht fest, als er nach der Uhr sah, dass es schon kurz vor zwölf mittags war. Knöpfle musste diese Frau anrufen, weil er es ihr zum einen auch fest versprochen hatte und zum anderen, weil sie, wie der Schriftsteller seine neue Bekanntschaft einschätzte, wahrscheinlich schon die ganze Zeit zu Hause sehnsüchtige Blicke auf das Telefon warf. Die Zeit eignete sich für den Anruf nach seiner Meinung perfekt – nicht zu früh, um jemanden ungewollt aus dem Bett zu klingeln, und nicht zu spät, um mit dieser Elke noch etwas für heute Abend ausmachen zu können und bei der Gelegenheit zu fragen, ob sie gewillt war, ihm bei der Suche behilflich zu sein. Die Telefonzelle, aus der Knöpfle das Gespräch zu führen gedachte, befand sich allerdings auf der Straße im Ort und der Schriftsteller kam nicht umhin, etwas für sein äußeres Erscheinungsbild zu tun, denn als unordentlicher Kerl wollte er sich keinen Ruf machen. Richard duschte, rasierte sich gründlich, kämmte sorgfältig sein krauses Haar und zog sich frische Sachen an, bevor es nach unten zum Empfang ging.

»Ich dachte schon, dass Sie auch abgereist sind, Herr Knöpfle«, begrüßte ihn Katja unten mit einem beinahe schon Vorwurf, statt ihm einen guten Morgen zu wünschen.

»Katja, mein Engelchen«, reagierte Knöpfle in seinem gewohnten Stil, allerdings leicht irritiert, »was redest du da?«

»Na, weil Sie gar nicht zum Frühstück kamen.«

»Hm … Das muss aber nicht heißen … Warum eigentlich auch? Wer ist denn sonst noch abgereist?«

»Frau und Herr Zimmermann haben sich vor einer halben Stunde verabschiedet«, antwortete die Kellnerin traurig. »Hoffentlich ist es nicht meine Schuld, dass sie ihren Urlaub abgebrochen haben.«

Die Nachricht traf Richard unerwartet wie ein Blitz aus heiterem Himmel. »Was?«, fragte er verständnislos.

»Ja. Sie waren auch nicht beim Frühstück. Und dann kam Herr Zimmermann herunter und fragte, wann die Chefin kommt. Er will auschecken, hat er gesagt. Und dann ist er wieder gegangen und kam später mit Frau Zimmermann und gepackten Koffern runter. Sie haben nur einen Kaffee getrunken, ausgecheckt und sind weggefahren.«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.971
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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