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Des Teufels Steg: Seite 152

Breitscheid sah sich um und es kam ihm vor, dass der Platz vor der fehlenden Brücke anders war als noch wenige Augenblicke zuvor. Es waren dieselben Felsen, die sich seinem Blick boten, aber er hatte den Eindruck, dass die Bäume beispielsweise viel weiter vom Weg entfernt waren, jedenfalls war der Platz um einiges geräumiger, als er ihn vorhin erlebt hatte, und er kam ihm nicht unbekannt vor. Plötzlich ging dem Weinvertreter ein Licht auf. Er wusste mit einem Mal, woher er den Platz kannte. Es war genau die Stelle vor der Brücke, wo Knöpfle und die Zimmermanns auf ihn gewartet hatten, als er gestern bei der Wanderung müde und erschöpft zurückgefallen war.

»Jetzt geht der Mist mit den wechselnden Schwarzweißbildern wieder los!«, war sein erster Gedanke. Sein zweiter war vielleicht weniger expressiv, dafür aber umso mehr von praktischem Nutzen. Wolfgang überlegte: Wenn er doch schon den Platz vor der Brücke aus seiner Zeit sah, musste er sich auch, vielleicht nur vorübergehen, aber dennoch in seiner Welt befinden. Und in seiner Welt war die Teufelsbrücke bereits gebaut und musste vorhanden sein, mit oder ohne Mondschein. Aber sie war nicht da. Möglicherweise, grübelte Breitscheid weiter nach, möglicherweise war es ja so, dass er die Brücke einfach nicht sehen konnte – die Gründe in diesem irren Reich zwischen den Zeiten konnten ganz unterschiedlich sein –, während sie noch nie richtig weg war?

Um eine Bestätigung für seine Theorie zu bekommen oder die eigene Behauptung zu widerlegen, bedurfte es nicht viel. Breitscheid machte einen Schritt zum Abgrund, sodass er genau auf der felsigen Kante stand, und streckte sein angewinkeltes Bein über der Schlucht aus, in der Hoffnung, dass sein Fuß gleich festen Untergrund in der Luft finden würde, wenn er ihn vorsichtig dort aufsetzte, wo er die im Zeiten- und Weltengewirr verlorene Brücke vermutete. Er versuchte es auf gut Glück und war erfolgreich! Sein Fuß ruhte auf einer harten Oberfläche, obwohl er äußerlich über der Klamm zu hängen schien. Breitscheid verlagerte etwas mehr Gewicht auf das Bein – das unsichtbare Hindernis hielt, der Weinvertreter stürzte nicht in die Tiefe. Dies ermutigte ihn zu einer weiteren riskanten Handlung: Er zog das zweite Bein nach!

Es war ein überaus seltsames Gefühl, in der Luft zu stehen und nicht in den Abgrund zu fallen, über dem man augenscheinlich haltlos schwebte. Doch der Handelsreisende hatte in der Tat etwas unter seinen Füßen, das ihn vor dem Sturz ins Bodenlose bewahrte – die Teufelsbrücke! Während Wolfgang fest mit beiden Beinen darauf stand, zeichnete sich die Konstruktion mit jedem Augenblick immer deutlicher in der Dämmerung ab. Der Steg entstand quasi aus dem Nichts vor seinen Augen. Er sah die Bretter auf der Gehfläche, das eiserne Geländer an den Seiten und den mysteriösen Bogen in der Mitte, und wenn es ein wenig heller gewesen wäre, wäre dem Blick des Weinvertreters nicht entgangen, dass das Bild jenseits des Bogens Farbe hatte. Der Augenblick war günstig: Alles, was er jetzt noch vollbringen musste, um in seine Welt zu gelangen, war ein kühner Sprint zum Tor, durch das er auf die andere Seite kommen und den ganzen Unsinn mit Hexen und Zaubertränken für immer hinter sich lassen konnte. Doch er tat es nicht.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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»Das kannst du jetzt nicht bringen, Junge«, sagte Breitscheid besinnlich zu sich selbst. »Du kannst die Frauen nicht einfach hängen lassen. Du hast versprochen, ihnen zu helfen.«

Er drehte sich um und ging von der Brücke hinunter, um Cecilia und ihre Mutter aus dem Versteck zu holen und mit ihnen gemeinsam die Schlucht zu überqueren. Wolfgang fiel kein vernünftiger Grund ein, warum sie hier noch bis zum Abend ausharren sollten, wo doch der Überweg allem Anschein nach die ganze Zeit vorhanden, wenngleich auch unsichtbar war. »Oder sollst du jetzt doch durch das Tor flitzen?«, wurde er erneut von dem Teil seines Bewusstseins, wo sich anscheinend alles Üble angesammelt hatte, um das Edle in ihm auf die Probe zu stellen, mit der Verlockung geplagt, alles hinzuwerfen und Hals über Kopf zu fliehen. Es veranlasste Breitscheid sogar, in der Bewegung innezuhalten und zum Steg zurückzuschauen. Er war erwartungsgemäß nicht an seiner Stelle, aber damit hatte Wolfgang gerechnet, schließlich musste man darauf stehen, um ihn zu sehen, doch etwas anderes machte ihn stutzig.

Auf einmal stellte er fest, dass der Pfad wieder um einiges schmaler geworden war und die Bäume dicht an seinem Rand wuchsen. Breitscheid war offenkundig wieder im Mittelalter gelandet, er begriff, dass die günstige Gelegenheit, den Fluss sofort überqueren zu können, vertan worden war. Eine Möglichkeit, um die Richtigkeit seiner Mutmaßung zu überprüfen, bekam er allerdings nicht mehr. Dort vor der Abbruchkante, an der er gerade noch seine Experimente im freien Luftschweben durchgeführt hatte, stand eine riesige Gestalt und versperrte ihm den Weg.

Der stattliche Mann, der etwas von einem Urmenschen aus dem Steinzeitalter an sich hatte, gut zwei Köpfe größer als Wolfgang, sah den Vertreter mit einem feindseligen Blick an, der nichts Schönes erwarten ließ, so viel konnte Breitscheid im dämmrigen Licht des frühen Morgens erkennen. Das zottige Haar auf seinem Kopf war langgewachsen, seinen Oberkörper bedeckte vermutlich ein Tierfell, denn Wolfgang konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass menschliche Haut so viel Haarwuchs aufweisen konnte, und an den Lenden trug die bedrohlich wirkende Gestalt einen Schurz oder eine Art Rock, auf jeden Fall konnte Breitscheid an dem Mann keine seinem Blick zugänglichen primären maskulinen Geschlechtsmerkmale entdecken. In seiner rechten Hand hielt er einen dicken Knüppel oder eine ähnlich aussehende Schlagwaffe, die seine Absichten mehr als unmissverständlich zum Ausdruck brachte.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.971
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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