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Des Teufels Steg: Seite 153
Zeitgleich erlebte auch Cecilia, die in der Felsennische bei Ursel saß, den Schreck ihres Lebens, als vor ihr lautlos und unerwartet wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein zweiter Mann in sich gleichendem Aufzug und von gleicher Statur auftauchte wie der Krieger, den Wolfgang zu Gesicht bekam. Die junge Frau fasste panisch mit der Hand nach ihrer Mutter, als hätte sie Ursel vor dem Eindringling beschützen wollen oder auch möglicherweise im Gegenteil, Schutz bei ihrer Mutter gesucht, und rüttelte kräftig an ihrer Schulter, während sie wie gebannt den großen Mann anstarrte. »Mutter, wach auf! Da ist jemand«, sagte sie. Ursel öffnete die Augen, zuckte im ersten Augenblick ebenfalls zusammen und hob instinktiv ihren Oberkörper an, als sie einen fremden Mann vor ihnen stehen sah, denn als Erstes dachte sie an die Schutzgarde der Inquisition, die sie eingeholt haben konnte. Doch im nächsten Moment erheiterte sich das Gesicht der Frau und sie lehnte sich entspannt zurück, als sie erkannte, wen sie vor sich hatte, zumal der furchteinflößende Hüne keine Anstalten machte, die darauf hätten hindeuten können, dass er die Frauen angreifen wollte. Stattdessen hockte sich die zottige, nach Schweiß und feuchter Erde riechende Gestalt vor den Frauen nieder und atmete kräftig durch seine Nase ein, als hätte der Mann die Düfte, die in der Luft lagen, einfangen wollen. »Wir sind auch Wilde Frauen«, meinte Ursel zu ihm. Allerdings verstand der Riese kein Wort davon, was sie sagte, und schnupperte unbeeindruckt weiter, ehe er, als ob er sich seiner Annahme ganz sicher sein wollte, die Frauen mit den Fingern abtastete. Cecilia stockte der Atem, als die Hand des Mannes ihren Körper berührte, und ein leiser Verdacht, wer diese seltsame Begegnung an der Brücke hätte sein können, ging ihr durch den Kopf. »Bist du der Wilde Mann?«, fragte sie geradewegs. Der Hüne stieß ein paar gurrende Laute aus, die mutmaßlich nichts mit Cecilias Frage zu tun hatten und allem Anschein nach auch gar nicht an sie gerichtet waren, aber das Mädchen wertete sie als ein Ja. Von dieser Entwicklung bekam Breitscheid nichts zu spüren und nichts zu hören, die kurze Unterhaltung ging im Lärm des brodelnden Wassers des Bodekessels unter. Der gefährlich wirkende Mann stand nach wie vor auf dem Weg und Wolfgang fühlte sich mit jeder weiteren Sekunde immer mehr in die Enge getrieben. Er suchte krampfhaft nach einem Ausweg aus der heiklen Situation, in die er unverhofft geraten war. Ihm fiel nichts Brauchbares ein. »Was willst du?«, rief schließlich der in Not geratene Weinvertreter dem hünenhaften Mann zu. Dieser schwieg zur Antwort, nur die Schlagkeule in seiner Hand bewegte sich bedrohlich von einer Seite zur anderen, als suche sein Kontrahent nach einer günstigen Gelegenheit für einen geschickten Angriff.
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Bei einer brachialen Auseinandersetzung mit seinem Gegner hätte er keine Chance gehabt, so viel war Breitscheid klar. Er musste sich bewaffnen, etwas Griffiges in die Hände kriegen, um im Falle einer Attacke, die aller Voraussicht nach unmittelbar bevorstand, nicht nur die Muskelkraft entgegensetzen zu können. Ein Stock, ein dickerer Ast wäre nicht schlecht gewesen, überlegte Wolfgang und schielte verstohlen nach geeigneten Gegenständen, fand aber nichts Passendes. Oder … Oder ein Stein, kam ihm endlich eine zündende Idee in den Sinn, als sein Blick auf ein handgerechtes abgebröckeltes Gesteinsstück neben dem Weg fiel! Breitscheid hob den Felsbrocken auf und hielt ihn in der Hand hoch, jeden Moment bereit, das Wurfgeschoss zu seiner Verteidigung einzusetzen. Der Hüne gurgelte ihm etwas in einer unbekannten Sprache entgegen. Wolfgang verstand zwar kein einziges Wort, aber seiner Meinung nach konnte es in der gegenwärtigen Situation nichts außer einer Drohung sein. »Denk nicht mal dran!«, schrie er zurück. »Ich werde keine Sekunde zö…« Den letzten Satz konnte Breitscheid nicht mehr zu Ende sprechen. In der Hitze des Wortgefechts hatte er nicht gemerkt, wie sich der dritte Wilde Mann an ihn lautlos von hinten herangeschlichen hatte, und bedauerlicherweise nicht rechtzeitig erkannt, dass der Hüne, der vor ihm stand, gar nicht zu ihm gesprochen, sondern mit dem Sippengenossen hinter seinem Rücken kommuniziert hatte. Von dem heftigen Schlag auf den Hinterkopf wurde Wolfgang schwarz vor Augen, er verlor das Bewusstsein und sackte übergangslos zu Boden. 10. Kapitel: RICHARDS NEUE LIEBEGegen Mittag hörte es auf zu regnen und die dann und wann durchs Fenster schräg ins Zimmer fallenden Sonnenstrahlen luden zu einer kleinen Pfeife im Freien ein, aber Richard, der schon ziemlich zeitig auf den Beinen gewesen war, saß noch immer in Unterwäsche an dem unbequemen Couchtisch auf seinem Zimmer und schrieb ein Blatt nach dem anderen voll. Die Sätze sprudelten buchstäblich nur so aus ihm heraus und legten sich schon perfekt formuliert aufs Papier, ohne dass der »verrückte Schriftsteller« sie noch zurechtbiegen und stilistisch auf Hochglanz polieren musste.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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